"Man sieht, dass es auch anders gehen kann, ohne Investoren": Jens Möller (li.) und Matthias Chodora am Legendeneck beim neuen Stadion.
"Man sieht, dass es auch anders gehen kann, ohne Investoren": Jens Möller (li.) und Matthias Chodora am Legendeneck beim neuen Stadion. Bild: Uwe Mann
Regionalliga Nordost
FSV Zwickau: Rettungsaktion der Fans "kann den ganzen Fußball verändern"

Seit Juli kämpft Fußball-Regionalligist FSV Zwickau einzig mit der beeindruckenden Kreativität seiner Fans gegen die drohende Insolvenz. Den vermeintlich bequemeren Weg über einen Investor hat man abgelehnt.

Zwickau.

Mit 8 Jahren war Matthias Chodara (62) Anfang der 70er-Jahre das erste Mal beim FSV Zwickau, Vater und Opa hatten ihn ins Westsachsenstadion mitgenommen. Jens Möller (56) hat die Liebe zu den Schwänen im Europapokalspiel gegen Glasgow 1976 gepackt. Seitdem, sagen beide, ist der FSV ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden. So wichtig, dass sie sich sogar als Vorsitzende des Fördervereins um die Spenden des Crowdfundings kümmern, mit dem die Zwickauer Fans gerade versuchen, ihren Verein vor der Insolvenz zu retten. Christoph Benesch hat mit ihnen ein Gespräch geführt über Liebe, Fußball und schwere Monate.

Freie Presse: Herr Chodara, Herr Möller, mit dem FSV Zwickau mussten Sie beide schon viele schwere Zeiten überstehen. Ist das aktuell die schwierigste?

Matthias Chodara: Ja, das ist die schwierigste. Aber auch der Abstieg bis in die Landesliga und 2010 die Fast-Insolvenz, das war auch ein großer Schock. Die Monate jetzt, die fühlen sich an, als würden wir in ein tiefes Loch fallen.

Freie Presse: Wie äußert sich diese Angst um das Überleben eines Sportvereins bei Ihnen persönlich?

Jens Möller: Wie schlimm es wirklich ist, das kam erst nach und nach an die Oberfläche. Das hat schon sehr viel Herzschmerz ausgelöst, das begleitet einen rund um die Uhr. Ohne die Aktionen, die die Fans seitdem angestoßen haben, gäbe es den FSV Zwickau heute nicht mehr.

Freie Presse: Die einfachste Lösung, die viele Vereine in ähnlichen Situationen wählen, ist ein Investor. Der FSV hat das abgelehnt und die Fans versuchen seitdem selbst, das fehlende Geld selbst einzutreiben. Kann das wirklich klappen?

Möller: Ich bin ehrlich: Ich war im Juli skeptisch, als es losging. Das wirkte alles viel zu groß: Das Ziel der "Fußball gehört den Fans"-Spendenkampagne liegt bei 500.000 Euro, das ist eine Menge Geld! Aber jetzt ist gerade mal August und wir haben bereits über 280.000 Euro eingesammelt. Das ist Wahnsinn!

Chodora: Vor allem in dieser kurzen Zeit! Und wer alles gespendet hat: Ob das Rot-Weiß Essen war, der 1. FC Nürnberg oder Dynamo. Man traut sich's kaum sagen, aber auch aus dem Erzgebirge haben Menschen Geld geschickt - meist lieber anonym, da ist die Rivalität dann doch zu groß.

Möller: Auch ehemalige Spieler haben gespendet wie Lars Lokotsch, Hauptmann oder Schneider.

Chodora: Das ist ein gutes Zeichen, dass die eine Verbundenheit zu Zwickau, zum Verein, zu uns Fans mitgenommen haben zu neuen Clubs. Das ist nicht selbstverständlich.

Freie Presse: Zum Teil trennen sich Fans von ganz besonderen Sammlerstücken, um sie zu versteigern.

Chodora: Da habe ich kaum noch etwas, meine Sachen habe ich 2010 schon bei der letzten Rettung versteigert...

Freie Presse: Warum, Herr Chodora, macht man so was? Warum gibt man sein letztes Hemd für einen Fußballverein?

Chodora: Da denkt man gar nicht darüber nach: Der FSV ist nicht nur ein Verein, das ist für uns Fans eine Familie. Es gibt nichts im Leben, was über dem Verein steht.

