Ex-Vizekanzler Christian Lindner zieht es in die Autobranche. Statt bei Daimler oder VW heuert er aber bei einem ostdeutschen Autohändler an, der als „Auto-Aldi“ gilt. Was steckt dahinter?
Der Autoland AG ist mit der Verpflichtung des bekennenden Porsche Fahrers Christian Lindner ein echter Coup gelungen. Zum 1. Januar 2026 wird der Ex-Bundesfinanzminister und Ex-Vizekanzler nun Vizechef von „Deutschlands größtem Autodiscounter“, wie sich das Unternehmen selbst nennt. Lindner soll sich dort zukünftig um Marketing, Vertrieb und Digitalisierung kümmern. Die Zentrale des früheren FDP-Parteichefs befindet sich jetzt also statt in Berlin im 40 Kilometer von Leipzig entfernten Sandersdorf-Brehna in Sachsen-Anhalt. Das Filialnetz seines neuen Arbeitgebers spannt sich aber engmaschig über ganz Ostdeutschland: Die Autoland AG hat 32 Niederlassungen, darunter auch eine in Chemnitz, Dresden und Leipzig.
Fast eine Milliarde Euro Umsatz
Die Verpflichtung Lindners sei „Teil der Wachstumsstrategie von Autoland“, heißt es in einer Pressemitteilung des Unternehmens. Die geht bislang offenbar auf. Der Umsatz von Autoland lag 2024 bei knapp 890 Millionen Euro - und ist damit im Vergleich zum Vorjahr um 20 Prozent gewachsen. Autoland beschäftigt rund 1500 Menschen. Dieses Jahr will das Unternehmen nach eigenen Angaben die Umsatzmilliarde knacken und knapp 60.000 Fahrzeuge verkaufen. In den Filialen werden 30 Automarken angeboten, neue und gebrauchte, auch Jahreswagen. Porsche ist allerdings nicht mit dabei.
Lindner: Sandersdorf-Brehna statt New York
„Gegenwärtig ist unser Schwerpunkt Ostdeutschland - bald wollen wir flächendeckend präsent sein“, beschreibt Lindner auf Instagram eine seiner künftigen Herausforderungen. Er wolle dort arbeiten, wo das Herz der deutschen Wirtschaft schlage. „Für mich ist individuelle Mobilität eine Frage der Freiheit. Deshalb darf das Auto nicht zum Luxusgut für wenige werden, sondern muss für viele Menschen bezahlbar bleiben.“ Das sei die Mission von Autoland und auch seine. „Es gilt also: Auto statt Hedgefonds, Sandersdorf-Brehna statt New York“, so Lindner.
Der „Sächsischen Zeitung“ sagte Lindner, er wolle „nahezu täglich in Sandersdorf-Brehna sein“. Übrigens lebe ein großer Teil seiner Familie in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Sachsen, erklärte er. Auf Facebook ließ er zudem wissen: „Neben meinem beruflichen Schwerpunkt bei der Autoland AG engagiere ich mich noch als Aufsichtsrat und Advisor für Unternehmen und Stiftungen, deren Menschen, Themen und Visionen mich inspirieren.“ Details dazu nannte Lindner nicht. Bekannt ist aber bereits, dass er unter anderem für den digitalen Personaldienstleister Stepstone tätig sein wird. Auch im Kuratorium der Stiftung Familienunternehmen wird er mitmischen.
Autoland-Firmengründer Anclam: Gang an die Börse geplant
Für den Autoland-Gründer Wilfried Wilhelm Anclam passt Lindner perfekt zur eigenen Firmenphilosophie. Mit ihm werde die Autoland AG nicht nur bekannter, sagt der 68-Jährige. Mit seinen Talenten werde Lindner auch das ganze Unternehmen voranbringen. So sei bereits der Gang an die Börse geplant. „Autoland soll das stärkste Automobilhandelsunternehmen in Deutschland werden“, sagt Anclam. „Bis 2035 wollen wir mit 120 Niederlassungen im gesamten Bundesgebiet vertreten sein. Langfristig, also bis 2045, streben wir einen Marktanteil von fünf Prozent am deutschen Automobilmarkt an, das entspricht 500.000 verkauften Fahrzeugen pro Jahr.“
So wurde Autoland zum Riesen in der Branche
Die Anfänge waren klein: 1978 gründete der gelernte Polizeibeamte Wilfried Wilhelm Anclam, in Branchenkreisen auch WWA genannt und Vorstandsvorsitzender der heutigen Autoland AG, einen Einmannbetrieb in Hannover - buchstäblich in einer Garage. Da war er gerade einmal 21 Jahre alt. Sein Startkapital: ein blauer VW-Käfer, den er für ein „paar Hundert Mark“ gekauft und mit etwas Gewinn weiterverkauft habe. So erzählt es der Gründer im Rückblick in einem Interview auf der Autoland-Webseite. Nach und nach habe er zwei oder drei Käfer kaufen, „hübsch machen“ und weiterverkaufen können. So habe sich das Ganze entwickelt.
Nach der Wende erkannte Anclam das Potenzial für den Autohandel im Osten. Er verabschiedete sich also von der Polizei. Er habe unzählige Chancen gesehen, die Aufbruchstimmung habe ihn unglaublich gereizt, so Anclam. Anders als viele andere Westdeutsche schreib Anclam aber eine Erfolgsgeschichte. Er kaufte Grundstücke im Osten, eröffnete Filiale um Filiale. 2018 wandelte Anclam, der inzwischen 68 Jahre alt ist, sein Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um. Es ist bis heute allein in seinem Besitz. (juerg)






