Im Januar feierte der Chemnitzer FC seinen 60. Geburtstag. Der Club begleitet mich ein Leben lang. Es ist an der Zeit, über Gefühle zu sprechen.
Es ist eine späte Liebe. Aber es war dann doch eine auf den ersten Blick. Wäre ich an einem anderen Tag als dem 30. Mai 1981 zum ersten Mal zu einem Oberligaspiel des FC Karl-Marx-Stadt ins Stadion gegangen, hätte es diese Liebe vielleicht nie gegeben. Wer weiß ...
Fußball war freilich in meinem Elternhaus omnipräsent. Mein Vater, aufgewachsen in der Oberlausitz, hielt es (selbstverständlich) mit Dynamo Dresden, meine Mutter drückte als gebürtige Chemnitzerin sowohl dem FCK als auch Wismut Aue und Sachsenring Zwickau die Daumen, sie war – wenn man so will – eine „Regionalpatriotin“. Im Fernsehen rollte fleißig der Ball, im DDR-Programm genauso wie bei ARD und ZDF – Welt- und Europameisterschaften, mittwochs Europapokal, am Samstag Oberliga Ost, gefolgt von Bundesliga West. Und am Sonntag das „Fußball-Panorama“, selbst wenn man dadurch den Anfang von „Raumschiff Enterprise“ oder den „Rauchenden Colts“ verpasste. Meine Mutter war noch viel mehr bei der Sache als mein Vater, das Fieber steckte den Sohn an.
Auf dem Schulhof nannten wir uns Rossi, Falcao oder Keagan, einer war auch Beckenbauer. In ein Stadion kam ich nie. Bis zu besagtem 30. Mai 1981. Gleich gegenüber der Heimstätte des FC Karl-Marx-Stadt befand sich unser Kleingarten, das Fußballspiel war für den damals Zwölfjährigen eine hervorragende Alternative zur Kaffee-und-Kuchen-Runde mit Tante und Gartennachbarin.
Es war der 26. und letzte Spieltag der Saison, zu Gast auf der Fischerwiese war Lok Leipzig. Es ging für den Club wie für die Gäste nur noch um die goldene Ananas. Es hätte ein Langweiler werden können. Es wurde ein Spektakel: Mit 6:1 fertigten die Himmelblauen den 1. FC Lok – eigentlich eine Spitzenmannschaft – ab, Hans Richter und Stefan Persigehl (je zwei Tore), Wolfgang Ihle und Joachim Müller (je eines) sorgten für Begeisterung bei den meisten der 6000 Zuschauer, so auch bei mir.
Ich kam von nun an öfter. Klassenkameraden begleiteten mich, im August 1982 zum ersten Mal auch meine kleine Schwester. Wir sahen ein aufregendes 4:3 gegen den FC Vorwärts Frankfurt/Oder. Frank Uhlig, Jürgen Bähringer, Andreas Müller und Stefan Persigehl trafen für den FCK, Frieder Andrich – der Onkel von Robert Andrich – für den Armeesportklub. Die neun Jahre alte Claudia hüpfte vor Begeisterung, der Bruder war sehr zufrieden mit seiner Idee.
Man erinnert sich eben an die positiven Dinge. Die Regel waren solche Siege nicht. Der Club mäanderte in diesen Jahren zwischen mittlerem und hinterem Mittelfeld, mehr Mittelmaß war nicht möglich. Nach oben ging nichts, nach unten wurde es selten brenzlig. Der Liebe tat das keinen Abbruch, man freute sich oder litt mit seiner Mannschaft, man wusste, wo man hingehörte. Unsere Helden hießen Krahnke, Bähringer, Müller, später Glowatzky und Steinmann.
