Von der Klappbox bis zum Pflanzkübel

Vor 100 Jahren begann die Geschichte der Crottendorfer Firma Hugo Stiehl Kunststoffverarbeitung. Heute werden dort Gegenstände für Haus und Garten genauso produziert wie hochpräzise technische Zulieferteile. Oft sind es eigene Entwicklungen. Auch fürs Stricken.

Crottendorf.

In diesen Tagen haben sie Hochsaison: Schüsseln fürs Kneten von Keksteig und bunte Ausstechformen. Mithilfe der Herzen, Glocken, Sternschnuppen und weiterer Motive aus Kunststoff verwandelt sich so manche Küche in eine Weihnachtsbäckerei. Was viele beim Backen damit nicht wissen, ist, dass diese Utensilien oft aus dem Crottendorfer Unternehmen Hugo Stiehl Kunststoffverarbeitung kommen. Die Fertigung von Haushalts- und Gartenartikeln ist ein wichtiger Bereich in dem Betrieb, dessen Anfänge 100 Jahre zurückreichen.

"Es steckt in vielen Sachen Hugo Stiehl drin, auf denen es gar nicht zu sehen ist", sagt Geschäftsführerin Katrin Viertel. Das hängt damit zusammen, dass oft für Großhändler produziert wird. Den Schwerpunkt des Unternehmens bildet der Kunststoffspritzguss. "Wir sind aber nicht nur Spritzgießer, wir kümmern uns auch um das Drumherum", erklärt die Crottendorferin. Das heißt, dass die Kunden mit einer Idee oder einer Zeichnung ins Unternehmen kommen und dort ein kunststoffgerechtes Formteil entwickelt sowie ein passendes Spritzgießwerkzeug gebaut wird. Das sind die Voraussetzungen dafür, die Teile in der gewünschten Seriengröße produzieren zu können. Nachgelagerte Prozesse wie Montage und Verpackung werden ebenfalls koordiniert.

An den zwei Standorten des Unternehmens in Crottendorf - dem Hauptwerk an der Gerichtsstraße und im Gewerbegebiet - sind rund 220 Mitarbeiter tätig. Die Fertigung von Haushalts- und Gartenartikeln macht jährlich etwa 40 Prozent vom Umsatz aus. 60 Prozent gehen auf die Produktion technischer Zulieferteile für verschiedene Branchen zurück. Das reicht von der Automobilindustrie über die Medizin bis zur Kosmetik. Für die Fertigung hochpräziser und technologisch sehr anspruchsvoller Teile kommt Robotertechnik zum Einsatz. "Wir sind sehr breit aufgestellt und produzieren für große Konzerne, die weltweit arbeiten", erklärt Katrin Viertel. Gefertigt wird in drei Schichten, was bei der in vielen Branchen schwierigen Mitarbeitersuche durchaus eine Herausforderung sei. Die Produktpalette ist breit, reicht von Klappboxen über Pflanzkübel, Bestandteile für Skisprungstiefel bis zur Kunststoff-Hülle von Farbkästen. "Wir stellen tausende verschiedene Teile her", so Katrin Viertel. Der Kunststoff dafür wird europaweit als Granulat eingekauft und in Crottendorf weiterverarbeitet. Das Unternehmen muss sich dem Wettbewerb in Deutschland, aber auch der Konkurrenz in ganz Europa stellen. Vor allem in Osteuropa gebe es aber ganz andere Standortbedingungen - etwa was Strompreise betrifft. "Wir müssen regelmäßig in neue Technik investieren, um mithalten zu können", sagt die Geschäftsführerin, die die Firma mit Jürgen Burkert als weiterem Geschäftsführer leitet. So sei erst in diesem Jahr viel Geld in energieeffiziente Spritzgussmaschinen und Automatisierungsanlagen investiert worden. Und das gehe weiter. Im Bereich Entwicklung und Forschung arbeitet Hugo Stiehl mit Partnern wie der TU Chemnitz und dem Steinbeis Transferzentrum zusammen. Mit Letzterem wurden etwa ergonomische Stricknadeln aus Kunststoff entwickelt, die nun weltweit im Verkauf sind.

Die größte Herausforderung sei es indes, geeignete Mitarbeiter und Auszubildende zu finden. "Das wird auch so bleiben." Auftritte auf Ausbildungsmessen, die Beteiligung an einem dualen Studium für Kunststofftechnik an einer Berufsakademie, Schulpraktika und die Zusammenarbeit mit der Neuen Oberschule Crottendorf sind Wege, um Nachwuchs zu gewinnen. Ausgebildet werden etwa Mechatroniker, Werkzeugmacher sowie Verfahrensmechaniker für Kunststofftechnik.


Einblick in die Historie: Alles begann in einer Wohnung

Nach dem Ende des I. Weltkrieges meldete Robert Hugo Stiehl 1919 ein Gewerbe an und begann in der Wohnung mit der Fertigung von Kleinkartonagen. 1926 wurde ein Grundstück am jetzigen alten Firmenstandort gekauft, es folgte der Bau mehrerer Fertigungs- und eines Wohngebäudes, so die jetzige Geschäftsführerin.

Anfang der 1930er-Jahre wurde die Holzverarbeitung ausgebaut, ein Sägewerk errichtet. Produziert wurden Kleinkartonagen, aber zum Beispiel auch Sargfüße. Während des II. Weltkrieges kam es zu einem drastischen Einschnitt in die Produktion. Nach dem Krieg startete diese schleppend. Hinzu kam Anfang der 1950er-Jahre der Entzug der Genehmigung zum Einschlag von Holz. Paul Stiehl hatte damals die Idee, die Sargfüße und Beschläge künftig aus Duroplast zu fertigen. Man begann, im Sägewerk eine Presserei aufzubauen. Es folgten schwierige Jahre. Schließlich entwickelte Paul Stiehl eine eigene Pressmasse. Man begann mit der Herstellung von technischen Formteilen aus Duroplasten.

1972 wurde das Unternehmen verstaatlicht, in VEB Plastverarbeitung umbenannt. 1980 sei der Zusammenschluss regionaler kunststoffverarbeitender Unternehmen zur VEB Plasta erfolgt. Nach der Wende wurde der Betrieb reprivatisiert, im August 1990 der alte Name Hugo Stiehl wieder genehmigt. Gotthold Heß und Jürgen Burkert begleiteten diesen Neustart. Letzterer führt heute das Unternehmen mit Katrin Viertel und Peter Heß, nachdem deren Vater Gotthold Heß 2010 bei einem Autounfall tödlich verunglückt war. (aho)

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