Wie ein Patient auf dem OP-Tisch

Verschmutzt, gedunkelt, zum Teil abgeblättert: Der Holzschnitt des böhmischen Reformators Jan Hus im Depot des Freiberger Museums ist in äußerst schlechtem Zustand. Eine Studentin will helfen, Wunden zu heilen.

Freiberg.

Wie ein Patient auf dem Operationstisch liegt er da. Jan Hus, der große böhmische Reformator, der für seine Überzeugungen im Juli 1415 in Konstanz den Tod auf dem Scheiterhaufen fand. Um ihn herum stehen fünf Damen und nehmen ihn genauestens unter die Lupe, und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Mit professionellem Blick untersuchen sie die Schäden, die der Kirchenkritiker in den letzten Jahrhunderten erlitten hat.

Natürlich handelt es sich nicht um tatsächliche Überreste von Jan Hus. Doch um etwas kunsthistorisch Bedeutsames allemal. Die fünf Damen umstehen einen Tisch in einem Raum unter dem Dach des Freiberger Stadt- und Bergbaumuseums. Es handelt sich um die Museumsdirektorin Andrea Riedel, ihre Stellvertreterin Ilka Stern, die freiberufliche Restauratorin Svea Naumann sowie Professorin Irene Brückle und die Studentin Leonie Müller. Die beiden Letzteren haben eine lange Anreise aus Stuttgart hinter sich, was direkt mit dem vorliegenden Objekt zu tun hat.


Es ist ein Holzschnitt mit den ungefähren Maßen 135 mal 70 Zentimetern. Er wurde wohl in der Mitte des 16. Jahrhunderts in der Werkstatt von Lucas Cranach d. J. geschaffen. "Er trägt zwar keine Signatur, aber die Wissenschaft ist sich darin sehr sicher, dass er aus der Werkstatt stammt", sagt Ilka Stern. Von dem dargestellten Jan Hus ist allerdings nur noch sehr schwer etwas zu erkennen, was an dem Zustand des Werkes liegt, der gelinde gesagt dramatisch ist. Das gesamte Papier ist sehr stark verschmutzt und gedunkelt, teilweise sogar schon abgeblättert und nicht mehr vorhanden. Risse zeigen sich überall. Es scheint, dass ein Wunder nötig ist, um dieses Bild zu retten.

Dieses Wunder soll Leonie Müller vollbringen. Sie ist im neunten Semester im Studiengang Konservierung und Restaurierung von Kunstwerken auf Papier, Archiv- und Bibliotheksgut an der Staatlichen Akademie der der Bildenden Künste in Stuttgart. Wenn sie im kommenden März ihr zehntes und letztes Semester beginnt, macht sie sich an ihre Masterarbeit. Und die soll die Auferstehung des Freiberger Jan Hus sein.

Irene Brückle, die sie bei dieser Arbeit betreut, schaut sich alles genau an. Wie Leonie Müller sieht auch sie den Holzschnitt zum ersten Mal direkt. "Vermutlich wurde er auf zeitgenössisches, handgeschöpftes Papier gedruckt", sagt Brückle. "Ich kann eine Vergé-Struktur erkennen." Mit Vergé wird eine Papierart bezeichnet, die durch die Herstellung feine Rippen aufweist. Das Leinen, auf die die elf Papierteile aufgeklebt wurden, ist offenbar älteren Datums. Die Nagelspuren ringsum sind noch deutlich erkennbar, mit denen das Bild einst angebracht war.

Jan Hus ist eigentlich Teil einer Trilogie, zu der noch Martin Luther und Philipp Melanchthon gehören. "Sie stammen aus der Kirche in Tuttendorf", erklärt Ilka Stern. "Man muss sich das so vorstellen, dass diese drei damals so etwas wie Popstars waren, und von denen wollte praktisch jede protestantische Kirche Bilder haben." Die man sich durchaus auch etwas kosten ließ, denn Cranach war damals schon berühmt.

1860, ein Jahr vor der Eröffnung des ersten ortsgeschichtlichen Museums, kamen die drei Poster der Popstars in den Besitz des Freiberger Altertumsvereins. Während Melanchthon in den Wirren der Zeiten vollkommen verloren ging, erfreute sich Luther irgendwann einmal offenbar einer Restaurierung, weshalb dieses hervorragend erhaltene Bildnis auch 2017 an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg für eine Reformationsausstellung ausgeliehen werden konnte.

In diesem Zuge beschäftigte sich Ilka Stern mit den Cranach-Arbeiten im Museumsdepot. "Ich hatte von meinem Vorgänger mal so halb gemunkelt gehört, dass es noch einen Jan Hus geben sollte", erzählt sie. "Schließlich habe ich ihn in einer Rolle gefunden." Und zwar in besagtem Zustand.

Klar, dass daran unbedingt etwas getan werden muss. Immerhin handelt es sich um ein sehr seltenes und wertvolles Stück. "Noch fünf oder sechs Orte sind bekannt, an denen weitere dieser Drucke existieren", so Ilka Stern. "Über wenige weitere gibt es lediglich Vermutungen." Den Wert könne man gar nicht beziffern, sagt Andrea Riedel. "Auch wenn es 'nur' ein Druck ist, hat es unikalen Wert", meint sie.

Auf der Suche nach geeigneten Restauratoren erhielt man den Tipp, sich an die Hochschule in Stuttgart zu wenden. Dort stieß man offene Türen ein. Anfang des nächsten Jahres nun reist der schmutzige und knittrige Jan Hus nach Baden-Württembergs Hauptstadt, um bis etwa August eine Schönheitskur zu erfahren und Leonie Müller ihren Master zu ermöglichen. "Im Anschluss daran, so wäre es am besten, muss das Bild noch etwas ruhen", sagt Professorin Brückle. Danach kommt er wieder zurück nach Freiberg und kann dort gemeinsam mit Martin Luther präsentiert werden.

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