Das lange Ende der kurzen Welle

Die Menschen lieben Radio, heute wie vor 70 Jahren - und zwar analog. Doch der Abschied ist beschlossen, und er hat bereits begonnen. Es ist auch ein Abschied von der Zeit der Idealisten, die den Westen in die Städte und Dörfer der DDR holten.

Chemnitz.

Diese Geschichte ist ein Abgesang, erzählt vom Abschied vom UKW-Radio, der ultrakurzen Welle, die seit 70 Jahren die Welt in jede Küche bringt. Ein Mythos ist diese Technik - und selbst Teil der Popkultur, die sie verbreitet. "God is in the Radio", sangen die Queens of the Stone Age 2002: "Gott ist im Radio. Er rinnt aus der Anlage." Fast kann man daran glauben, wenn man an der Skale dreht, unsichtbare Wellen in Klang verwandelt: Musik und Stimmen, die sich in Knistern auflösen, aus dem sich andere Stimmen schälen, andere Musik ...

Die Geschichte beginnt in einer ehemaligen Badzelle am Rand eines Feldes am Rand von Chemnitz. Rand vom Rand, die Stadt ist hier Dorf. Das Feld wölbt sich ins Tal. Unten liegt Ebersdorf, Stadtteil von Chemnitz. Nur der Kirchturm und ein paar Dächer blinzeln hoch zu dem Betonhäuschen, das nie zur Badzelle in einem DDR-Plattenbau geworden ist. Gerd Anke lacht, als er das erzählt, es klingt wie ein freundliches Hexenlachen: schadenfroh - und immer noch ein wenig verblüfft darüber, dass dieser Streich damals gelang. Anke, in blauer Wetterjacke, mit schwarzer Kappe auf schlohweißem Haar, ist seit fast 35 Jahren Herr dieser Badzelle, die den Westen nach Ebersdorf brachte. In die Fernseher und Radios zumindest.

Dafür hat Anke Drähte und Kabel in das Häuschen gestopft, daneben einen Mast mit Antennen gesetzt, ausgerichtet auf einen Berg in Bayern - den Ochsenkopf. Das hat er nicht allein gemacht. Nein: Die Ebersdorfer haben mit Schaufeln und Hacken den Boden aufgerissen. Kabel durch Gärten und Straßen gelegt. Es war das Jahr 1984 - und 19 Meter hoch ragte der selbst gebaute Mast neben der zweckentfremdeten Badzelle in den Himmel.

Das war nur einer von vielen ausgestreckten Mittelfingern der DDR-Bürger Richtung Regierung, die diese Selbsthilfe notgedrungen duldete. Über tausend solcher Antennengemeinschaften gab es, die meisten in den Bergen und Tälern südwestlich von Chemnitz. Viele tausend Menschen, die sich wie die Ebersdorfer selbst die Informationsfreiheit beschafften, die ihnen nun das Grundgesetz garantiert. Bis heute gibt es mehr als 600 dieser Antennengemeinschaften, sie sind ein Club von Idealisten. Fischen noch immer Ultrakurzwellen aus der Luft, speisen sie ins Kabel ein. Bringen so MDR, Deutschlandfunk, Radio Paloma in Täler, die kein Sendemast erreicht. Analog also. Doch damit soll Schluss sein. Das Ende der Ultrakurzwelle ist eingeläutet - obwohl sie bis heute der beliebteste Übertragungsweg ist. Und obwohl das bedeuten würde, dass es in einigen Tälern nur noch knistert im Radio.

