Frauenkirchen-Pfarrer: Umdeutung der Geschichte widerstehen

Die Dresdner Frauenkirche ist ein weltweites Friedenssymbol. Jeweils im Februar steht sie im Mittelpunkt des Erinnerns an die Zerstörung der Stadt 1945 - das allein aber ist zu wenig.

Dresden (dpa) - Der Pfarrer der Dresdner Frauenkirche, Sebastian Feydt, hat zum 75. Jahrestag der Zerstörung der Stadt am Ende des Zweiten Weltkrieges vor einer Umdeutung der Geschichte gewarnt. «Diesem Ansinnen der AfD und rechtsextremen Kräfte, sie in ihrem Sinn umzuschreiben und zu verfälschen, müssen wir gemeinschaftlich als Zivilgesellschaft widerstehen», sagte er der Deutschen Presse-Agentur. «Zu einem wahrhaftigen Erinnern gehört eine korrekte historische Darstellung, die auf wissenschaftlichen Fakten basiert.»

Noch könnten Menschen auch in der Frauenkirche authentisch berichten. «Die Herausforderung ist, dieses wahrhaftige Erinnern auch ohne Zeitzeugen künftig fortzuschreiben, indem es in historische Zusammenhänge eingeordnet und die korrekte historische Wahrheit benannt werden», sagte Feydt, der auch Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche ist. Und es müsse in einen weltweiten Kontext gesetzt werden. «Nabelschau und Opfermythos müssen in Dresden überwunden werden; es braucht eine Wahrnehmung, dass menschliches Leid unteilbar ist und dass Zerstörung durch kriegerische Ereignisse, Flucht und Ungerechtigkeit heute Menschen in gleicher Weise betreffen, wie es das 1945 in Dresden und vielen anderen Städten war.»

Ein Dreivierteljahrhundert befriedetes Zusammenleben im Zentrum Europas und in Deutschland sei Anlass zur Dankbarkeit. «Aber es muss heute auch daran erinnert werden, wie es 1933 dazu kommen konnte, dass die Demokratie so geschwächt und zerschlagen wurde und der Weg in die Diktatur, in den Nationalsozialismus, möglich war.» Die Schwächen der damaligen Zivilgesellschaft, auch die ausbleibende klare Haltung der Kirche zu Demokratie und Rechtsstaat, nötigten heute zur Auseinandersetzung damit.

«Wir dürfen uns nicht einreden lassen, dass wir schwach sind und unsere Demokratie nur gefährdet», sagte Feydt mit Blick auf die Gegenwart. Diese sei so stark, wie die Bürger sie machten, sich in politischen Diskurs unter gegenseitigem Respekt begäben, sich neu orientieren und weiterbilden lassen. «Die Frauenkirche ist steingewordenes Beispiel auch dafür, wie Menschen ganz unterschiedlicher Herangehensweise, religiöser oder gesellschaftlicher Hintergründe etwas gemeinsam zum Wohl aller schaffen können.»

Handlungsbedarf sieht Feydt auch in der Landeskirche, wo sich die demokratiegefährdende Tendenzen in der Gesellschaft ebenso zeigen. «Wenn die Kirche die Frage stellt, zwischen wertkonservativ und rechtsextrem unterscheiden zu lernen, muss der Klärungsprozess endlich anfangen.» Es brauche da eine deutliche Positionierung: «Nationalismus und Evangelium schließen sich aus.» Das sei auch im Rückblick auf die Vergangenheit geboten. «Die sächsische Landeskirche hat eine Geschichte, die sie stark in den Zusammenhang mit den deutschen Christen stellte», sagte Feydt. «Die Frauenkirche sollte zum deutschen Dom umfunktioniert werden! Sie war ein Ort, an dem die nationalsozialistische Ideologie tief in die Verkündung eingegriffen hat.»


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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    5
    Distelblüte
    12.02.2020

    . «Wenn die Kirche die Frage stellt, zwischen wertkonservativ und rechtsextrem unterscheiden zu lernen, muss der Klärungsprozess endlich anfangen.» Es brauche da eine deutliche Positionierung: «Nationalismus und Evangelium schließen sich aus.» Das sei auch im Rückblick auf die Vergangenheit geboten. «
    Deutschnationales Denken lässt sich nicht durch ein wenig Kirchgang veredeln.
    Zur freundlichen Beachtung.