Mittlerweile verpasste ich kaum ein Heimspiel, gelegentlich waren wir auch auswärts dabei – zum Beispiel mit meinem Kumpel Thomas (wir sind nicht die einzigen unserer Generation, die so heißen) beim Saisonauftaktmatch im August 1985 in Rostock. Mit „Mutti-Zetteln“ durften wir einen Tag eher vom Zeltlager der Karl-Marx-Oberschule in Baabe auf Rügen abreisen und den Umweg über Rostock nehmen. Der FCK verlor mit 1:2, hatte aber tolle Trikots – die schicksten der ganzen Oberliga: hellblau-dunkelblau gestreift, ähnlich denen, die der CFC in dieser Saison trägt.
Ein knappes Jahr später lagen Thomas und ich zur Vorbereitung unserer mündlichen Abiprüfungen am Stausee Oberrabenstein, Buch bzw. Hefter neben dem Kopf auf dem Handtuch, so konnte der Inhalt ins Gehirn wandern. Da kamen sie: Michael Glowatzky und Rico Steinmann, begleitet von drei (!!!) attraktiven jungen Damen.
50 Meter entfernt von uns breitete das Quintett seine Decken aus. Waren wir neidisch? Ich weiß es nicht mehr, auf alle Fälle waren wir schwer beeindruckt.
Zwei Jahre darauf traf der Messias in Karl-Marx-Stadt ein: Hans Meyer. Dieser Trainer formte die Truppe aus einigen etablierten und vielen jungen, hochtalentierten Spielern zu einer Mannschaft, die ganz oben mitspielen, die nach Titeln greifen konnte. Der FCK-Fan bekam endlich eine breite Brust, auf einmal war er mehr als eine Randerscheinung. Mit Titeln klappte es nicht – weder beim Pokalfinale 1989 (0:1 gegen den BFC Dynamo) noch ein Jahr später in der Meisterschaft im letzten Sommer der DDR.
Der 26. Mai 1990 war auch einer der Tage, die im Kopf bleiben. Der mit dem FCK punktgleiche, aber im Torverhältnis um einige Treffer bessere Tabellenführer Dynamo Dresden lag am letzten Spieltag gegen Lok Leipzig lange mit 0:1 zurück, Arnd Spranger schoss den FCK in der 51. Minute gegen Magdeburg in Führung. Dabei blieb es hier. Doch an der Elbe fielen noch drei Treffer. „Tor in Dresden“ raunte es auch kurz vor dem Ende, ausgehend von einem der Zuschauer mit Radio am Ohr, durch das Karl-Marx-Städter Stadion – und noch einmal begann ein Teil der himmelblauen Fans zu feiern. Die Sehnsucht war groß. Doch es war das 3:1 für Dynamo. Mit einem seltsamen Gefühl aus Enttäuschung und Stolz ging ich heim. Von einer Meisterfeier konnte ich – anders als mein Großvater, der den Triumph von 1967 immer mal wieder in verschieden ausgeschmückten Varianten schilderte – später niemandem erzählen.
Dafür vom goldenen Europacupherbst ’89, den es in dieser Saison auch gegeben hatte. Zwei der sechs Partien verfolgte ich im Stadion, vier am TV-Gerät: 1:0 und 2:2 nach Verlängerung gegen Boavista Porto. Als ich acht Jahre später auf Portugal-Reise in der Stadt am Douro Station machte, nannte der Mitarbeiter an der Hotelrezeption, nachdem er auf der Anmeldung meinen Wohnort gelesen hatte, wie aus der Pistole geschossen die Namen von Steffen Heidrich und Ulf Mehlhorn. Das waren die beiden FCK-Torschützen des Rückspiels. Der Club hatte Eindruck in Porto hinterlassen, der fußballbegeisterte Portugiese ein gutes Gedächtnis.
Es folgten eine bedenkliche 1:2-Niederlage in der Schweiz bei FC Sion und das berauschende 4:1 im Rückspiel im Karl-Marx-Städter Dauerregen. Und es kam – zwei Wochen nach dem Mauerfall – das legendäre Nebelspiel von Turin. Man sah nicht viel. Aber man sah, dass Rico Steinmann nach Lutz Wienholds Führungstreffer noch einmal den Pfosten traf. Am Ende hieß es statt 2:0 für Himmelblau 2:1 für Juve, weil die Turiner Starstürmer Toto Schillaci und Pierluigi Casiraghi die Partie in den letzten zehn Minuten doch noch drehten. Beim 0:1 im Rückspiel war die Meyer-Elf gegen abgezockte Italiener leider chancenlos.
