Klassiker und Modernes weltweit gefragt

Viele Spielsachen haben kein langes Leben. Nicht so Holzbaukästen aus Blumenau. Mit denen spielen Generationen. Für die Hersteller ein Nachteil, aber auch Ansporn.

Blumenau/Olbernhau.

Andrea Köhler hört einen Satz von Eltern und Großeltern beinahe täglich: "Mit solchen Baukästen habe ich schon gespielt." Die Büroleiterin der Firma Erzgebirgische Holzspielwaren Ebert freut sich, dass die Produkte ihres Familienbetriebes bei Besuchern von Märkten und im Betrieb im Olbernhauer Ortsteil Blumenau so allgegenwärtig sind. In der Tat dürfte es kaum einen DDR-Bürger geben, der die legendären Holzbaukästen nicht kennt. Auch Generationen davor haben schon damit gespielt. Denn neben Grünhainichen war es ab 1860 vor allem der Ort Blumenau, der die Entwicklung bestimmte. "Hier entstanden innerhalb weniger Jahrzehnte mehrere bedeutende Fabriken", weiß Konrad Auerbach, Leiter des Spielzeugmuseums in Seiffen. Typisch für die Blumenauer Produktion seien farbig geprägte oder durch Rollendruck gefertigte Fassaden-Baukästen gewesen. "Zu ihnen gehörten Fenster, ursprünglich aus aufwendig bemaltem Glas, später mit unterlegten farbigen Folien."

Genau solche Fenster sind auch heute noch Elemente in den Baukästen der Firma Ebert, ebenso hölzerne Säulen und bogenförmige Brücken. Dabei war der Niedergang der Baukästen 1995 fast schon besiegelt. In jenem Jahr stand die letzte, bis 1990 zum DDR-Kombinat Vero gehörende Baukastenfirma in Blumenau zum Verkauf. Es war die Zeit, in der der studierte Betriebswirtschaftler Christian Ebert, heute 78, und sein Sohn Jürgen, der gerade eine Tischlerlehre abgeschlossen hatte, beschlossen, etwas völlig Neues anzupacken. Vater und Sohn erwarben den Blumenauer Betrieb von der Treuhand und starteten in der fünfgeschossigen DDR-typischen Fabrik mit der Erzgebirgischen Holzspielwaren Ebert GmbH neu durch. Zögerlich zunächst. "Denn durch zweijährigen Produktionsstillstand waren alle Kunden weg. Wir hatten aber das Glück, dass nirgendwo sonst solche Baukästen produziert wurden. Und fast jeder - zumindest im Osten- kannte sie", erzählt der heutige Firmenchef Jürgen Ebert. Fortan wurden wieder die bedruckten Bausteine, gedrechselten Säulen, Brückenteile, Würfel und bunten Fenster hergestellt - nicht mehr aus Fichten-, sondern aus Buchenholz.

Jahr für Jahr dachten sich die Männer fortan neue Dinge aus: Holzeisenbahnen und -trucks, Rechendominos, Bauerndörfer, Balance-Baukästen für therapeutische Zwecke, Puzzle-Cube, Steckfiguren, Klopfbank und Zählleiste. Sogar die "russische Rechenmaschine" und Kreisel wurden wiederbelebt. 300 verschiedene Artikel gibt es heute.

200 Kubikmeter Holz verarbeiten die zehn Beschäftigten pro Jahr zu Spielzeug, das an rund 2000 Abnehmer weltweit geht. Darunter sind Kunden in Österreich, Frankreich, Holland, der Schweiz, Japan und in den USA, berichtet Andrea Köhler. "Sie wissen, dass solche Bausteine bereits die Kreativität von Kleinkindern enorm fördern", sagt Jürgen Ebert, "und sie gehen nicht kaputt - zu unserem Leidwesen." Gerade die Langlebigkeit und das Erzgebirge als die Wiege der Produkte würden aber von vielen Kunden geschätzt.

Etwa die Hälfte der Erzeugnisse sind inzwischen Lern-, Rechen- und pädagogische Spiele, die vor allem von Schulen und Fördereinrichtungen nachgefragt würden. Entsprechend stabil sei der Absatz. Alle zwei Jahre präsentieren die Eberts auf der in Deutschland größten Bildungsmesse Didacta ihre Produkte.

Zu den Gestaltern und Spieleerfindern, mit denen die Eberts zusammenarbeiten, gehört seit einigen Jahren die Designerin Kathleen Scheurer, die in der Glauchauer Firma Cultform Design ihres Mannes mitwirkt. Dass ihr als Diplom-Architektin Häuser und Bausteine nahe liegen, versteht sich, sagt die zweifache Mutter. Aber sie wollte den Spielsachen auch neuen Schwung geben und eine moderne Note verpassen. Dass man dafür mitunter gar nicht alles neu erfinden muss, beweist sich bei "Architecto", das die 41-Jährige mit der Firma Ebert entwickelte. Dabei wurde ein naturbelassener Holzbaukasten mit einem Würfelspiel kombiniert. 2010 erhielt der Familienbetrieb dafür einen Hauptpreis im Wettbewerb "Tradition und Form" des Verbandes Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller.

2013 waren Ebert und Scheurer erneut erfolgreich mit ihrer variantenreichen Serie von verschiedenfarbigen Nikolaushäusern, die sich mit Räucherkerzen, Blumen im Reagenzglas, Teelichtern oder auch der klassischen Kerze bestücken lassen. In diesem Jahr sorgten sie erneut für Aufsehen und erhielten einen Hauptpreis im Branchenwettbewerb: mit einem Holzbaukasten, der auf unterschiedlich große Nikolaushäuser zurückgreift und nach dem Baukastenprinzip sowohl als viereckiger Adventskranz oder aber als Würfelspiel funktioniert.

Dieter Uhlmann, Geschäftsführer im Verband Erzgebirgischer Kunsthandwerker und Spielzeughersteller, lobt, dass die Firma Ebert die Herstellung der klassischen Baukästen im Erzgebirge nicht nur fortführt, sondern weiterentwickelt. Bemerkenswert sei, dass dies sowohl in Richtung didaktisches Lernspielzeug als auch in Richtung hochwertiger moderner Raumschmuck geschehe. "Die Verbindung mit Motiven der erzgebirgischen Volkskunst in Baukästen ist zu einem Alleinstellungsmerkmal geworden."

Dass heute nur noch rund ein Dutzend Firmen im Erzgebirge ausschließlich Holzspielzeug fertigen, führt Uhlmann darauf zurück, dass sie weit mehr dem globalen Wettbewerb ausgesetzt waren und sind als die erzgebirgische Holzkunst.

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