Zu wenige Nachfolger: Vielen Firmen in Sachsen droht das Aus

Tausende Firmeninhaber wollen sich in Sachsen bis 2025 in den Ruhestand verabschieden. Doch bei den meisten zeichnet sich noch kein Nachfolger ab. Dabei hängt davon die Zukunft des Landes ab.

Chemnitz.

Rund 6000 Handwerksbetriebe stehen allein in Südwestsachsen in den kommenden sechs Jahren vor der Übergabe, weil die Inhaber das Rentenalter erreichen. Das ist mehr als jeder Vierte.

Auch bei den Industrie-, Dienstleistungs- und Handelsunternehmen ist im Chemnitzer Kammerbezirk schon jetzt jeder dritte Inhaber 65 oder älter. Sachsenweit haben aber rund drei von vier Firmenlenkern noch gar keine Vorstellung, wem und wie sie ihr Lebenswerk übergeben wollen. Das geht aus Befragungen des Weiterbildungsinstituts Tuced der Technischen Universität Chemnitz, der sächsischen Wirtschaftskammern und des Landesverbands der Freien Berufe in den vergangenen beiden Jahren hervor.

Je größer eine Firma ist, desto eher sind aber schon Vorkehrungen für eine Übergabe getroffen worden. Favorisiert wird oft ein familieninterner Stabwechsel - bei Industriebetrieben mit Nachfolgeregelung ist das laut Umfragen bei jedem zweiten Unternehmen der Fall. Dabei ist laut einer Studie der Universität im schweizerischen St. Gallen nur noch jedes 50.Unternehmerkind überhaupt daran interessiert, direkt nach dem Studium den Betrieb der Eltern zu übernehmen. Auch deshalb hat erst die Hälfte der befragten Firmen mit mehr als 50 Mitarbeitern schon einekonkrete Lösung für die Übergabe.

Im Freistaat ist die Zukunft vor allem vieler Geschäfte, Bäckereien, Friseurläden, Reisebüros oder Elek-trobetriebe ungewiss. Denn jeder fünfte Unternehmer geht laut Umfragen von einer Betriebsaufgabe aus, wenn er sich in den Ruhestand verabschiedet. 70 Prozent davon sind allerdings Ein-Mann-Betriebe, sodass keine direkten Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu erwarten sind.

Auch Wirtschaftsforscher Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden macht sich weniger Sorgen um den möglichen Wegfall vieler Jobs. "Wir haben ohnehin Fachkräftemangel", sagt er. Schwerer wiege da für Sachsen eher der Produktionsrückgang durch Betriebsaufgaben oder gescheiterte Übergaben. "Denn das bedeutet letztlich: eine geringere Wirtschaftskraft, weniger Einkommen und damit weniger Kaufkraft."

Ragnitz sieht aber auch Chancen aufgrund der Vielzahl der anstehenden Firmenübergaben in Sachsen. "Da wir wegen der demografischen Entwicklung ohnehin zu wenig potenzielle Nachfolger haben, kann man nur hoffen, dass möglichst viele Unternehmen durch Fusionen fortgeführt werden", sagt er. "Das würde die Produktivität der Betriebe steigern - und es könnte mehr in Forschung und Entwicklung investiert werden."

Mit landesweiten Aktionstagen soll in dieser Woche darauf aufmerksam gemacht werden, frühzeitig an eine Nachfolgelösung zu denken. So sind unter anderem mehrere Veranstaltungen, Workshops und Expertensprechtage geplant. "Der Erhalt von Arbeitsplätzen und wertvollem Know-how stehen auf dem Spiel, zugleich der Fortbestand der unternehmerischen Lebensleistung", sagt Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD).


Wie der Generationenwechsel im Betrieb klappen kann

Vor allem die Inhaber kleiner Firmen scheitern in Sachsen oft daran, einen Nachfolger zu finden, wenn sie in den Ruhestand gehen. Ein Beispiel aus Rochlitz zeigt: Die Chemie muss stimmen.

Klaus Lippmann kramt ein altes Schwarz-Weiß-Foto hervor. Es stammt aus der Wendezeit und zeigt den Umbau einer Parterre-Wohnung direkt am Rochlitzer Markt zu seinem Reisebüro. "Jeder hat sich damals neu orientieren müssen", erzählt Lippmann. Der Zufall half ihm dabei auf die Sprünge. "Ein Verwandter aus dem Westen, ein Bustouristiker, hat uns 1989 besucht und sagte: Macht doch hier in Rochlitz ein Reiseunternehmen auf, das gibt es hier noch nicht", erinnert sich Lippmann.

Damals war Lippmann 37, damals legte er los. "Ich wollte erfolgreich sein und das durchstehen", sagt er. Heute, nachdem viel Herzblut in das Unternehmen geflossen ist, er drei Lehrlinge ausgebildet und zuletzt eine langjährige Mitarbeiterin verabschiedet hat, heißt es aber auch für ihn, loszulassen. "Das ist ein emotionaler Abschied", sagt er. "Wahrscheinlich auch, weil die 30 Jahre so schnell vergangen sind und ich das Rentenalter erreicht habe. Mein Lebenswerk wird aber eine Fortsetzung finden."

