Debatte ums Rotwild: Professor gibt Warnschuss ab

Ein Experte hat im Streit zwischen Sachsenforst und Hegegemeinschaft um die Bejagung erste Ergebnisse einer Studie präsentiert - und fordert Änderungen. Ansonsten drohe ein Schreckensszenario.

Marienberg.

Misstrauen, gegenseitige Vorwürfe, Beschuldigungen und Forderungen - der Graben zwischen Hegegemeinschaft Erzgebirge und Staatsbetrieb Sachsenforst ist tief. Es schwelt ein Streit ums Rotwild - um Bejagung, fragwürdige Methoden und fehlende Kontrolle. Die ersten Ergebnisse einer von der Hegegemeinschaft beauftragten Studie von der TU Dresden sollen Klarheit schaffen. Die Rotwild-Schützer fühlen sich in ihrer Kritik am Sachsenforst bestätigt. Professor Sven Herzog aber nimmt alle Konfliktparteien in die Pflicht.

Ein Jahr nach Start des Projekts hat der Experte für Wildökologie gemeinsam mit Diplom-Ingenieur Michael Hunger zur Mitgliederversammlung der Hegegemeinschaft in Scheibenberg erste Erkenntnisse präsentiert. Die Untersuchungen haben ergeben, dass es keinesfalls zu viel Rotwild in den hiesigen Wäldern gibt. Dafür wird aber falsch bejagt. Herzog kritisiert zu hohen Jagddruck, Drückjagden im Januar und die Jagd in Wiesengebieten, wodurch Rotwild überhaupt erst aus seinem Lebensraum in den Wald gedrängt wird. "Das Wissen der 1990er-Jahre steckt noch in den Köpfen", betont Herzog. Schälschäden könnten durch richtige Bejagung verhindert werden. Allerdings sind in der Studie die vom Staatsbetrieb bewirtschafteten Flächen nicht mit untersucht worden. Der Sachsenforst habe keine Zuarbeit geleistet. Ebenso wenig das Landratsamt unter Berufung auf den Datenschutz.

Dabei will Herzog mit der Studie Fakten schaffen, die im Streit zwischen Sachsenforst und Hegegemeinschaft zur Kenntnis genommen werden und den Konflikt lösen sollen. Zuletzt hatte die Kritik wegen fragwürdiger Jagdmethoden des Staatsbetriebs Überhand genommen. Wegen einer mutmaßlich illegalen Lappjagd wurden eine Anzeige bei der Polizei und eine Dienstaufsichtsbeschwerde im Landratsamt bei der unteren Jagdbehörde eingereicht. "Freie Presse" berichtete. Nach der Veröffentlichung meldeten Jäger weitere angebliche Verstöße des Sachsenforsts. Das Verfahren im angezeigten Fall wurde mittlerweile eingestellt, teilt Landratsamtssprecherin Jutta Leonhardt mit. Der Sachsenforst selbst wies die schweren Vorwürfe zurück. Ein Sprecher sagte, es würden in den Gebieten keine Lappjagden erfolgen. Dem entgegen hat Neudorfs Forstbezirksleiter Matthias Weinrich nun angedeutet, dass es durchaus welche gegeben hat, sie aber nicht gegen das Gesetz verstoßen haben.

"Es liegt einiges im Argen", sagt Professor Herzog. Und das nicht nur im Erzgebirge. Die Konflikte würden anderswo zum Teil sogar unter der Gürtellinie ausgetragen, ergänzt Herzog. Er fordert ein Ende des Streits, Kooperation aller Beteiligten und Gesprächskreise: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, jagen wir in 20 Jahren nicht mehr." Es sei keine vage Behauptung, dass es dann kein Rotwild mehr gebe.

Sofern die Studie fortgesetzt wird, bietet sich Herzog als Moderator an. Die Hegegemeinschaft will mit dem Forst zusammenarbeiten und sei gesprächsbereit, sagt deren Vorsitzender Karsten Bergner. Auch Forstbezirksleiter Weinrich hält eine Zusammenarbeit für sinnvoll: "Ich bin dazu bereit." Weinrich macht sogar Zugeständnisse, bietet Jägern gemeinschaftliche Jagden mit dem Staatsbetrieb an. Zudem werden ab sofort die umstrittenen Drückjagden im Januar eingestellt. Der Forstbezirksleiter stellt aber auch Forderungen: "Ich habe ein Problem damit, ständig vorgeführt und angezeigt zu werden. Wir müssen das gegenseitige Bekämpfen lassen." Hegegemeinschaftschef Bergner hofft wiederum vor allem eines: "Dass den Lippenbekenntnissen diesmal auch Taten folgen."


Hegegemeinschaften im sächsischen Landtag angehört

Nachdem eine erste Petition keine Veränderungen gebracht hatte, reichten vier sächsische Hegegemeinschaften im Dezember 2017 eine zweite Petition im Landtag ein. Darin fordern 4100 Unterzeichner unter anderem artgerechten Umgang mit Wild und eine Reform der Behördenstruktur.

Die Petenten wurden nun im Juni im Petitionsausschuss des Landtages angehört. "Es gab viele Fragen von den Abgeordneten. Unsere Argumente haben zum Nachdenken bewegt und bei der Mehrheit zu der Einsicht geführt, dass dringend Handlungsbedarf besteht", erklärt Karsten Bergner. "Wir haben nun die Hoffnung, dass die Petition nicht wieder im Sande verläuft." Eine Entscheidung seitens der Politiker ist noch nicht getroffen. "Hoffentlich fällt unser Anliegen nicht dem Fraktionszwang und Lobbyismus zum Opfer", so Bergner. (rickh)

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