Schmerzpatient Tim Wohllebe versteckt seinen linken Arm lieber.
Schmerzpatient Tim Wohllebe versteckt seinen linken Arm lieber. Foto: Toni Söll
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Gesundheit
Dieser Chemnitzer leidet an CRPS: „Mein linker Arm ist nur noch ein Anhängsel“

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Ein harmloser Unfall hat das Leben von Tim Wohllebe völlig verändert. Der Chemnitzer entwickelte das Schmerzsyndrom CRPS, das noch nicht voll erforscht ist. Über seinen Kampf um Anerkennung.

Chemnitz.

Sind das Linsen oder Murmeln in der Schüssel? Als Tim Wohllebe bei seinem Physiotherapeuten in jene Schüssel mit seiner linken Hand hineinfasst, fühlt er keinen Unterschied. Am liebsten würde er gar nichts anfassen, hält seine Hand versteckt, schützt den linken Arm vor Blicken und erst recht vor Berührungen. Denn die verstärken den permanenten Schmerz, das Brennen. "Mein linker Arm ist nur noch ein Anhängsel", sagt Tim Wohllebe leise. Der 29-Jährige leidet an CRPS, einem komplexen regionalen Schmerzsyndrom, auch Morbus Sudeck genannt.

Laut der CRPS Selbsthilfe sind deutschlandweit mehr als 130.000 Menschen betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer. "CRPS ist eine Schmerzerkrankung, die noch nicht vollständig verstanden ist", so die Deutsche Schmerzgesellschaft. Warum genau sie sich wann bei wem zeigt - unklar. Klar ist: "Mit einer Häufigkeit von zwei bis 15 Prozent kommt es nach Verletzungen der Arme oder Beine zum CRPS, vor allem nach Knochenbrüchen, Operationen und anderen schwereren Verletzungen." Betroffen von den Symptomen seien vor allem die Extremitäten, also Hände, Arme, Beine, Füße: Sie schmerzen, brennen, sind mal kalt, mal heiß, schwitzen, verändern die Farbe, sind kaum sensibel, dann wieder überempfindlich, schwellen plötzlich an - auch dann noch, wenn die vorangegangene Verletzung abgeheilt ist.

Alles begann mit einem Ausrutscher

Auch bei Tim Wohllebe begann alles mit einem scheinbar harmlosen Unfall. "Ich bin auf dem Heimweg von der Arbeit auf Glatteis ausgerutscht und auf mein linkes Handgelenk gefallen", erinnert sich der ehemalige Physiotherapeut an den Nachmittag im Januar vergangenen Jahres. Glücklicherweise kannte er einen Handchirurgen, der die Hand noch am selben Tag röntgen konnte, eine starke Prellung diagnostizierte und den Unterarm vorsichtshalber in einer Gipsschiene ruhig stellte.

Das gegen die Schmerzen verordnete Ibuprofen vertrug Tim Wohllebe schlecht, wechselte auf hochdosiertes Paracetamol. Doch ganz verschwanden die Schmerzen nicht. "Sie wurden anders", beschreibt es der Chemnitzer. Nach zwei Monaten wurde die linke Hand öfter lila-blau, schwoll an, abends war es besonders schlimm. Etwas damit berühren oder berührt werden? Ein langer Jackenärmel, der auf der Haut leicht reibt? "Ein Horror", so Tim Wohllebe, der bei diesen Worten gleich noch ein bisschen mehr den linken Arm unter den Tisch sacken lässt, an dem er sitzt. Sein Handchirurg ahnt, was dahinterstecken könnte und schickt ihn zur CRPS-Sprechstunde ans Dresdner Uniklinikum. Dort bestätigten die Mediziner den Verdacht.

"Ich laufe rum wie ein Zombie"

Der junge Mann bekam Physio- und Ergotherapie, Ultraschallbehandlungen, Fangopackungen, teils starke Schmerzmittel. "Ich bin oft davon total abgedimmt und laufe rum wie ein Zombie", sagt der Chemnitzer FC-Fan, der früher mittendrin bei den Ultras seinen Verein anfeuerte und heute fernab am Zaun steht, damit keiner auch nur in die Nähe seines Arms kommt. Manchmal trage er eine Armschlaufe, damit die Leute ihn ernst nehmen, sagt er. Denn was man als Beschwerden sehe, müsse ja existieren. "Ansonsten werde ich schnell als fauler Simulant abgestempelt, der nicht arbeiten will." Doch das stimme nicht, sagt Tim Wohllebe. Tatsächlich kehrt in dem Moment Energie in sein müde aussehendes Gesicht zurück, als er weitererzählt. "Ein halbes Jahr nach meinem Unfall wollte ich eine Umschulung machen, vielleicht als Tresenkraft in einer Physiotherapiepraxis weiterarbeiten." Doch seine für Arbeitswegunfälle zuständige Berufsgenossenschaft (BG) lehnte die Finanzierung dieses Berufswechsels ab. Er könne schließlich bald wieder als Physiotherapeut arbeiten, sei die Begründung gewesen.