Mit 65 hatte Lippmann beschlossen, sein Reisebüro zu verkaufen. Nach einem Jahr intensiverer Beschäftigung mit einer Nachfolgeregelung hat er nun eine Firmenkäuferin gefunden: Sandra Lange, 41 Jahre alt, gelernte Reiseverkehrskauffrau, seit 2004 selbstständig und seit 2011 Inhaberin eines Reisebüros in Leipzig, wird den Betrieb zum 1. September übernehmen. "Sie habe ich auserkoren, weil sie die Beste ist, um das hier im ländlichen Raum fortzuführen", sagt Lippmann. Sieben anderen Interessenten gab er einen Korb. "Das waren Reisebüro-Ketten, mit deren Chefs ich gesprochen und verhandelt habe. Die wollten sich aber alle nicht selbst hierhersetzen, sondern nur dazukaufen und vielleicht einen Lehrling hier ein bisschen Umsatz schreiben lassen", sagt Lippmann. "Die Kundenbindung war uns aber in all den Jahren das Wichtigste - und Sandra Lange und ich waren uns sofort einig, dass diese Unternehmensphilosophie passt."

Gefunden haben sich Lippmann und Sandra Lange, die sich mit ihrem Mann in das Rochlitzer Büro reinteilen will, auf der Internet-Plattform Nextchange. Lippmann hatte dort inseriert, dass er einen Nachfolger sucht. Die Leipzigerin hatte dort ebenfalls ihr Interesse an einem zweiten Standbein bekundet - lange allerdings vergeblich. "Dieses Portal wird noch viel zu wenig genutzt und müsste viel bekannter gemacht werden", sagt Sandra Lange. Denn eigentlich sei das eine tolle Form, sich zu präsentieren, sagt auch Lippmann.

Warum sie nicht einfach selbst ein zweites Büro eröffnet hat, anstatt eines zu kaufen? "Der Vorteil einer Übernahme sind die vorhandenen betriebswirtschaftlichen Kennzahlen - und vor allem die Bestandskunden", sagt Sandra Lange. "Das ist in unserer Branche wichtig in Zeiten des Internets. Gerade in Kleinstädten wie Rochlitz gibt es aber einen Trend zurück zum Reisebüro mit kompetenter Vor-Ort-Beratung." Denn vielen sei die Suche im Internet zu kompliziert, zu unübersichtlich - und zu aufwändig.

Sandra Lange selbst ist mit ihrem Leipziger Reisebüro im Internet nicht einmal mit einer eigenen Homepage präsent. "Die habe ich auch noch nie gebraucht", sagt sie. "Die Kunden mailen mir ihre Urlaubswünsche -- und ich kreiere ein für sie maßgeschneidertes Angebot. Selbst auf den Reisen bin ich dann im Koffer quasi mit dabei und bin auch samstags und sonntags rund um die Uhr für meine Kunden erreichbar."

Beraten wird Sandra Lange bei der Übernahme des Reisebüros unter anderem von der Industrie- und Handelskammer. "Am Ende wird der Firmenkauf aber wahrscheinlich über meine Geschäftsbank laufen müssen", sagt sie. Die vorhandenen Förderprogramme seien leider mehr auf Firmengründungen als auf Übernahmen zugeschnitten, sagt Lippmann.

Sandra Lange hat es trotzdem noch nie bereut, sich selbstständig gemacht zu haben. Und für potenziellen Übernahmekandidaten, wenn sie selbst in Rente geht, sei ebenfalls schon gesorgt:. "Die eine Tochter meines Mannes arbeitet in einem Reisebüro und die andere hat Reiseverkehrskauffrau gelernt", sagt sie.


Chemnitzer Kammern beraten und unterstützen bei der Unternehmensnachfolge

Mit landesweiten Aktionstagen sollen Firmeninhaber diese Woche in Sachsen dafür sensibilisiert werden, frühzeitig an eine Nachfolge zu denken. Die Auftaktveranstaltung dazu findet am Montag mit Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) ab 17.30 Uhr bei der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer statt. Veranstaltungen, Workshops und Expertensprechtage dazu gibt es aber im Lauf der Woche unter anderem auch in Annaberg-Buchholz, Zwickau und Plauen. Das komplette Veranstaltungsprogramm ist im Internet abrufbar unter www.unternehmensnachfolge.sachsen.de

Eine anonyme und kostenlose Suche für Firmenübergeber und Nachfolger bietet die Plattform www.next-change.org. Unterstützung erhalten dabei sowohl die Unternehmensverkäufer als auch die Kaufinteressenten von der Chemnitzer Industrie- und Handelskammer. Sie hilft bei der Gestaltung des Inserates und vermittelt Interessenbekundungen. Auch die Chemnitzer Handwerkskammer berät zu Firmenübergaben.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    1
    WolfgangPetry
    17.06.2019

    Aus dem Text geht hervor, dass 70% der betroffenen Betriebe 1-Mann Firmen sind, meist Ladengeschäfte wie Bäckereien, Reisebüros oder Friseurläden. Diese Firmen bestehen aus gemieteten Gewerberäumen mit meist veralteter Ausstattung und in Kleinstädten oft rückläufigen Umsätzen, vielleicht gar noch Schulden. Selbstverständlich machen die sich keine Gedanken über einen Nachfolger. Wer sollte allen Ernstes für so etwas Geld zahlen, anstatt etwas ähnliches mit weniger Geld und nach eigenen Vorstellungen und mit frischem Wind neu zu eröffnen? Der Alarmismus der Überschrift scheint mir fehl am Platz!

  • 1
    4
    Kill
    17.06.2019

    Aldi und Lidl usw können die ja auch noch übernehmen. Sie haben schon viele kleine Betriebe auf ihren Gewissen. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, merkt man ua. auch in der Politik, dass hier etwas falsch liegt. Es werden in Zukunft noch ganze Branchen verschwinden, wenn man hier nicht eingreift und weiterhin die kleinen Betriebe immer mehr drangsaliert.



Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
Mehr erfahren Sie hier...