Meldeportal: "Bella ciao" kann Lehrer an AfD-Pranger bringen

Antifaschistische Lieder im Musikunterricht hält ein Auerbacher AfD-Mann für ebenso meldewürdig wie Moscheebesuche. Andere Parteien sehen das als Aufruf zur Denunziation.

Auerbach.

Sachsens AfD-Landtagsfraktion will ein Online-Portal starten, auf dem AfD-kritische Lehrkräfte gemeldet werden können. Das vogtländische AfD-Vorstandsmitglied Tilman Matheja verteidigt auf seiner Facebook-Seite diese Idee und erläutert dort auch, um welche Fälle es geht. Nämlich um die "schlimmen unbelehrbaren Typen", die im Klassenzimmer einen Privatkrieg gegen die AfD führten und Kinder mit Ideologie "vollstopften". In seinem Umfeld gebe es keinen solchen Fall, schreibt Matheja, der selbst Lehrer ist und an der Auerbacher Seminarschule Deutsch, Informatik und TC (Technik/Computer) unterrichtet. Doch aus anderen Regionen Sachsens gebe es Beschwerden von Eltern: "Da werden im Musikunterricht antifaschistische Lieder einstudiert oder Kinder im Namen der ,Toleranz' mit Kopftuch zum Moscheebesuch genötigt." Ganz schlimm findet es der aus Bayern stammende Pädagoge, wenn Lehrer im Unterricht davon sprechen, dass nach dem Einzug der AfD wieder Nazis im Parlament sitzen.

Aus Mathejas Sicht verstößt all dies gegen das Neutralitätsgebot, mit dem Kontaktportal wolle man dagegenhalten. Dabei müsse die Meldung an seine Partei "zur Weiterverfolgung an höherer Stelle" das letzte Mittel sein, denunzieren wolle man niemanden. Zunächst müsse das Gespräch zwischen Eltern, Elternvertretern, Lehrer und Schulleitung gesucht werden.

Auf Nachfrage von "Freie Presse" erläuterte der AfD-Mann, mit "antifaschistischen Liedern" meine er das bekannte italienische Partisanenlied "Bella ciao", das in neuer Version im Sommer die Hitparaden beherrschte. Doch was hat eine Partei, die sich offiziell von Rechtsextremen abgrenzt, gegen antifaschistische Lieder? Laut Matheja sind Schüler zum Beispiel in der 5. Klasse einfach zu jung, um sich mit dem Thema Faschismus zu befassen: "Die wissen doch noch gar nichts von Mussolini." In der 10. Klasse sei das wieder anders, da habe er auch nichts gegen einen "Bella ciao"-Gesang.

Vertreter anderer Parteien im Vogtland verurteilen das geplante AfD-Meldeportal scharf. Der CDU-Landtagsabgeordnete Sören Voigt aus Falkenstein schreibt zum Beispiel: "Statt mehr Lehrer für Sachsen zu gewinnen, zeigt die AfD: Sie hat kein Vertrauen in unsere Lehrer." Mit dem Online-Portal würden Lehrer pauschal vorverurteilt und einseitiges Unterrichten unterstellt. Der nötige Respekt, den Schüler vor ihrem Lehrer haben sollten, werde untergraben, "willkürlichem Denunzieren" stattdessen Tür und Tor geöffnet. Denn jeder, der seinen Lehrer nicht möge, könne ihn dort anonym anschwärzen. Und es könne nicht sein, dass sich eine politische Partei anmaße, Urteile über Lehrinhalte zu fällen.

Janina Pfau, Kreisvorsitzende der Linken, spricht von einer "Denunziationsplattform", mit der sächsische Lehrkräfte eingeschüchtert und an den Pranger gestellt werden sollten. "Das Vorgehen erinnert eher an die dunklen Seiten der deutschen Geschichte. Zur politischen Bildung in den Schulen gehört es auch dazu, dass man über Inhalte der verschiedenen politischen Parteien diskutiert und dazu gehört natürlich auch Kritik." Matheja ziehe "seine Kolleginnen und Kollegen in den Dreck". Die AfD plane, "trunken von Umfrageergebnissen", bereits die "Machtergreifung im Freistaat" und wolle als "vermeintlicher zukünftiger Arbeitgeber, schon jetzt alles über seine zukünftigen Untergebenen wissen". Solange die AfD im Vogtland sich offen mit Rechtsextremisten auf Demonstrationen zeigt, müsse sie auch die Kritik hinnehmen.

René Runge, Beisitzer im Vorstand der Vogtland-SPD, erklärt: "Eine Neutralität gegenüber Menschenfeindlichkeit und Diskriminierung gibt es nicht, ob es der AfD gefällt oder nicht." Dies stehe so im sächsischen Schulgesetz. Eine Indoktrination könne dagegen bereits heute gemeldet werden, dazu brauche es keine parteipolitische Plattform. In Bezug auf die politische Bildung müsse engagierten Lehrkräften jetzt der Rücken gestärkt werden, fordert Runge.

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10Kommentare
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  • 0
    5
    Hinterfragt
    12.10.2018

    @Täglichleser
    "...Oder wollen Sie sich ausserhalb der Verfassung bewegen?
    Oder ein anderes System in Deutschland einführen?..."
    Und schon wieder eine unerhörte Unterstellung!

