Grenzerfahrungen im Fahrradsattel

"Freie Presse"-Redakteur Thomas Reibetanz will 2020 beim Mountainbikerennen starten. Der Weg dahin wird dokumentiert. Teil 3: Leistungsdiagnostik.

Es ist schon verrückt, wie sich der Mensch binnen weniger Minuten vom gut gelaunten Optimisten zum körperlichen Wrack verändern kann. Ich habe das erlebt. Und es war auch gut so. Denn durch die Hilfe der TU Chemnitz wird das Projekt, im kommenden Juni beim Heavy 24 mitzufahren, wissenschaftlich begleitet. Und damit kann mittels Messdaten ermittelt werden, ob sich die ganze Schinderei auch lohnt.

Die Experten: Dankenswerterweise hat sich die Professur Sportmedizin und Sportbiologie der TU Chemnitz unter der Leitung von Professor Henry Schulz dazu bereit erklärt, das Projekt als wissenschaftlicher Partner zu unterstützen. Und wie es der Zufall so will, ist der für mich zuständige Mitarbeiter einer, der mein Projektziel bestens kennt: Steffen Öhmichen ist selbst schon beim Heavy 24 mitgefahren, allerdings als Einzelstarter. "Das finde ich besser", sagt er. "Da kann man sich sein Tempo selbst einteilen." Hervorragende Einstellung. Aber ich bleibe dabei, dass ich in einem Viererteam starten werde. Bis es soweit ist, muss aber noch viel passieren, wie der Test im Uni-Labor zeigt.

Das aktuelle Training: Seit einem Monat fahre ich fast täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Zunächst mit einem E-Bike, mittlerweile mit einem Rennrad. Gut zwei Stunden brauche ich von Freiberg in die Redaktion nach Chemnitz. Bis Oederan ist das eine reine Berg- und Talfahrt. Danach geht es stetig bergab, bevor ab Niederwiesa der Anstieg auf den Rand des "Chemnitzer Kessels" kommt. Das ist also schon eine ordentliche Belastung, die aber (noch) richtig Spaß macht. Es ist schon fast verrückt, wie normal es geworden ist, sich jeden Morgen aufs Rad zu schwingen, um mal eben knapp 50 Kilometer weit zu fahren. Was das alles bringt, soll mittels Leistungsdiagnostik der TU Chemnitz ermittelt werden. Vier Mal soll ein solcher Test stattfinden, der erste war in dieser Woche dran.

Die Vorbereitungen: Bevor es mit dem Test ernst wird, gibt es Vorgespräche und eingehende Voruntersuchungen. Schließlich soll der Proband bei der Leistungsdiagnostik an seine Grenzen gehen - und da wäre es irgendwie nicht so schön, wenn der untrainierte Journalist plötzlich mit Herzflimmern vom Rad kippt. Doch es ist alles in Ordnung. "Der Körperfettanteil liegt bei 20 Prozent, das geht gerade noch so", sagt Steffen Öhmichen. "Die Muskelmasse ist gut, das Körpergewicht aber zu hoch." 85 Kilogramm bringe ich aktuell auf die Waage. Auch deshalb sei der Blutdruck leicht erhöht, sagt der Sportmediziner. "Wenn Du nicht abnimmst, kann das schnell kippen, und du hast wirklich Probleme mit zu hohem Blutdruck", sagt er noch.

Der Test: Die Leistungsdiagnostik findet auf einem Radergometer statt. Ich bekomme eine Maske vor das Gesicht, mit der die maximale Sauerstoffaufnahme ermittelt wird. Dazu wird mittels Pulsgurt die Herzfrequenz gemessen. Und als wäre das noch nicht genug, wird auch noch mein Ohr angestochen, um Blut abzunehmen. Damit wird der Laktatwert bestimmt, mit dem - ganz unwissenschaftlich ausgedrückt - die Ausdauerfähigkeit gemessen wird. Der Test selbst besteht darin, dass der Proband, in diesem Falle also ich, in die Pedale treten muss, bis er nicht mehr kann. Er muss also an seine Leistungsgrenze gehen, während der Widerstand kontinuierlich erhöht wird. Mit 50 Watt geht es los, alle drei Minuten kommen 50 Watt drauf.

Das Ergebnis: Lesen Sie noch einmal den ersten Satz dieses Textes. Genauso erging es mir. Während der ersten drei Stufen lächelte ich Herrn Öhmichen noch fröhlich an und sagte ihm, das alles gut ist. Als das Gerät aber nach 18 Minuten - davon die letzten drei bei 300 Watt - den Widerstand auf 350 Watt schrauben will, kapituliere ich. Die Oberschenkel brennen, der Schweiß kommt als Wasserfall, die Atmung rennt. "Gut so", sagt der Sportmediziner. "Man muss völlig kaputt sein." Und dann sagt er einen Satz, der mich gleichzeitig aufmuntert und niederschmettert: "Für dein Alter war das gar nicht mal so schlecht." Ich bin übrigens fast 39.

Die Schlussfolgerung: Ich muss abnehmen. Das habe ich aber auch schon vorher gewusst. Und ich muss sehr viel Fahrradfahren. "Was du im Moment machst, ist genau richtig. Fast täglich 50 Kilometer - das wird schon bald einen Effekt bringen", sagt Steffen Öhmichen. Allerdings müsse ich bald auch neue Reize setzen. Die Distanzen müssen länger werden. "Ganz wichtig: Weitere Strecken fahren, aber nicht schneller. Dann kommt Ausdauer", sagt der Experte. "Und Athletiktraining solltest du auch machen. Du hast eine schiefe Haltung, außerdem brauchst noch etwas mehr Muskelmasse." Kurz vor Weihnachten soll es den nächsten Test geben. Bis dahin werden Kilometer geschrubbt.

Alle Texte der Serie "In einem Jahr zum Heavy 24" gibt es im Internet:

www.freiepresse.de/heavy24


24 Stunden im Sattel

Das Heavy 24 ist ein jährlich stattfindendes Geländerennen für Mountainbikefahrer rund um den Stausee Oberrabenstein. Ziel für jeden Einzelstarter oder jedes Team (Zweier, Vierer oder Achter) ist es, innerhalb von 24 Stunden so viele knapp 10 Kilometer lange Runden wie möglich zu fahren. Ende Juni dieses Jahres fand das Rennen zum 13. Mal statt. Der Sieger im Einzelwettbewerb schaffte dabei 54, das beste Zweierteam 62, das beste Viererteam 66 und das beste Achterteam 70 Runden. (tre)

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