Kirche im Vogtland ringt um neue Struktur

Nach zweijähriger Debatte wollen die beiden vogtländischen Kirchenparlamente morgen einen Zuschnitt der Gemeinden für die Zukunft festzurren. Wie der aussehen soll, wo Chancen und Risiken liegen und was Kritiker dazu sagen.

Auerbach/Plauen.

Es ist eine Karte, die das Dilemma aufzeigt. Darauf: die evangelisch-lutherischen Kirchgemeinden im Vogtland und dahinter zwei Zahlen. Eine große und eine kleine. Die große: Sie zeigt die Anzahl der kirchlich verankerten Christen im Jahr 2017. Die kleine: jene im Jahr 2040 nach aktueller Prognose. Beispiele: Treuen 2062/1023, Markneukirchen/Erlbach 2629/1305, Altensalz/Theuma 1408/699. Das Verhältnis ist überall ähnlich. Die Landeskirche im Vogtland mit derzeit 36.000 Mitgliedern schrumpft um die Hälfte.

Es geht dabei nicht um Austritte, sagt Plauens Superintendentin Ulrike Weyer. Sondern um einen demografischen und gesellschaftlichen Wandel. Die Oma, die noch selbstverständlich Kirchenmitglied war, verstirbt. Dass ihr Urenkel auch über den Taufstein gehalten wird, ist längst nicht selbstverständlich.

Leer bleiben aber nicht nur Kirchenbänke, sondern auch Kassen, aus denen heute noch nahezu flächendeckend Personal finanziert wird - wenngleich ein Kantor mittlerweile schon eine Rarität geworden ist. Die Landeskirche setzt diesem Prozess eine Strukturreform entgegen, die das Gebilde langfristig am Leben erhalten soll. Kern: 4000 Christen braucht es auf dem Land für eine personell vollumfänglich ausgestattete Einheit, bezeichnet als Region. Diese Regionen nehmen die Kirchgemeinden auf. Über die Rechtsform der Zusammenarbeit entscheiden sie selbst. Es gibt verschiedene Modelle.

Seit diesem Beschluss des sächsischen Kirchenparlamentes wird diskutiert, gerungen und gerechnet. Wer geht mit wem? Wo reichen Mitgliederzahlen für Wunschkonstrukte aus? Wo gibt es Lösungen über einstige Grenzen hinweg? Schließlich fusionieren die Kirchenbezirke Plauen und Auerbach zum 1. Januar 2020. "Wir haben deshalb überall Grenzgespräche geführt", sagt Ulrike Weyer. Ergebnis: Klingenthal, heute Kirchenbezirk Auerbach, geht künftig mit Markneukirchen/Adorf und den Bäder-Gemeinden, bisher Kirchenbezirk Plauen. In letzter Minute wurden der Klingenthaler Wechselwunsch auf einer Kirchenbezirkssynode im Herbst formuliert - und damit lang ausgetüftelte Stellenpläne zum Teil wieder auf den Kopf gestellt. Die obervogtländische Gemeinde ist vergleichsweise groß, es gab eine Art Domino-Effekt, weil geforderte Zahlen nicht mehr aufgingen, wie es Hendrik Pröhl erklärt. Der Pfarrer aus dem Dreiländereck ist Mitglied der Plauener Synode.

Zur gemeinsamen Tagung der Plauener und Auerbacher Kirchenparlamente am Dienstag in der Oelsnitzer Katharinenkirche soll es mit einem finalen Beschluss klappen. In fünf Regionen soll der Kirchenbezirk Vogtland langfristig eingeteilt werden, so der Plan. Bis 30. Juni 2019 müssen die Verträge stehen, 2020/21 beginnt die Umsetzung.

Doch was bringen die neuen Einheiten? Ziehen sie kirchliches Leben aus den Kirchgemeinden vor Ort heraus, weil Wege weiter werden? Oder ist es vordergründig ein Verwaltungskonstrukt? Die Meinungen dazu sind geteilt. "Wichtig ist das Inhaltliche", sagt Auerbachs amtierender Superintendent Eckehard Graubner. "Die Struktur ist das Vehikel, auf dem das Ganze getragen wird." Hendrik Pröhl sieht Vorteile mit Blick auf kirchliche Mitarbeiter, die jeweils für eine ganze Region verantwortlich sind. Er vergleicht das Ganze mit einem Genossenschaftsmodell. Der Pfarrer, jetzt oft Einzelkämpfer und mit Aufgaben von Seelsorge bis Kirchenbau betraut, arbeitet dann nach seinen Stärken in einem größeren Teampfarreramt. Ein Plus auch beim Thema Kirchenmusik: Jede Region erhalte einen qualifizierten Kirchenmusiker, von dem alle profitierten. "Wir müssen vor den Regionen keine Angst haben", sagt er. "Wenn wir denn wollen, kann es ein Segen sein."

Doch genau da hakt es, denn längst nicht alle wollen. Etliche Christen in Sachsen empfinden die Zusammenschlüsse als "von oben verordnet". Friedhelm Zühlke aus Auerswalde bei Chemnitz hat bereits im Vorjahr im Internet auf der Seite www.openpetition.de eine Petition angestoßen. Er möchte, dass die Landessynode die Reform stoppt. Mehr als 8500 Christen haben unterschrieben, darunter 300 Vogtländer.

"Die Notwendigkeit der Reform bestreitet niemand. Aber wir wehren uns gegen die Art und Weise", sagt Pfarrer Hartmut Stief von der Plauener Versöhnungskirche. Stief ist überzeugt, dass die Reform Kirchenvorstände emotional dazu drängt, Entscheidungen zu treffen, welche die Gemeindeglieder nicht wollen. Zühlke, Initiator der Unterschriftenaktion, befürchtet, dass viele Ehrenamtliche ihre Motivation verlieren und aufhören. Auch andere Pfarrer aus dem Vogtland haben sich kritisch geäußert. Laut Stief erkennen die Kirchgemeinden die Notwendigkeit einer Reform und bemühen sich um Lösungen. Wichtig sei jedoch, dass die Landeskirche nicht auf die Zahl 4000 beharrt.

Weitere Zugeständnisse aus Dresden sind jedoch fraglich. Denn die Petition habe durchaus einiges bewirkt, sagt Otto Guse, Vorsitzender der Landessynode aus Falkenstein. "Das sieht man an den jüngsten Beschlüssen. Es gibt die Beteiligungskirche." Nicht zuletzt das Beispiel Klingenthals hätte das gezeigt, so Guse.

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