Wie gesagt, diese Geschichte ist ein Abgesang. "Video killed the Radio Star", unkten 1979 The Buggles. Stimmte nicht: Weder Video noch Internet haben das Radio getötet. Bis zu 57 Millionen Hörer zählt das Bundesverkehrsministerium, jeden Tag. Seit der Bayerische Rundfunk am 28. Februar 1949 sein Programm über Ultrakurzwelle zu den Hörern schickte, als erster Sender in Europa, hat sich nichts wesentlich geändert an der Technik. Bis zu 70 Prozent der Hörer in Deutschland empfangen Radio über Ultrakurzwelle, kurz UKW. Bewegen die Skale zur Frequenz ihrer Lieblingssender: 90,2 für MDR, 91,2 Deutschlandfunk, 101,2 Radio Paloma, hundert Prozent Schlager. So ist es in Ebersdorf, die Frequenzen hat Gerd Anke auf einer Seite in einem Kartonordner notiert.

Analog, immer noch - zum Verdruss aller politischen Ebenen von der EU bis zu den Landesregierungen, die ursprünglich schon 2012 weg sein wollten vom analogen Radio. Die Technologie der Zukunft ist digital. Beim Fernsehen ist der Umstieg beinah vollzogen. Doch das Radio bockt - und blockiert die Frequenzen zwischen 87,5 und 108 Megahertz. Begehrt sind sie als Datenautobahnen, über die die großen Mobilfunkanbieter gern schnelles Internet fahren lassen würden.

Seit 2000 ist der Abschied vom UKW-Radio angekündigt. Ausschüsse tagten zum Umstieg und Runde Tische. Doch hat keiner wirklich daran geglaubt. Bis die sächsische Landesregierung vor ein paar Wochen Ernst machte - fast.

Die meisten Bundesländer wollen den Kampf analog gegen digital vom Markt entscheiden lassen: Ein attraktives digitales Angebot, so die Idee, würde mit der Zeit ausreichend Hörer locken, die sich ein Digitalradio kaufen. UKW würde zum Auslaufmodell, das Ende von keinem bemerkt. Sachsen aber wollte Vorreiter sein, hob die Zwangsabschaltung der Ultrakurzwelle in Kabelanlagen ins Landesmediengesetz, Die beiden Bundesländer Bayern und Bremen zogen nach: 2025 soll Schluss sein mit dem Analogradio.

Bereits zum 31. Dezember 2018 sollte die Einspeisung ins Kabel verboten sein - das also, was Gerd Anke in Ebersdorf seit 1984 macht, und so wie er die mehr als 600 weiteren Antennengemeinschaften aus dem Club der Idealisten. Würden sie abschalten, könnten die Hörer mit Glück noch ein paar wenige lokale Sender empfangen. Denn das digitale Signal schafft es bis zu den Antennen - aber nicht runter in die Täler. Das betrifft bis zu zehn Prozent aller Haushalte in Sachsen: Sie können Radio nur über Kabel empfangen.

Für die Ebersdorfer würde das eine Rückkehr ins Zeitalter vor ihrer Badzelle bedeuten. "Das ist doch absurd", sagt Gerd Anke. Nach vehementem Protest von Verbänden privater Rundfunksender und kleiner Kabelnetzbetreiber zog das Land die Notbremse, zwei Wochen vorm geplanten Abschalttermin. Mitte Dezember kam es zum Kompromiss: Die Antennengemeinschaften dürfen bis 2025 UKW ins Kabel einspeisen. Dafür brauchen sie aber ab Juli eine Ausnahmegenehmigung und ein Konzept zur Digitalisierung.

Dieser Kompromiss habe quasi eine Enthauptung verhindert. Das sagt Jörg Braune. In einer ehemaligen Schule am Chemnitzer Brühl sitzt der Radiomacher am Tisch, Blick durch eine Glasscheibe in den Raum nebenan, wo Mikrofon und Mischpult stehen. Das Studio ist leer, noch. In ein paar Tagen zieht Radio T in diese Räume um. Seit 1993 macht Braune Radio bei dem nichtkommerziellen Lokalsender. Eine Enthauptung - das wäre die Analogabschaltung zu diesem Zeitpunkt gewesen, sagt Braune.

Nicht einmal jeder vierte Haushalt in Sachsen hat überhaupt ein Digitalradio. Wozu auch: Die alten Analog-Stereoanlagen arbeiten zuverlässig. Zur Klangqualität des digitalen Radiostandards DAB+ gibt es geteilte Meinungen, der Empfang in Gebäuden ist teils schlecht. Und: Das Programmangebot ist dürftig.

