Über Märchentage und Wunschträume

In der Erzgebirgshauptstadt findet niemand ein Rezept für hochklassigen Sport - An den Bedingungen liegt es aber keinesfalls

Annaberg-Buchholz.

Um den Sport in der Kreisstadt ist es nicht gut bestellt. Gleich in mehreren Disziplinen ging es in den vergangenen Jahren bergab. Reporter Thomas Schmidt hat mit Oberbürgermeister Rolf Schmidt darüber gesprochen, nach Gründen und eventuellen Lösungsansätzen gesucht.

Freie Presse: Herr Oberbürgermeister, was tut die Erzgebirgshauptstadt für den Sport?

Rolf Schmidt: Nun, wir geben beispielsweise für die Unterhaltung der Sportstätten rund 340.000 Euro pro Jahr aus. Das Gute für unsere Vereine ist, dass diese generell nichts für die Nutzung der städtischen Anlagen bezahlen müssen.

Wie viele Anlagen sind das denn in Annaberg-Buchholz?

In unserer Obhut befinden sich sieben Sportplätze und sieben Sporthallen, darunter mit der Silberlandhalle eine der größten und schönsten im Landkreis. Hinzu kommen die Loipen und ein Hang für den Wintersport sowie die Atlantis-Schwimmhalle und das Freibad im Stangewald.

Aber es gibt - besonders in den zuschauerträchtigen Spielsportarten - nahezu nichts Erwähnenswertes. Woran liegt das?

Ich kann es nicht sagen. Wir sind sicherlich etwas kulturlastig geprägt, mit Theater, vielen Museen und Besucherbergwerken. Unsere Aktivitäten als Stadt - das lässt sich ja an der kostenlosen Sportstättenbereitstellung erkennen - zielen eher auf den Nachwuchs- und den Breiten- als auf den Leistungssport. Aber ein Aushängeschild hätte ich auch im Bereich des Sports gern.

Aue, von der Einwohnerzahl her vergleichbar, hat mit den Fußballern, Handballern, Ringern und Schachspielern vier Mannschaften in der 1. oder 2. Bundesliga und dazu weitere auf Regional- oder zumindest Landesebene. Hier gibt es nichts dergleichen, warum?

Ich glaube, das ist auch eine Frage der Sponsoringkultur. In Aue ist das anders gewachsen und zum Glück für alle Fans dieser Sportarten über die Zeit gerettet worden. Die Firmen sind dort eher gewillt, dem sportlichen Erfolg finanziell auf die Beine zu helfen.

Wo sehen Sie denn überhaupt Möglichkeiten, hier höherwertigen Sport zu entwickeln?

Am ehesten im Handball und in Buchholz. Da vermute ich das größte Potenzial, aber das muss wieder zum Leben erweckt werden. Im Fußball müsste schon ein potenter Geldgeber kommen, wenn es da weit nach oben gehen soll.

Die Stadt kann das nicht sein?

Natürlich nicht, wir behandeln alle gleich, besonders im Nachwuchs. Aber wir achten darauf, dass sich beispielsweise unsere Stadtwerke engagieren. Die geben ja auch jährlich 6400 Euro an den Stadtsportbund, der auch von uns 7000 Euro erhält. Die Verteilung liegt dann in dessen Händen.

Gibt es denn aus Ihrer Sicht überhaupt hochwertigen Sport in Annaberg-Buchholz?

Ja, ich denke beispielsweise an Julia Taubitz als zweifache Juniorenweltmeisterin und zweifache Vizeweltmeisterin der Frauen im Rodeln. Das ist schon eine Nummer - und ein echtes Annaberger Kind. Vielleicht schafft es auch der Buchholzer Florian Müller so weit, auf einem guten Weg ist er ja als Deutscher Meister der Jugend bereits. Aber hier gibt es weder eine Rodelbahn noch einen -verein. Die Erfolge werden woanders erarbeitet, das muss ich fairerweise hinzufügen.

Im Sport klagen nahezu alle Vereine über Nachwuchssorgen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Entwicklungen hängen ganz oft mit Personen zusammen. Doch die, die sich bis zum Letzten aufopfern, werden weniger. Es wird immer schwieriger, Ehrenamtliche zu finden. Außerdem setzt die Politik falsche Zeichen.

Welche?

Etwa in Sachsen durch die Reduzierung der Schulsportstunden wegen des Lehrermangels. Das halte ich für das völlig falsche und zudem für ein fatales Signal. Und dass bei sport lichen Freizeitangeboten in den Schulen ein Trainerschein gefordert wird, betrachte ich als unverhältnismäßig. Es gibt sicherlich rüstige Leute, die mit Kindern arbeiten würden, aber diesen Schein nicht haben. Die gehen uns verloren.