Die kleine DDR-Welt gab es nicht mehr, der FCK hieß nun CFC, schaffte den Sprung in die 2. Bundesliga und hielt sich dort lange wacker. Es gab viele vielleicht wichtigere Dinge als Fußball, das allgemeine Interesse sank ein wenig. Meines nicht, allein schon deshalb, weil aus meinem Hobby mein Beruf geworden war. Es gab gute wie schlechte Tage, es gab Glücksmomente, es gab schwarze Stunden: den bitteren Abstieg aus der 2. Bundesliga trotz 42 erzielter Punkte 1996, die Abstiege 2001, 2018 und zuletzt den im Coronajahr 2020.
Die schlimmste Erfahrung von allen war jedoch das verlorene Halbfinale im DFB-Pokalwettbewerb im März 1993 bei der – zugegebenermaßen erstaunlich starken – Amateurmannschaft von Hertha BSC. Wie das Kaninchen vor der Schlange war der CFC im mit 56.514 Zuschauern gut gefüllten Olympiastadion aufgetreten, sodass RTL-Kommentator Uli Potofski den Chemnitzer Jungs am Mikrofon sein Mitleid ausdrückte.
Nach dem Spiel nahmen mich Berliner Journalistenkollegen mit zur Siegesfeier ins Hertha-Lokal. „Kopf hoch“, lautete der viel geäußerte Befehl, nachdem man mich vorgestellt hatte und mir auf die Schulter geklopft worden war. Es war schlimm. Diese Woche zeigte aber ebenso eindrucksvoll, welch eine starke Trainerpersönlichkeit Hans Meyer war bzw. ist. Nur vier Tage nach der Schmach von Berlin war die schwer getroffene Mannschaft schon wieder so aufgerichtet, dass sie in der 2. Bundesliga das wichtige Spiel in Mainz gewinnen und das durchaus noch im Gebüsch lauernde Abstiegsgespenst verjagen konnte.
Ich erinnere mich an Ronny Kujats Tor gegen Osnabrück, das 1999 noch einmal die Rückkehr in die 2. Bundesliga bedeutete, und an Benjamin Försters Treffer zum 1:0 gegen RB Leipzig, der den CFC 2011 von der vierten in die dritte Liga beförderte. Ich bin froh, dass ich Männer wie Christoph Franke oder Gerd Schädlich kennenlernen durfte. Und ich freue mich über das wunderschöne Stadion, das seit 2016 in Chemnitz steht. Ich muss es bei Debatten im Freundes- oder Bekanntenkreis oft verteidigen. Geldverschwendung sei dieses (teure) Schmuckstück für einen Viertligaverein, der nicht nur mit Finanznot und sportlichem Niedergang, sondern nach wie vor auch mit einem spätestens seit 2018 heftig angekratzten Image zu kämpfen hat.
Die Argumentation ist keine leichte. Dieses Stadion ist eine
Voraussetzung für Profifußball in Chemnitz, antworte ich. Dafür ist es gebaut. Und so ertrage ich, dass fast alle Vereine rundherum derzeit besser aufgestellt sind als der CFC und der Basketball in meiner Heimatstadt dem Fußball den Rang abgelaufen hat. So ertrage ich ein 0:4 in Zwickau und ein 3:3 gegen Luckenwalde. Ganz gleich, welches wie gut auch immer befähigte Führungspersonal gerade das Ruder beim Club in Händen hält, ich hoffe auf bessere Zeiten. Ich hoffe auf ein kleines Wunder. Ich kann nicht anders. Alles Gute zum Geburtstag, mein CFC!