Möller: Ich glaube, die Tatsache, dass der FSV noch nie auf Rosen gebettet war, das macht genau den Reiz aus. Er braucht diese Unterstützung der Fans, des Umfelds, um zu leben. Das macht uns alle aus, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl.

Freie Presse: ...und die Kreativität: Eine "Investoren-Dauerkarte", für die man freiwillig mehr bezahlt, obwohl der Spielbetrieb noch gar nicht gesichert war; dieses riesige Crowdfunding; ein Freundschaftsspiel gegen Dynamo...

Chodora: Unsere Haupteinnahmequelle ist gerade der Becherpfand: Die Fans verzichten auf den Pfand und werfen die Marke stattdessen in eine spezielle Box. Die wird dann am Ende in Spenden umgewandelt.

Möller: Was den Fans da alles einfällt, ist unglaublich. Und: Ja, natürlich kann man schimpfen, ob das mit der Pyrotechnik und so immer sein muss - aber wie sie sich engagieren, um den FSV zu retten, das zeigt, was das für Jungs sind.

Freie Presse: Becherpfand wird aber nicht reichen, um noch mal 200.000 Euro einzusammeln...

Chodora: Ich bin überzeugt, dass noch mal ein großer Schub kommt im September, auch haben die Fans sicher noch dutzende Ideen. Dynamo hat ja auch die lila Sau geschlachtet - da bin ich sehr gespannt, was da überwiesen wird.

Freie Presse: Wie wichtig ist für all die Rettungsaktionen das Sportliche?

Chodora: Für die Motivation enorm wichtig! Wir hatten alle die Hoffnung, aber keiner hat damit gerechnet, dass die jungen, neuen Spieler sich so reinhauen, wie sie das getan haben für den FSV. Das gibt einen richtigen Schub auch uns! Es hat gut getan zu sehen, wie die Jungs nach Spielschluss auf den Fanblock zustürmt sind - das gab es so noch nie!

Freie Presse: Es sind Spieler, die nicht wegen des Geldes in Zwickau sein können, sondern weil es für viele die letzte Chance ist, es in den Profifußball zu schaffen. Eine besondere Mannschaft in einer besonderen Zeit?

Chodora: Natürlich, deshalb ist die Identifikation auch so hoch. Nehmen wir nur Theo Martens, der bei zwei Vereinen zuvor rausgeflogen ist. Der ist nun bei einem Verein, der eigentlich schon tot war. Das ist eine einmalige Chance, sich doch noch mal zu zeigen.

Freie Presse: In der ganzen Republik haben sich Menschen vom Traditionsverein in Not emotionalisieren lassen und gespendet. Niemand sagt: Dann haben die eben zu viel Geld ausgegeben, selbst schuld!

Chodora: Das hat mit dem Spruch "Fußball gehört den Fans" zu tun, glaube ich. Das kapieren viele Vereine nicht: Wenn die Fans nicht mehr kommen, dann bricht alles zusammen. Und was passieren kann, wenn man sich auf Investoren einlässt, kann man an vielen Orten sehen.

Freie Presse: So gesehen ist das, was in Zwickau gerade passiert, ein Leuchtturmprojekt?

Möller: Man sieht beim FSV Zwickau, dass es auch anders gehen kann, ohne Investoren. Dass der Fußball nicht von ihnen abhängig ist, sondern einzig und allein von seinen Fans.

Chodora: Das kann eine Signalwirkung für den ganzen Fußball haben, natürlich. Und wenn andere Vereine dann kämpfen, dann werden auch wir Zwickauer spenden und sagen: Da machen wir mit!

Freie Presse: Wie viel Geld haben Sie denn schon in den FSV Zwickau reingesteckt?

Chodora: Über diese Summen schweige ich besser...

Möller: Seit der 3. Liga bin ich auch ein Sponsor - aber ich will es besser gar nicht erst wissen, wie viel Geld ich insgesamt ausgegeben habe.

Freie Presse: Meine Herren, wenn Ende September der FSV Zwickau tatsächlich all das Geld eingesammelt hat: Was passiert danach?

Chodora: Das schweißt zusammen. Und es wird auch niemals enden. Es wird keinen Schnitt geben: Jetzt ist Ruhe.

Möller: Ich glaube auch nicht, dass es die letzte Rettungsaktion gewesen ist...

Freie Presse: Sonst wäre es nicht der FSV Zwickau?

Möller: Sonst wäre es nicht der FSV Zwickau! (chb)

Zur Spendenaktion:  www.99funken.de/fussball-gehoert-den-fans

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