Im Nachwuchs sieht es dennoch ordentlich aus. Etwa beim VfB Annaberg, von dem vier Teams in der Landesklasse spielen. Warum kommt da bei den Erwachsenen zu wenig an?

Weil die jungen Leute wegen der Lehre oder dem Studium ihre Heimat verlassen müssen. Möglicherweise ändert sich dies, wenn jetzt in Annaberg bessere Chancen für die Berufsbildung aufkommen, etwa durch die Referendarausbildung oder den Forschungscampus der TU Chemnitz. Bislang gab es solche Möglichkeiten nicht. Wir aber hoffen, dass dadurch mehr junge Menschen hier bleiben - und dann hoffentlich auch Sport treiben.

Mal weg von den Spielsportarten, wo gibt es in der Kreisstadt überhaupt Potenzial?

Ich sehe dies in Frohnau bei den Turnern und in der aktuellen Entwicklung im Schach, ansatzweise auch im Sportschießen. Aber wie es im Sport ist - mal rauf, mal runter.

Mit der Atlantis gibt es eine echte Schwimmhalle in der Stadt. Aber auch in dieser Sportart sind Erfolge eher bescheiden. Wieso?

Allein weil die Schwimmausbildung an den Schulen katastrophal schlechter ist als zu DDR-Zeiten. Wir können aber nicht mehr tun, als die Schwimmhalle in einem guten Zustand halten. Aber mir ist schon wichtig, dass zumindest einige Kinder das Schwimmen lernen oder versuchen, schneller zu werden.

Was macht eigentlich das Traum-Projekt von der olympiatauglichen Schießanlage am Markus-Röhling-Stolln?

Ein kompliziertes Thema, das bislang nicht so funktioniert hat, wie wir uns das erhofft hatten. In wenigen Monaten läuft für diese Immobilie die Bindungsfrist aus - und wenn sich nichts tut, fällt sie dann an die Stadt zurück.

Und dann?

Passiert das, werden wir das Areal in Verbindung mit dem Weltkulturerbe des Stollns entwickeln. Es ist nötig, den Schandfleck zu beseitigen.

Also - generell für alles - lieber Ordnung als Hochleistungssport in Annaberg-Buchholz?

Auf absehbare Zeit wird das wohl so sein. Dafür haben wir eben mehr Kultur, und dafür müssen wir uns auch nicht entschuldigen.


Kommentar: AnnabergsAbstieg

Mit seinen 40 Vereinen und 4186 Mitgliedern ist der Stadtsportbund Annaberg gut aufgestellt. Was fehlt ist Leistung. Die Fußballer: raus aus der Landesklasse. Die Handballer: raus aus der Bezirksliga. Die Tischtennisspieler: raus aus der Sachsenliga. So etwas wie Bundesliga gab es in der Erzgebirgshauptstadt ohnehin nie, nun ist aber selbst die Landesebene schon Geschichte.

Auf absehbare Zeit wird sich das kaum ändern. Im Tennis werden kleine Brötchen gebacken, im Volleyball ebenfalls. Im Badminton ist der beste Spieler weg, an Wasserball erinnern sich nur die Älteren, die Fußballer mit dem schönsten Platz, also die Buchholzer, sind in der niedrigsten Liga angekommen, die Schützen versuchen bislang vergeblich, eine moderne Anlage in Frohnau zu installieren, die Saxonia- Kegler sind zum SV Bärenstein übergelaufen und selbst den Benefiz-Preisskat im Waldschlößchen gibt es nicht mehr ...

Dabei genießen die Annaberger, Buchholzer, Cunersdorfer, Frohnauer und Geyersdorfer noch den Luxus, alle städtischen Sportstätten kostenlos nutzen zu dürfen. Dies gibt es nicht mehr in vielen Kommunen, vielleicht ist die Kreisstadt sogar eine rühmliche Ausnahme. Aber macht das etwa bequem? Sehen es die Vereinsvertreter etwa als selbstverständlich an, dass sie sich nicht um Derartiges scheren müssen? Möglicherweise ist das so. "Viele unserer Leute wissen dieses Gut nicht mehr zu schätzen. Egal, ob es sich um kostenlos zur Verfügung gestellte Sportstätten oder zur Leihe bereitstehende Kleinbusse handelt", sagt Stadtsportbundpräsident Lothar Huß. Oder wie sonst ist es zu erklären, dass Annaberg-Buchholz einer vergleichbaren Stadt wie Aue im sportlichen Wettstreit um Lichtjahre hinterher hinkt. Auch in Aue gibt es keine Hochschule, auch dort müssen die Jugendlichen zum Studieren in andere Regionen abwandern, auch dort ist hochklassige Kultur wie die Erzgebirgische Philharmonie angesiedelt.

Wo liegt die Lösung für den Sport in Annaberg-Buchholz? Zugegeben, keiner kennt sie tatsächlich. Sehr, sehr schade, denn der Goldesel wird nicht kommen.

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