Vom Berater aus dem Westen zum Macher im Osten

Zum dritten Mal in der Geschichte von "Sachsens Unternehmer des Jahres" wird ein Sonderpreis verliehen. Die Jury ehrt Hubertus Bartsch, Chef des Neuen Zahnradwerkes Leipzig, für sein Lebenswerk.

Leipzig.

Marode, alt, nicht wettbewerbsfähig. Mit dem Mauerfall drückte die Treuhand nicht wenigen Betrieben im Osten diesen Stempel auf. Mit dem richtigen Konzept und fähigen Leuten war es aber dennoch möglich, auch bereits abgeschriebenen Betrieben samt Belegschaft eine Zukunft zu geben. Zu den Sanierern und Beratern, die nach der Wende in den Osten kamen, gehört auch Hubertus Bartsch. Er war gekommen, um zu bleiben und um selbst etwas zu unternehmen. Ganz nebenbei hat er auch sein privates Glück gefunden.

Der 76-Jährige hat sich für den Preis "Sachsens Unternehmer des Jahres" nicht selbst beworben. Der Unternehmerverband Sachsen hat den Chef des Neuen ZWL Zahnradwerkes Leipzig vorgeschlagen. Bartsch habe den Preis für sein Lebenswerk verdient wie kein zweiter, heißt es.

Hubertus Bartsch sitzt in seinem Büro im Werk im Leipziger Gewerbezentrum Liebertwolkwitz. 1999 sah es hier düster aus. Seit 1905 wurden am Standort (ursprünglich Köllmann, später Fahrzeuggetriebewerk Juliot Curie) Zahnräder produziert. Kurz vor der Jahrtausendwende dann die Pleite. Bartsch übernahm das Werk mit drei Partnern und kümmerte sich um neue Kunden und Aufträge. Arbeiteten 1999 noch rund 130 Mitarbeiter im Unternehmen, sind es heute 500 - zusammen mit den Beschäftigten bei Tochterfirmen in der Slowakei und China sogar 1050. "Wir wachsen solide. Innerhalb von fünf Jahren verdoppelt sich etwa der Umsatz", sagt der promovierte Kernphysiker, der in Fraustadt in Schlesien geboren wurde und lange im Ruhrgebiet lebte. Unter den Kunden des international tätigen Produzenten von Motor- und Getriebeteilen ist alles vertreten, was in der Automobilbranche einen Namen hat: von A wie Audi bis Z wie ZF Friedrichshafen.

Bartsch bezeichnet es als große Chance und Vertrauensbeweis, dass die Leipziger den Zuschlag bekommen haben, als externes Unternehmen die Synchronisierungen für das DCT-Automatikgetriebe für VW zu liefern. "Investitionen in die neue Fertigung waren nötig, die sich aber ausgezahlt haben."

Wer im Wettbewerb bestehen will, der muss wachsen können, sagt er. Möglich sei das nur mit einer Mannschaft, die dazu in der Lage und bereit sei. Früh habe man deshalb mit der IG Metall und dem Betriebsrat einen Tarifvertrag geschlossen, "der Flexibilität bringt, Vertrauen schafft und höhere Einkommen sichert". Das Zahnradwerk habe sich schnell zu einem attraktiven Unternehmen für neue Mitarbeiter, Lehrlinge, Hochschüler, Ingenieure und Kaufleute entwickelt. Für die Zukunft sei ihm nicht bang, so Bartsch. Mit Peter Scholz, Wolfram Bickert und seinem Sohn Timo Bartsch habe man ein erfolgreiches Team in der Geschäftsleitung.

Der Kontakt zur Autoindustrie, der sich in Leipzig als äußerst nützlich erwies, rührt aus der Zeit im Harz. Bartsch kam 1990 als Berater nach Thale (Sachsen-Anhalt). Die Treuhand wollte die Eisen- und Hüttenwerke abwickeln. Der niedersächsische Ex-Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) setzte sich für den Erhalt des maroden Werkes ein. Er überzeugte die Treuhand, ihm die Millionen, die für die Schließung des Werks vorgesehen waren, als Starthilfe mitzugeben. Ein Großteil der Industriearbeitsplätze konnte gerettet werden.

Als Vorstandschef wurde Bartsch eingesetzt, der auch das Sanierungskonzept erarbeitet hat und dem es gelungen war, neue Großkunden zu finden. So gab beispielsweise Volkswagen Thale früh die Chance, Sinterteile für den Konzern zu fertigen. "Es gab immer wieder Rückschläge", erinnert sich Bartsch. Aber irgendwie sei es ihm und seinen Partnern immer wieder gelungen, selbst große Skeptiker zu überzeugen und mitzureißen. 1997 konnte die Thale AG an die Schunk-Gruppe aus Gießen verkauft werden, die sich noch heute in dem Harz-Städtchen engagiert. Die Zeit im Harz sei eine aufregende gewesen, sagt Bartsch. Nicht nur, aber auch weil er hier seine Frau kennengelernt hat.

Obwohl die Zulieferindustrie wegen der Transformation in der Branche derzeit nicht nur Gewinner kennt, steht das Neue Zahnradwerk Leipzig ganz gut da. Die Liebertwolkwitzer haben früh die Nachfrage nach automatischen Antrieben erkannt und sind in dem Segment stark vertreten. Doppelkupplungsgetriebe, so Bartsch, können nicht nur im Verbrenner, sondern auch in Hybrid- und in E-Antriebssystemen eingesetzt werden. Für diese Getriebe liefert das Werk die Synchronisierungsbaugruppen und auch die Zahnradantriebe.lvz

Der Wirtschaftspreis "Sachsens Unternehmer des Jahres" mit dem Sonderpreis für das Lebenswerk ist eine Initiative von Sächsische Zeitung, Freie Presse, Leipziger Volkszeitung und MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der LBBW und der Gesundheitskasse AOK Plus.

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