Wenn Kinder sterben wollen

Seitdem Belgien vor fünf Jahren die Sterbehilfe auf Minderjährige ausgedehnt hat, beantragten drei junge Patienten den eigenen Tod. Die Zweifel an dieser Praxis wachsen.

Brüssel.

Man gibt ihnen keine Namen - den Kindern, die nur noch sterben wollten. Anders als hierzulande, wo man den 15-Jährigen vielleicht Phil oder Mike genannt und hinzugefügt hätte, dass der Name der Redaktion bekannt sei, verzichten belgische Medien darauf, das Schicksal der Betroffenen aus der Anonymität herauszuziehen. Bekannt ist nur, dass es drei junge Belgier waren, die seit der Einführung der Sterbehilfe für Kinder vor fünf Jahren freiwillig aus dem Leben schieden - mit Hilfe eines Arztes.

"Euthanasie" heißt dieser Schritt offiziell, ohne Scham und unvorbelastet von der Geschichte, die den Deutschen diese Bezeichnung sicher verboten hätte. Im September 2016 ließ der Erste sein Leben beenden. Danach folgten zwei weitere. Ein Kind wurde nur neun Jahre alt, ein weiteres elf. Die Diagnosen lassen das Leiden dahinter erahnen: Ein Junge litt an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose, ein anderer kleiner Patient an bösartigen Tumoren im Kopf. Im dritten "Fall" ging es um die Duchenne-Muskeldystrophie, eine extreme Art von Muskelschwund.

Jedes Schicksal sei von der zuständigen Ethikkommission "sorgfältig und mit viel Mitgefühl" geprüft worden, sagte die Anwältin Jacqueline Herremans, die diesem Gremium angehört, vor wenigen Tagen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass Kinder in diesem Alter die gesetzlichen Voraussetzungen wirklich erfüllen: Der junge Patient muss sich in einer "medizinischen Situation ohne Ausweg befinden, die kurzfristig zum Tode" führt. Das Leiden muss ärztlich bestätigt werden, "ständig und unerträglich sein" und nicht gelindert werden können.

Ein medizinisches Team, das von einem unabhängigen Psychiater oder Psychologen unterstützt wird, muss zu dem Schluss kommen, dass das Kind die Bedeutung des Todes "vollständig" verstanden hat. Zusätzlich ist die Zustimmung der Eltern oder des Erziehungsberechtigten erforderlich. Es gehe, so schrieben die Autoren des Gesetzestextes 2014 in das Regelwerk, "nicht darum, einen Jugendlichen zu töten, sondern ihn von seinem Leiden zu befreien". Trotz viel guten Willens gab es "Mörder"-Rufe im belgischen Parlament, als das Gesetz vor fünf Jahren verabschiedet wurde. Nicht einmal ein Mindestalter wollte die damalige sozialdemokratisch geführte Regierung zur Bedingung machen.

Anders als in den Niederlanden, wo eine Altersgrenze für die aktive Sterbehilfe von zwölf Jahren gilt, oder in Luxemburg, wo nur Volljährige ihren Tod beantragen können, hat Belgien darauf verzichtet. Und sich eine Diskussion eingehandelt, die weiter andauert: Kann ein neunjähriges Kind wirklich bewusst und frei den Tod wählen? "Wir sprechen über Kinder, die Wochen oder Monate im Krankenhaus verbringen. Sie sind reifer als andere", sagt Herre- mans. Doch die Zweifel bleiben. Mehr noch, sie werden gerade jetzt wieder wach. Nicht nur, was die aktive Sterbehilfe an Kindern betrifft, sondern generell.

Seit 2002, als Belgien die liberalste Euthanasie-Regelung Europas einführte, sind in dem Land 17.000 Menschen freiwillig aus dem Leben geschieden. Diese Formulierung könnte auch für einen Suizid gelten - und genau das ist das Problem: die Ausweitung auf Kranke, die ursprünglich nicht einbezogen werden sollten. Euthanasie als Selbstmord-Variante. "Psychiatrische Patienten müssen begleitet, betreut, geliebt, umgeben, geschützt werden, manchmal auch vor sich selbst", sagt Carine Brochier vom Europäischen Institut für Bioethik in Brüssel.

"Besorgniserregend" nennt sie die Situation, dass das belgische Gesetz zwar verlangt, den eigenen Tod fähig und bewusst zu beantragen und daher in der Lage zu sein, die Bitte freiwillig, nachdenklich und mehrfach wiederholt vorzubringen - und natürlich ohne äußeren Druck. Für Brochier ein Widerspruch in sich, wenn es um psychische Krankheiten geht. Denn wie kann jemand, der in sein Leiden verstrickt ist, all die Voraussetzungen für einen durchdachten Beschluss erfüllen?

Die Expertin verweist auf den Fall der 24-jährigen Patientin, die unter dem (falschen) Namen Laura über Belgiens Grenzen hinaus bekannt wurde, weil sie 2015 nach einer schweren psychischen Erkrankung sterben wollte. Das Fernsehen hatte sie eingeladen, an der letzten Wegstrecke ihres Lebens teilzunehmen, damit alle miterleben, wie sie ihren Tod plante. Einen Tag vor ihrem Lebensende stoppte sie alles. Brochier: "Psychologen und Therapeuten wiederholen immer wieder, dass der Wunsch nach dem Tod eines der Symptome der psychiatrischen Pathologie" sei. Immer mehr Betreuer treten deshalb gegen eine erlaubte Euthanasie wegen eines psychischen Leidens ein.