Schmerzblockaden bringen kurze Linderung

Zu dieser Zeit hatte Tim Wohllebe gerade seine erste sogenannte Schmerzblockade hinter sich, vor der er enorme Angst hatte: "Bei Patienten mit Beschwerden im Arm wird dabei in der Nähe der unteren Hals- und oberen Brustwirbelsäule ein lokales Betäubungsmittel gespritzt, um vorübergehend dortige Nerven auszuschalten", erklärt Amir Zolal, Leitender Oberarzt Wirbelsäulenchirurgie und Schmerztherapie der Klinik für Neurochirurgie am Klinikum Chemnitz das Prozedere. Tatsächlich ließen bei Tim Wohllebe die Schmerzen und das Taubheitsgefühl zeitweise nach. "Ein Segen", erinnert er sich. Doch der hielt nicht lange, und die Schmerzen kamen wieder.

"Die Behandlung dieser Schmerzpatienten sollte immer multimodal erfolgen", sagt Mediziner Zolal. Neben Medikamenten gehören Physiotherapie, Sport, Entspannungstechniken sowie Gespräche mit Psychologen und anderen Patienten dazu. Falls nichts mehr hilft, kann oft ein sogenannter Neurostimulator Linderung und Schmerzfreiheit bewirken. "Er lindert neuropathische Schmerzen, indem er über Elektroden elektrische Impulse an die Nerven am Rückenmark sendet, welche die Schmerzsignale zum Gehirn überlagern oder blockieren", so Zolal.

Schmerz entsteht im Kopf

Das Ganze brauche allerdings Geduld. Bevor überhaupt implantiert wird, werde mit einem externen Stimulator getestet, und dann der Alltag mit und ohne Stimulation verglichen. "Nur wenn die Schmerzen mit dem Gerät deutlich weniger werden, setzen wir das Implantat", so Zolal. Nichtsdestotrotz müsse man bedenken: Was wir als Schmerz fühlen, entsteht in unserem Kopf. "Da spielt die Psyche eine große Rolle. Jegliche psychische Erkrankung sollte vor einer CRPS-Diagnose ausgeschlossen werden."

Tim Wohllebe hatte als Jugendlicher eine "vorübergehende depressive Phase", wie er sagt. Seine BG machte das offenbar misstrauisch. "Sie dachten wohl, dass ich wieder so ein Problem und deswegen CRPS habe", mutmaßt der Chemnitzer. Das Ergebnis eines routinemäßig erstellten psychologischen Gutachtens habe er allerdings bis heute nicht gesehen, dafür aber die Entscheidung der BG zugestellt bekommen: Ihm werde keine Verletztenrente gezahlt. Ein Anspruch auf Verletztenrente besteht, wenn die Erwerbsfähigkeit durch einen Arbeits- oder Wegeunfall oder eine Berufskrankheit um mindestens 20 Prozent gemindert bleibt, nachdem übergangsweise Verletztengeld gezahlt wurde. Die Handgelenksverletzung sei jedoch folgenlos verheilt, das im Nachgang entstandene CRPS habe nichts damit zu tun, und er sei wieder voll berufsfähig, habe ihm die BG mitgeteilt. "Nur wie soll ich einhändig Patienten behandeln, wenn ich mir noch nicht mal selbst einen Hosenknopf zumachen kann", fragt Tim Wohllebe, der seit anderthalb Jahren fast nur noch Jogginghosen trägt.

Zudem habe die BG dann die Erstattung sämtlicher Behandlungen eingestellt. "Mr wurde sinngemäß mitgeteilt, dass ich schon genug Geld gekostet habe", so der junge Mann. "Die fehlenden Behandlungen haben dazu geführt, dass sich meine Hand noch sehr viel mehr versteift hat."

"Einfach normal leben"

Mittlerweile habe er viel Mut und Tatendrang verloren. Seine Mutter hilft ihm im Alltag, trotz eigener Pflegebedürftigkeit. Aufgeben will Tim Wohllebe nicht, kämpft momentan vor Gericht für die Anerkennung eines Pflegegrades. Er spaziert viel, macht dreimal die Woche leichten Kraftsport, um die Fehlhaltungen auszugleichen, die durch die Schonung des schmerzenden Arms entstanden sind. "Ich bin seit dem Unfall rapide gealtert", sagt er. Fotos von früher zeigen einen schlanken Mann, heute sind zehn Kilo zu viel auf den Rippen.

Bis Juli zahlt ihm die Krankenkasse Krankengeld. Ändert sich nichts an der Situation, muss Tim Wohllebe danach das Arbeitslosengeld bei Arbeitsunfähigkeit beantragen. Das wiederum mache ihm Hoffnung: "Dann habe ich vielleicht doch noch die Möglichkeit, eine Umschulung zu machen." Alleine könne er diese nicht finanzieren. Allerdings falle es ihm derzeit durch die Schmerzen und Medikamente schwer, sich zu konzentrieren. "Daher traue ich mir so etwas momentan eigentlich gar nicht zu." Und doch sei da noch ein Wunsch, den gleichaltrige Freunde oft schon verwirklicht hätten. "Einfach normal leben, eine Familie gründen."

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