Ein Stück Stadtgeschichte verschwindet

In der Häuserzeile an der Straße der Freundschaft in Annaberg-Buchholz klafft eine große Lücke. Nur noch Bruchstücke erinnern an die einst prachtvolle Freimaurer-Loge der Stadt. Der Geist der Freimaurer lebt aber trotzdem weiter.

Annaberg-Buchholz.

Ein geschichtsträchtiges Gebäude ist aus dem Stadtbild von Annaberg-Buchholz verschwunden: die einstige Freimaurer-Loge an der Straße der Freundschaft. Nur letzte Mauerreste erinnern zwischen Bergen aus Holz und Steinen und reichlich Erde an den einst prachtvollen Bau, für den im Juli 1904 der Grundstein gelegt worden war. Ein Jahr später im September wurde Einweihung gefeiert - von der bereits 1855 gegründeten Annaberger Loge "Zum treuen Bruderherzen".

Mit Wehmut blickt Berndt Thomas Möckel auf das Areal. Der gebürtige Annaberg-Buchholzer ist bekennender Freimaurer und mittlerweile Meister des dritten Grades. Er hat damit die höchste Stufe der sogenannten blauen Freimaurerei erreicht. Die drei Grade der blauen Freimaurerei heißen Lehrling, Geselle und Meister - in Anlehnung an die Tradition der einstigen Bauhütten. Für diese Grade besteht die Logenarbeit darin, sich einer moralisch-geistigen Selbstfindung zu unterziehen, deren wichtigstes Mittel die Tempelarbeit ist. In ihrer Symbolsprache sprechen die Freimaurer vom Bau des Tempels der Humanität. Auf die drei ersten Grade folgen in der Hierarchie die Hochgrade.

Nach verschiedenen beruflichen Stationen im öffentlichen Dienst ist der in seiner Heimat ausgebildete Archivar seit mittlerweile drei Jahren beim Freistaat Thüringen beschäftigt. Dort wurde er vor zwei Jahren in die Loge "Alpha Ori" in Erfurt aufgenommen. Die Verbindungen in seine alte Heimat aber sind stets geblieben und so hat in den zurückliegenden Jahren auch viel über die Geschichte der Freimaurer geforscht - insbesondere im Erzgebirge. Deshalb kommt auch die Wehmut nicht von ungefähr. War doch der einstige Freimaurer-Treffpunkt in Annaberg eine von nur drei Logen im Erzgebirge, die seinerzeit neu gebaut worden waren. Die anderen sind in Schneeberg und Aue entstanden. Die Schneeberger Loge, ursprünglich 1809 gegründet, existiert seit 2014 wieder. In Aue, weiß Berndt Thomas Möckel, gibt es Bestrebungen, das noch erhaltene Objekt wieder zu rekonstruieren. Eine Chance, die das geschichtsträchtige Haus in Annaberg-Buchholz nicht bekommen hat. 1935 zwangsweise aufgelöst, schenkten die Freimaurer ihre Loge der Stadt. Von dort haben sie es in den 1990er-Jahren zurückerhalten. Eine Idee für eine realisierbare Nachnutzung aber ward nie gefunden. Waren doch allein die beiden großen Säle einst für etwa 150 Menschen geschaffen worden. So wurde das Haus verkauft. Letztlich aber "blieb nur noch der Abriss", macht Berndt Thomas Möckel deutlich. Und sagt: "Auch, wenn es schmerzlich ist, muss man das akzeptieren."

Eine Hoffnung aber hat der einstige Annaberg-Buchholzer noch, der genau an dieser Stelle im Jahr 2007 seine erste Berührung mit der Königlichen Kunst hatte, wie die Freimaurerei auch genannt wird. Denn während seiner Ausbildung zum Archivar wurde das Objekt 2007 zum Tag des offenen Denkmals noch einmal für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. "Ein tolles Ereignis mit mehr als 300 Besucherinnen und Besuchern", erinnert er sich. Seither hat ihn der Gedanke "Erkenne dich selbst" - wie es auf dem Giebel der Annaberger Loge zu lesen war, nicht mehr losgelassen. Das ist gewissermaßen der erste Auftrag, den der Freimaurer als Suchender bei der Aufnahme in den Lehrlingsgrad erhält. Er entspricht der lebenslangen Aufgabe, die eigene Motive zu erkennen und zu hinterfragen. Dabei sind auch moderne Freimaurer der Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität verpflichtet, betont der Archivar. Ihm selbst sei es deshalb ein wichtiges Anliegen, "mit kleinen Dingen im Leben die Welt ein bisschen besser zu machen". Was ihn außerdem an dieser "weltweit umspannenden Bruderkette" fasziniert, ist die "tiefe Vertrautheit".

Eine Faszination, die auch im Erzgebirge wieder mehr und mehr Interesse findet. "Die beiden aktiven Logen in Schneeberg und Chemnitz verzeichnen nicht nur solide Mitgliederzahlen, sondern auch stetes Wachstum". Für ihn ein guter Grundstock, dass die Freimaurerei auch im Erzgebirge wieder ankommt. Indes hegt er die Hoffnung, dass bei den Abbrucharbeiten möglicherweise der Grundstein der Loge gefunden wird. Der soll dann samt der eingearbeiteten Hülse und deren Inhalt im Erzgebirgsmuseum in Annaberg-Buchholz seinen Platz finden.

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