Weltpremiere im Erzgebirge: Führerloser Zug fährt über Mobilfunkstandard 5G

Einmal hinein, einmal raus aus dem Bahnhof: In Schlettau fuhr erstmals ein Zug per Fernsteuerung über die Gleise - wie bei einer Modelleisenbahn. Die neue Mobilfunktechnik 5G macht's möglich.

Schlettau.

Es klappt alles wie am Schnürchen: Als der Countdown runtergezählt ist, betätigt Thomas Kayser am Schaltpult nacheinander zwei Hebel - einen für die Bremsen, den anderen für den Antrieb. Der dieselgetriebene Triebwagen setzt sich langsam in Bewegung. Allerdings: Kayser und den Zug trennen geschätzte 300 Meter. Während der Testzug des Transportsystemherstellers Thales in Schrittgeschwindigkeit in den Bahnhof von Schlettau rollt, sitzt Mitarbeiter Kayser in einem Kofferaufbau eines Lkw auf dem Bahnhofsgelände und steuert den Zug.

Es ist eine Weltpremiere, die an diesem Dienstagvormittag auf dem kleinen Bahnhof im Erzgebirge stattfindet: Zum ersten Mal bewegt sich ein Zug wie von Geisterhand über die Gleise. Der Laborzug "Lucy" absolviert eine Aus- und eine Einfahrt auf der Versuchsstrecke zwischen Annaberg-Buchholz und Schwarzenberg. Die Fahrerkabine ist leer. Der Zug wird ferngesteuert, die neue Mobilfunktechnologie 5G macht's möglich. "Es ist weltweit das erste Mal, dass ein Zug teleoperiert über 5G gefahren ist", sagt Sören Claus, Technischer Leiter des Projekts Smart Rail Connectivity Campus (SRCC).

Am SRCC in Annaberg-Buchholz forschen unter Leitung der TU Chemnitz gut 120 Partner aus Wirtschaft und Wissenschaft zum Bahnverkehr der Zukunft. Unterstützt wird die Forschung vom Bund über das Förderprogramm "Wir! - Wandel durch Innovation in der Region" und vom Freistaat Sachsen.

Damit sich der Zug aus der Ferne bewegen lässt, hat der Telekommunikationskonzern Vodafone in Schlettau einen 35 Meter hohen mobilen Gittermast mit zwei 5G-Antennen errichtet. Über zwei am Fenster der Fahrerkabine des Triebwagens angebrachte Videokameras wird die Sicht aus dem Zug auf die Gleise aufgenommen und per 5G-Funk in Echtzeit und damit frei von Verzögerung an den ausgelagerten Führerstand übermittelt. Dort sitzt Thales-Mann Kayser an einem Koffer mit zwei Bildschirmen und Schaltknöpfen - und steuert die Fahrt wie an einer Modelleisenbahn aus der Ferne. "Es ist schon ein komisches Gefühl", meint Kayser. "Man sieht den Zug ja nicht und hört ihn nicht. Es fehlt die akustische Rückkopplung."

Vodafone zufolge hat die Basisstation eine Reichweite von jeweils 500 Metern in beide Richtungen. Die neue Mobilfunktechnologie 5G ermöglicht demnach auf der Teststrecke Bandbreiten von mehr als 500 Megabit pro Sekunde und verringert die Latenzzeiten, also die Verzögerung, mit der Daten übertragen werden, auf weniger als zehn Millisekunden. Damit erhalte man eine extrem hohe Ausfallsicherheit, hieß es.

Und noch etwas ist mit 5G möglich: Die physische Netzstruktur lässt sich in verschiedene virtuelle Netzwerke unterteilen. Das ist wichtig für so manche gewerbliche Anwendung - wie auch die Zugsteuerung. Für die ist permanent die entsprechende Übertragungskapazität reserviert. "Selbst wenn eine Reisegruppe auf dem Bahnhof gleichzeitig Youtube-Videos lädt, wäre die Zugsteuerung davon nicht gestört", erklärt Vodafone-Managerin Kerstin Larsson-Kretsch. Der für Firmenkunden zuständige Vodafone-Geschäftsführer Alexander Saul sagt: "Wenn das Netz, wie hier auf der Teststrecke, in Echtzeit funkt, dann könnte so das Home Office für Zugfahrer Wirklichkeit werden." In Zukunft könnten so beispielsweise Güterzüge ferngesteuert werden.

Vorgesehen ist, die gesamte 24 Kilometer lange Versuchsstrecke - hier gibt es keinen regulären, fahrplanmäßigen Zugverkehr mehr - mit 5G-Antennen auszurüsten. Veranschlagt wird dafür ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Derzeit liefen Gespräche mit dem Freistaat über eine Förderung, so SRCC-Mann Claus. Der Oberbürgermeister von Annaberg-Buchholz, Rolf Schmidt, sprach von einem "guten Tag für die Region".

 

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 6 Bewertungen
3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    0
    Zeitungss
    18.09.2019

    Braucht man es in Zukunft wirklich ???
    Die Bahnen in Europa fahren heute noch mit der Schraubenkupplung aus den Gründerjahren, welche sich auch mit 10G nicht bedienen lässt. Der Zustand des Streckennetzes lässt bis auf ganz wenige Ausnahmen, die Nutzbarkeit nicht zu.
    Die Versuche auf der stillgelegten Erzgebirgsstrecke dient wohl eher der Übertragungskapazität des Funknetzes, für die betriebliche Nutzung ist es noch lange nicht geeignet. Wenn heute S- und U-Bahnen führerlos auf eigenen Netzen unterwegs sind, ist es noch lange kein Vergleich mit herkömmlichen Bahnbetrieb. Wer die Gegebenheiten dort einigermaßen kennt, kann auch meine Zeilen verstehen und ich bin von Haus aus kein Technikmuffel.

  • 3
    13
    Einspruch
    17.09.2019

    Wirklich Premiere? Bin doch diesen Urlaub auch mit Führerlosen Zug gefahren.

  • 5
    18
    ralf66
    17.09.2019

    Das ist völliger Unsinn, wer braucht einen führerlosen Zug? Dieser Fortschritt ist unnötig, die 5G-Technik in der Strahlung umstritten.



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