Heimatforscher mit besonderer Verbindung zur Firma Ramig

Bis in die 2000er-Jahre haben Fabrikgebäude der Baumwollweberei Carl Ramig die Treuener Oststraße dominiert. Geblieben sind davon nur Akten im Stadtarchiv. Manfred Puschmann hat jetzt für Nachschub gesorgt.

Treuen.

Wer Manfred Puschmann auf die einstige Treuener Firma Carl Ramig anspricht, der öffnet eine Schublade: Der 74-Jährige aus dem Treuener Ortsteil Eich ist in dem imposanten Fabrikkomplex der Baumwollweberei aufgewachsen, hat dort seine Kinder- und Jugendjahre verbracht und Geschichte(n) zu erzählen. "Geboren bin ich in Reichenbach. Aber mein Vater hat 1950 als Betriebsdirektor bei Ramig angefangen. 1953 zogen wir in eine Wohnung im Verwaltungsgebäude. Die Fabrik mit den damals um die 400 Mitarbeitern war mein Spielplatz" erinnert sich Puschmann.

Bis 1975 war Puschmanns Vater technischer Direktor des inzwischen verstaatlichten Betriebes, kurz vor Erreichen des Rentenalters verstarb er. "Als meine Mutter die Werkswohnung räumen musste, weil die für einen Arzt benötigt wurde, fand sich beim Ausräumen so manches Erinnerungsstück im Nachlass", sagt der Heimatforscher: Lohntüten, Kuverts mit Firmenaufdruck, Dokumentenmappen, Unternehmensberichte, die mittlerweile in den Bestand des Stadtarchivs übergegangen sind.

Wie das jüngste Fundstück, eine Fabrikordnung der 1876 gegründeten Firma Carl Ramig, Mechanische Baumwollwebereien Treuen. In dem Dokument aus dem Jahr 1893 sind beispielsweise Arbeits- und Pausenzeiten geregelt - anfangs 12 Stunden bei drei Unterbrechungen, später 11 bzw. 10 Stunden, ohne Frühstücks- und Vesperpause. Vor Sonn- und Feiertagen war für "weibliche Arbeiter" nicht erst 19 oder 20 Uhr Feierabend, sondern bereits um 17.30 Uhr. Die Auszahlung der Löhne erfolgte wöchentlich am Sonnabend. Der Verdienst konnte bei Verstößen gegen die Fabrikordnung durch Lohnabzug verringert werden. Geldstrafen bis zu einem halben Betrag des Tageslohnes wurden zum Beispiel bei Unpünktlichkeit oder fehlerhafter Arbeit verhängt. Bei schweren Verstößen wie Beleidigung des Vorgesetzten, Diebstahl, Trunkenheit, "Aufreizung der Arbeiter zu Missmut und Widerstand gegen den Fabrikherren" oder leichtsinnigem Umgang mit Feuer drohte Entlassung.

Die Fabrikordnung stammt aus einer Zeit, die Manfred Puschmann nicht mehr kennengelernt hat. "Aber auch später war es in der Textilindustrie nie einfach", erinnert er sich. Weil er den Alltag in der Fabrik aus eigenem Erleben kannte, war es für ihn nie eine Option, diesen Weg einzuschlagen. Puschmann wurde Reichsbahner - und nach der Wende SPD-Mitglied. Der Partei von Willy Brand fühlt er sich noch immer verbunden, Puschmann ist in Treuen Stadtrat und stellvertretender Bürgermeister.

Aber in seiner Freizeit vor allem Heimatfreund. Deshalb hat er auch den Abriss der Fabrikgebäude an Weißensander und Oststraße zwischen 1995 und 2007 dokumentiert. Diese Fotos gehören heute ebenfalls zum Bestand des Stadtarchivs.

Doch auch wenn die Fabrik verschwunden ist: Mit der Stadtvilla Innere Herlasgrüner Straße 11 erinnert noch heute ein Baudenkmal an die Textildynastie der Ramigs. Das heutige Domizil der Kita "Villa Kunterbunt" ließ Carls Ramigs Sohn Max 1908 als Wohnhaus erbauen.

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