    @Blackadder, Hab ich das irgendwo geschrieben?
    Sie arbeiten sich doch ständig an Andersdenkenden ab!

    Und zudem gibt es bereits schon Lehrerbewertungsportale, über die regt sich hier niemand so auf.
    Auch über die Einführung eine "Politmeinungsdatei" für das Securitygewerbe durch die Bundesregierung hat sich hier noch NIEMAND aufgeregt!

  • 4
    1
    Blackadder
    11.10.2018

    @hinterfragt: Und für Lehrer gilt das wohl nicht mit der Würde?

  • 3
    1
    Täglichleser
    11.10.2018

    Hinterfagt unantastbar oder unangreifbar
    ähnliche Bedeutung. Wer sich da hochzieht,
    ist der Oberlehrer. Das von mir genannte
    unterschreibt bestimmt fast jeder. Sie sollten das auch. Oder wollen Sie sich
    ausserhalb der Verfassung bewegen?
    Oder ein anderes System in Deutschland
    einführen?
    Dem letzten Satz stimme ich zu.
    Nichts habe ich gegen die Menschen, die AFDler sind oder deren Wähler gesagt.
    Man kann eine ganz andere Meinung
    haben. Und die zu ich kund.
    Das ist hier Meinungsaustausch.

  • 0
    4
    Hinterfragt
    11.10.2018

    @Täglichleser; wenn Sie schon so Oberlehrerhaft auf @Voigtsberger zugehen, sollten Sie wenigstens die Verfassung RICHTIG zitieren!

    Es lautet im GG "Die Würde des Menschen ist unantastbar."

    Im Übrigen steht da des Wort Menschen; AfDler + Sympathisanten sind das auch ...

  • 5
    1
    Täglichleser
    11.10.2018

    Voigtsberger, wenn beispielsweise die
    Lehrer von der Verfassung ausgehen:
    Die Würde des Menschen ist unangreifbar,
    Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung Mann/ Frau.
    Dann können Sie das auf jeden Fall mit
    dem Unterricht verbinden.
    Und wenn der Inhalt der Verfassung
    staatlich verordnet ist, dann ist das super.
    Das muss so sein.

  • 1
    7
    voigtsberger
    11.10.2018

    @Blackadder: Natürlich sind solche Forderungen nicht Zeitgemäß und werden meist nur Teile der Aktion in den Medien vermarktet und als Aufreger den Leser offeriert. Doch aus eigner Erfahrung mit meinen Enkeln, kann ich behaupten, das in der Schule von den Lehrern, die staatlich verordnete Meinung vertreten und auch in Fächern propagiert wird, auch wenn die Realität nach drei Jahre uns Allen etwas anderes zeigt, auch wenn die Medien nicht mehr alles berichten dürfen und der Unterricht mit Themen gespickt werden die nichts mit den Fächern zu tun haben wie Flüchtlinge, alles Facharbeiter und Kulturbereicherung, aber auch gar nichts und Schüler, die da einiges kritisch hinterfragen, in den Schulfach einfach immer niedriger bewertet werden, als die schulisch schlechteren Schüler, die aber auf "Kurs" sind und da denke ich, ist das schon die DDR 2.0 und hat da das Interesse der AfD nicht doch ein reales Interesse daran, was in unseren Schülern vermittelt wird, denn jede Kritik in die Rechte Ecke zu schieben, treibt die Gesellschaft nur wieder auseinander.

  • 7
    2
    Blackadder
    11.10.2018

    @remarcel: Natürlich, die Journalisten sind sogar zuerst dran. Die AfD Hochtaunus schrieb auf Facebook:

    "Zu Beginn einer Revolution haben die Staatsberichterstatter noch die Chance sich vom System abzuwenden und die Wahrheit zu berichten!
    Bei uns bekannten Revolutionen wurden irgendwann die Funkhäuser sowie die Presseverlage gestürmt und die Mitarbeiter auf die Straße gezerrt. Darüber sollten die Medienvertreter hierzulande einmal nachdenken, denn wenn die Stimmung endgültig kippt ist es zu spät!"

    Wenn das keine unverhohlene Drohung ist, weiß ich auch nicht.

  • 12
    4
    remarcel
    10.10.2018

    So ein Anschwärz-Portal geht gar nicht. Hier würde man Tür und Tor öffnen für Schüler, die sich zum Beispiel ungerecht bewertet fühlen und so dem Lehrer eins auswischen können. Die AfD kann gar nicht bewerten wie wahrheitsgemäß die Anschuldigungen sind, ganz abzusehen vom Datenschutz. Wo soll das Ganze enden? Gibt es demnächst auch ein Meldeportal für kritische Journalisten wie in der Türkei?

  • 17
    5
    Hankman
    10.10.2018

    Ich glaube, es hackt.

  • 13
    4
    Täglichleser
    10.10.2018

    Nur mal unter Wikipedia über das Lied "Bella ciao" nachlesen, dann ist zu erkennen auf welcher Seite der vogtländischen Lehrer aus Bayern steht.



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