Und dann sind da noch die Ärzte, die den Patienten auf den letzten Metern begleiten, die den Tod erst ermöglichen. "Im Europäischen Institut für Bioethik erhalten wir Zeugnisse von Betreuern, aber auch von den Kindern von Menschen, die eu-thanasiert wurden. Ein Arzt hat uns kürzlich gesagt, dass er nur freitags Sterbehilfe leistet, weil er ein ganzes Wochenende braucht, um sich zu erholen", erzählt Carine Brochier. Muss man sich, so die Fachfrau weiter, also wirklich "der Wahl des Todes beugen"?

Die öffentliche Diskussion über alle diese Vorgänge kommt in Belgien vor allem wegen des Falls Tom Mortier hoch. Seine Mutter Godelieve De Troyer suchte 2012 nach fast 20 Jahren mit schweren Depressionen mehrere Ärzte auf, ehe sie einen fand, der bereit war, ihren Antrag auf aktive Strebehilfe anzunehmen. Ihr Sohn Tom wurde von diesem Mediziner nicht informiert, sondern erfuhr erst am darauffolgenden Tag, dass seine Mutter die Euthanasie beantragt hatte und aus dem Leben geschieden war.

Ende 2018 klagte Mortier vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg - und zum ersten Mal in seiner Geschichte nahm der Hof eine solche Klage an. Der Vorwurf: Artikel 2 der Menschenrechtscharta schreibt das "Recht auf Leben" fest. Dieses sei im vorliegenden Fall "schwer verletzt" worden, denn wenn jeder ein Recht auf Leben hat, muss dieses Recht durch das Gesetz geschützt werden. Mortier will von den Richtern die grundsätzliche Frage beantwortet haben: Wie können wir die Tatsache messen, dass Leiden unerträglich ist? Und wie kann man sicher sein, dass wirklich alles versucht wurde, um das Leiden zu lindern? Noch bis April hat die belgische Regierung Zeit, eine Stellungnahme abzugeben. Ein Urteil wird für Ende des Jahres erwartet.

Ariane Bazan, Professorin für Klinische Psychologie an der Freien Universität Brüssel, stellt sogar ausdrücklich infrage, dass es "Beweise für die Unheilbarkeit einer psychischen Erkrankung" geben könnte. Willem Lemmens, Professor für Moderne Philosophie und Ethik an der Uni Antwerpen, wehrt sich ebenfalls gegen diese Entwicklung: "Die Menschen betrachten Euthanasie als Lösung für Krankheiten wie Krebs im Endstadium oder neurologische Erkrankungen. Und es gibt Debatten darüber, ob das Gesetz auf Patienten mit Demenz oder ältere Personen ausgedehnt werden soll, die nicht im Endstadium, aber einfach lebensmüde sind."

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, kritisiert, dass die belgische Gesellschaft sich an die Sterbehilfe gewöhnt habe. Es mache "betroffen", dass die Zahl der Euthanasie-Fälle zwischen 2012 und 2013, als öffentlich über die Ausweitung auf Kinder diskutiert wurde, von 400 auf 1807 gestiegen sei. Tatsächlich beginnt das Land erst jetzt langsam, über Palliativ-Einrichtungen zum betreuten Sterben, wie sie in der Bundesrepublik verbreitet sind, zu diskutieren. Doch das Thema berührt viele. Denn wenn in einem Staat mit elf Millionen Einwohnern 2300 Fälle von aktiver Sterbehilfe (die Angabe stammt von 2017) genehmigt werden, ist die Zahl derer, die aus beruflichen Gründen damit in Berührung kommen, sehr groß: Ärzte, Pflegepersonal, Angehörige, Freunde ...

Die erfahrenen Pädiater (Kindermediziner) zeigen Schicksale nicht, aber sie beschreiben tief betroffen, was sie erleben. So erzählt Gerlant Van Berlaer, der als Kinderarzt die Ausweitung der aktiven Sterbehilfe mitbetrieben hat, von einem 15-jährigen Jungen, der mit Knochenkrebs zwei Jahre im Krankenhaus verbringen musste - die meiste Zeit mit großen Schmerzen und auf der Isolierstation. Er wünschte sich schließlich nur noch eines: eine Abschiedsparty mit seiner Freundin, mit den Freunden und Eltern. Danach wollte er allein mit Vater und Mutter sterben dürfen. Doch das Gesetz war damals dagegen, die Ärzte mussten tun, was sie tun konnten. Als der Tod ihn einige Wochen später erlöste, hatte er seine Freunde nicht mehr wiedergesehen. "Er durfte nicht so sterben, wie er wollte", sagte sein Arzt damals. "Das kann nicht richtig sein." Heute wäre alles anders. Doch so richtig sicher, ob alles besser für die Betroffenen und die Menschen um sie herum ist, scheint sich auch niemand zu sein.

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