Die Wende im Kreißsaal

Herbst 1989: Annelies Schmidt hatte gerade Dienst auf der Entbindungsstation des Krankenhauses in Rochlitz, als die Nachricht von der Grenzöffnung kam. Zunächst hat sich nicht viel verändert. Doch nach der Wende brachen die Geburten-zahlen drastisch ein.

Rochlitz/Mittweida.

Etwa 3000 Kindern hat Hebamme Annelies Schmidt aus Rochlitz auf die Welt geholfen. Von dem Beruf hat sie schon als junges Mädchen geträumt.

Zu DDR-Zeiten und lange Zeit danach arbeitete sie als leitende Hebamme auf der Entbindungsstation im Krankenhaus Rochlitz. An den Tag des Mauerfalls am 9. November 1989, erinnert sich die heute 63-Jährige so: "Es war ein ganz normaler Tag wie jeder andere. Aber die Stimmung war schon bisschen im Umbruch. Schon länger gab es auch in kleineren Orten wie Rochlitz Demonstrationen. Man hatte das Gefühl, irgendwas wird passieren", schildert Annelies Schmidt.

An besagtem Donnerstag ging sie zur Arbeit, begann 13.30 Uhr ihren Dienst. Als am Abend eine Kollegin "völlig euphorisch" zum Nachtdienst kam, erzählte sie, was im Fernsehen gesagt wurde: SED-Funktionär Günter Schabowski hatte am Abend des 9. November 1989 am Ende einer Pressekonferenz das neue, gelockerte Reisegesetz der DDR verkündet. Nach mehr als 28 Jahren konnten die DDR-Bürger ab diesem Tag erstmals Privatreisen ohne Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragen. Tausende Menschen, vor allem in Berlin, strömten daraufhin an die innerdeutschen Grenzübergänge. "Die Kollegin war ganz aufgeregt: 'Stellt euch vor', hat sie gesagt, 'ich kann jetzt in den Westen fahren ohne Antrag! Nur mit Ausweis!'", erinnert sich Annelies Schmidt. "Wir hatten ja damals weder Radio noch Fernseher im Krankenhaus. Wir waren sprachlos."

"Am 9. November 1989 gab es in Rochlitz keine Geburt, dafür am 8. und am 10. November", sagt sie mit Blick ins Geburtenbuch von damals. Die Wochenstation war dennoch gut belegt. "Zu der Zeit waren die Frauen noch etwa sieben Tage zur Erholung im Krankenhaus. Heute sind es zwei, drei Tage", erklärt die Hebamme, die seit der Schließung von Gynäkologie und Geburtshilfe im Rochlitzer Krankenhaus 2002 im Kreißsaal des Kreiskrankenhauses Mittweida arbeitet und zugleich Betriebsratsvorsitzende ist. Anfangs, wenige Tage nach dem Mauerfall, sei sie noch unsicher gewesen. "Die Angst, dass die Grenze in ein paar Tagen wieder dicht gemacht wird, war ja da", weiß sie noch.

Mit der Wende hat sich dann vieles verändert. Schmidt kann sich erinnern, dass es in den Jahren 1980 und 1986 mehr als 800 Geburten im Rochlitzer Krankenhaus gab. "Das war schon extrem", sagt sie. Es waren eher Ausreißer; danach pegelten sich die Zahlen wieder bei 600 bis 700 ein.Nach der Wende sind die Geburtenzahlen allerdings drastisch eingebrochen. "Anfang der 1990er-Jahre waren es etwa 350. 93/94 war das schlimmste Jahr", sagt sie. Viele junge Frauen sind weggegangen und sind nicht wiedergekommen. Ihre Kinder haben sie nicht hier bekommen, sondern irgendwo im Westen Deutschlands. "Man hörte dann schon hier und dort: Jetzt krieg ich doch kein Kind, jetzt habe ich ganz andere Pläne, jetzt will ich reisen", erzählt Schmidt. Das sei bis heute spürbar. "Die Menschen fehlen uns heute."

Den Tiefpunkt erlebte der heutige Landkreis Mittelsachsen 1994. Wurden 1980 noch 5839 Kinder geboren, waren es 1994 nur noch 1860Jungen und Mädchen. Ab 1995 stieg die Zahl wieder an und hat sich bei etwa 2400 bis 2500 Kindern eingepegelt. Für die Hebammen war der Geburtenknick fatal; mit der sinkenden Geburtenzahl schmolz die berufliche Grundlage. Während Schmidt auch den Beruf der Krankenschwester erlernt hatte, waren Kolleginnen teils ausschließlich als Hebammen ausgebildet. Sie wurden in größeren Krankenhäusern oft als Hilfskräfte eingesetzt und auch so bezahlt. Die ersten Hebammen machten sich daraufhin selbstständig, andere nahmen reduzierte Arbeitszeiten in Kauf, um ihren Job behalten zu können. "Mittlerweile werden wieder Hebammen gesucht", erzählt Schmidt.

Im April 1990 hatte Annelies Schmidt die Chance, zu sehen, wie im Kreißsaal Straubing gearbeitet wird. Mit einer Oberärztin fuhr sie damals zur Hospitation ins Klinikum St. Elisabeth. "Die Ausstattung war moderner. Es gab viel mehr und modernere Geräte und Verbrauchsmaterial", erzählt sie. "Was uns wirklich aufgefallen ist, war das viele Einwegmaterial. Welche Verschwendung! Welche großen Müllberge! Bei uns wurden Arbeitsmaterialien aufbereitet und wiederverwendet", schildert sie. Das hatte sich mit der Wende in ostdeutschen Kreißsälen schnell verändert.

Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall, sehen die Zahlen am Krankenhaus Mittweida erfreulich aus: Zum 31. Oktober 2018 zählte die Einrichtung 400 Babys, zum 31. Oktober 2019 waren es 427 Babys. Im Landkreis Mittelsachsen sind die Zahlen seit 2016 wieder leicht rückläufig: Vor drei Jahren waren 2580 Babys zur Welt gekommen, vor zwei Jahren waren es 2442 und vergangenes Jahr 2289 Jungen und Mädchen.

Der Tag des Mauerfalls wird für Annelies Schmidt "für immer dieser unvergessliche Tag bleiben, der unser Leben verändert hat", meint sie.

 

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