Klaus Hergert sitzt im Gemeinderat, arbeitet für die Feuerwehr und, und und. Dabei sitzt er seit dem dritten Lebensjahr im Rollstuhl. Sein Markenzeichen: unerschütterliche Fröhlichkeit.
Die Uhr tickt für Klaus Hergert. Im September des kommenden Jahres muss der Limbacher mit seinem silbernen Ford-Bus zum TÜV. Was dann rauskommt, weiß der 51-jährige Rollstuhlfahrer jetzt schon. „Der Unterboden sieht aus wie ein Schweizer Käse“, sagt er. „Mein Monteur hat gesagt, er weiß mittlerweile nicht mehr, wo er fürs Schweißen überhaupt noch etwas ansetzen kann.“ Doch ohne Auto sitzt Hergert in Limbach fest. Er leidet an Spinaler Muskelatrophie, einem fortschreitenden Muskelschwund. Beine und Arme kann er zwar spüren, aber nicht bewegen. Deshalb kann er sich nur mit einem wuchtigen Elektrorollstuhl fortbewegen, den er mit seinen Fingerspitzen steuert. Mit dem kommt er aber in keinen Linienbus.
Seine Freunde setzen sich für ihn ein
Deswegen hofft Hergert auf Unterstützung durch „Leser Helfen“. Bei Null anfangen müssen die Leser der „Freie Presse“ nicht. Hergerts Freunde haben bereits im Juli angefangen, Geld für einen neuen Bus zu sammeln. Einen neuen Gebrauchten, um’s genau zu sagen. Ein Neuwagen liegt außerhalb seiner Möglichkeiten. Doch selbst ein Fahrzeug aus zweiter Hand, das für seine Zwecke passt, schlägt mit zirka 55.000 Euro zu Buche. „30.000 Euro sind schon zusammen“, sagt Hergert. Möglich gemacht haben das seine Unterstützer, die in den sozialen Medien für ihn trommeln. „Wir haben beispielsweise ein Instagram-Profil angelegt und dort über die Krankheit informiert“, sagt Julia Müller. Mit Erfolg. In kürzester Zeit ging ein ordentlicher Batzen an Spenden ein. Um den Topf weiter zu füllen, wurde kürzlich für ihn in der Diskothek E-Werk eine ganz besondere Tür versteigert. Sie hing früher am Eingang des legendären Kultclubs Bambule im Reichenbacher Neubaugebiet.
Doch der Spendentopf für sein Auto füllt sich mittlerweile merklich langsamer. Mit umso bangerer Miene blicken Hergert und seine Freunde Richtung September. Wenn ihm der Rost überhaupt noch soviel Zeit lässt. „Jede Fahrt ist ein Himmelfahrtskommando“, sagt Hergert. Falls der Bus jetzt schon seinen Geist aufgibt, war‘s das für den Rollstuhlfahrer. „Ich bin ein sehr geselliger Typ“, beschreibt er sich selbst. Der gelernte Bürokaufmann kümmerte sich früher am Computer um den Werbeauftritt einer Schreinerei, ist ehrenamtlich im Bereich Muskelerkrankung tätig, sitzt im Limbacher Gemeinderat und ist sogar stellvertretender Bürgermeister. Langeweile ist nicht sein Problem. Er will aber auch mal ins Kino oder ins Theater – oder sich mit einem Kumpel in der Kneipe auf ein Bier treffen. Das geht nur mit Auto.
Die Kälte ist ein schlimmer Feind
Und noch aus einem Grund ist ein fahrbarer Untersatz für ihn so wichtig: Lange draußen bleiben um mit dem Rollstuhl von A nach B zu fahren, ist heikel für den Rollstuhlfahrer. „Jede Erkältung ist extrem gefährlich für mich“, sagt Klaus Hergert. Damit sich ein Körper aufwärmen kann, braucht er Muskeln. Genau die hat der Limbacher kaum. „Ich muss mich sehr dick einpacken, wenn ich nach draußen gehe“, so Hergert. „Todesursache Nummer 1 für Menschen mit meiner Krankheit sind Erkältung und Grippe.“ Wegen seiner Muskelschwäche kann er noch nicht einmal Abhusten. Der 51-Jährige braucht dafür einen Apparat. Kontakt mit erkälteten Menschen muss der Limbacher sowieso in jedem Fall meiden. Klaus Hergert schluckt viele Vitamine, um Viren und Bakterien auf Distanz zu halten. Das ist aber nicht alles. Noch etwas hilft ihm beim gesund bleiben: eine positive Lebenseinstellung.
Für jemandem in seiner Lage klingt das fast zynisch. Doch was an Klaus Hergert am meisten auffällt ist seine Fröhlichkeit. Der Mann im Rollstuhl strahlt so viel gute Laune aus, dass es schier unmöglich ist, in seiner Gegenwart schlecht gelaunt zu sein. „Jammern geht schnell“, sagt er. Und ergänzt: „Jammern bringt dich aber nicht weiter.“ (nie)







