Hausärzte setzen ein Zeichen

Während Praxen mangels Nachfolger dicht machen, haben Annegret Werner und Tilo Huster in Sayda investiert. Als Lehrpraxis für die Uni Dresden tun sie seit Jahren alles dafür, Nachwuchsmediziner aufs Land zu holen.

Sayda.

Besser kann es für Patienten nicht laufen: Die beiden Allgemeinmediziner Annegret Werner und Tilo Huster haben ihre Praxis am Lutherplatz in Sayda vergrößert, modernisiert und ausgebaut. Damit setzen sie ein deutliches Zeichen für den ländlichen Raum.

"Wir standen vor der Wahl: Gehen wir und mieten uns woanders ein? Oder bleiben wir und investieren?", schildert Annegret Werner. Seit 2010 arbeiten die beiden Hausärzte dort, wo einst das Landambulatorium Sayda stand. Vor neun Jahren hatten sie ein Teilgrundstück erworben.


Im März 2017 entschieden sie sich fürs Bleiben und erwarben das Restgrundstück samt marodem Gebäude. Gemeinsam mit dem Schwesternteam planten sie die neuen Räume. Was nicht mehr zu sanieren war, wurde abgerissen. Dafür wurde ein Neubau an das Bestandsgebäude angegliedert. Ein großes, helles Wartezimmer, mehrere Sprech- und Behandlungszimmer, eine behindertengerechte Toilette und ein ebenerdiger Zugang wurden geschaffen. Gebaut haben sie unter anderem mit EU-Fördermitteln aus der Leader-Entwicklungsstrategie des Regionalmanagements Silbernes Erzgebirge.

Pro Quartal behandelt jeder der beiden Ärzte etwa 1000Patienten im Schnitt. Manch einer kommt nur einmal mit einer Erkältung, zu Krebspatienten fährt der Arzt vielleicht 20 Mal. Etliche Hausärzte in Mittelsachsen und im Erzgebirge gehen in den kommenden Jahren in Rente; einige stehen noch ohne Nachfolger da. Allein in Olbernhau hätten in den vergangenen zehn Jahren fünf Hausärzte ihre Praxen ersatzlos geschlossen, sagt Huster.

Das wollen die beiden auf keinen Fall. Seit knapp 17 Jahren hat das Ärztehaus eine Kooperation mit der TU Dresden als Lehrpraxis. Der Vorgänger, Bernd Findeisen, hatte das bereits angebahnt, sagt Werner. Konkret heißt das: Medizinstudenten absolvieren ihre Praktika in Sayda und bekommen Einblick in die Arbeit mit Patienten. Bislang wurden in Sayda sieben Assistenzärzte auf ihrem Weg zum Hausarzt begleitet. Fast alle stammten aus der Region. "Es ist Zeit und Arbeit, die wir investieren. Aber es kommt viel zurück", sagt die Ärztin. Einerseits seien die Studenten eine Bereicherung durch die sehr gute Ausbildung und den gegenseitigen Austausch, andererseits bringen sie Entlastung in der Praxis. Tilo Huster: "Wir hoffen, dass jemand von den jungen Leuten künftig als Mitarbeiter oder als Nachfolger hier einsteigt. Je mehr wir ausbilden, desto höher ist die Chance." Zehn bis zwölf Jahre haben die beiden noch, bis sie sich zurückziehen wollen.

Eine der angehenden Ärzte, die in Sayda lernen, ist Steffi Meyer (30). Sie studiert im zwölften Semester Medizin in Jena. Bereits im ersten Semester entschied sie sich für ein Hausarztstipendium der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen (KV). Damit erhält sie während des Studiums monatlich 1000 Euro für den gesamten Zeitraum der Regelstudienzeit. Im Gegenzug hat sie sich verpflichtet, Hausärztin zu werden und ebenso lange im ländlichen Raum zu arbeiten, wie sie finanziell gefördert worden ist. "Ich bin mit der Allgemeinmedizin aufgewachsen und fand das immer einen sehr schönen, dankbaren Beruf", erzählt sie. Ihre Familie wohnt in Brand-Erbisdorf. "Ich bin hier sehr verwurzelt, es ist meine Heimat", sagt sie. Fünf Wochen Praktikum pro Studienjahr hat sie in Sayda absolviert. "Anfangs musste ich erst mal die Abläufe kennen lernen. Aktiv bin ich seit dem fünften Semester dabei", so Meyer.

Ein ausgebildeter Hausarzt hat sechs Jahre Studium und fünf Jahre Facharztausbildung hinter sich. "Wenn bei Frauen noch ein, zwei Kinder, Elternzeit und vielleicht noch Teilzeitarbeit dazukommen, verlängert sich die gesamte Ausbildungszeit locker auf 15 bis 20 Jahre", meint Annegret Werner. "Man kann nicht erst drei Jahre vor der Rente über die Nachfolge nachdenken." Zumal die Wahl des Lebensmittelpunktes junger Menschen auch von Faktoren wie Wohnraum, Schule, Nahverkehr, die Nähe zur Familie oder Arbeitsplatz des Partners abhänge, ergänzt sie.

117 Hausarztstipendien hat die KV seit 2013 vergeben. Drei Stipendiaten befinden sich mittlerweile in der Weiterbildung zum Hausarzt.

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