Das muss auch Martin Deitenbeck zugeben, Chef der Landesmedienanstalt (SLM). Er setzt die Politikvorgaben um - und ist selbst bekennender Digitalfan. Dürftig bedeutet: Neben 13 landesweiten Programmen sind bisher nur die Sender des MDR digital zu empfangen, dazu RSA als einziger Privater. Aber man wolle aufrüsten, verspricht Deitenbeck: Antennen, die auch andere Sender digital übertragen können, sollen dieses Jahr noch kommen.

Radiomacher Braune ist bereit: Radio T hat schon nachgerüstet. Zwei der vier neuen Studios am Brühl können digital aufzeichnen und senden - sobald die von SLM-Chef Deitenbeck angekündigte Antenne steht. Braune wird noch einmal drastisch: "Die Schlinge ums analoge Radio zieht sich zu", sagt er.

Der vom Land forcierte Ausstieg soll ein Signal setzen für die Zukunftstechnik, sagt die Sächsische Staatskanzlei, und ein teures Nebeneinander von alter und neuer Sendetechnik vermeiden. Analog muss weg, damit sich der Digitalstandard durchsetzen kann, munkeln Kritiker und bemängeln das plumpe Vorgehen der Politik. Die großen Kabelnetzbetreiber jedenfalls preschen vor: Vodafone etwa hat digital aufgerüstet und 2018 die analogen Sender eingestellt. Hörer, die über ein Antennenkabel Radio empfangen, brauchen nun einen Receiver. Zur selben Zeit hat Vodafone, das auch Internetanbieter ist, das Gigabit-Zeitalter in Sachsen ausgerufen und damit einen Ausbau des schnellen Internets angekündigt.

Dass die Radiozukunft digital ist, wissen auch die Kritiker einer abrupten Analogabschaltung. Der Entwicklung wolle man sich gar nicht verschließen, nur müsse man koordiniert vorgehen. Ohne Schnellschüsse - und mit Rücksicht auf die Nöte all der Idealisten wie Gerd Anke. Denn weil sie gerade kostendeckend arbeiten, bleibt kaum Geld für Investitionen in neue Sendetechnik. Bis 2025 läuft die Frist - für sie, und für die Ultrakurzwelle.

Vielleicht endet mit dem Analogradio auch die Zeit der Idealisten. Zum Abschied noch ein Lied, das eine Liebeserklärung ist: "Unsichtbare Wellen, knistern, voller Leben ... Rückkopplung der Gefühle, auf zeitloser Wellenlänge. Tragen ein Geschenk, das nicht zu bezahlen ist. Fast frei." So sang Geddy Lee von der Band Rush, 1980.

Die Wende brachte für die Antennengemeinschaften nicht nur die erhoffte Informationsfreiheit, sondern auch ungeahnte Schwierigkeiten. Seit Jahren streiten sie: mit Verwertungsgemeinschaften wie der Gema darüber, ob sie Gebühren abdrücken müssen. Mit den öffentlich-rechtlichen Sendern, die den großen Kabelnetzbetreibern Geld dafür zahlen, dass sie ihr Programm verbreiten, den kleinen aber nicht. Nun das Bangen ums Analogradio - viele der Freizeit-Radiotechniker haben aufgegeben, ihr selbst verlegtes Kabelnetz anderen überlassen.

Gerd Anke ist mit seiner Badzelle alt geworden, einen Nachfolger hat er nicht - aber auch noch keine Lust, in Ebersdorf das Feld zu räumen. Im Ordner, wo die analogen Radiofrequenzen aufgelistet sind, blättert er ein paar Seiten weiter. Zeigt auf eine Tabelle, lacht sein freundliches Hexenlachen. Anke hat einen Plan.

Er will das digitale DAB+ von der Antenne ins Kabel weiterleiten. Dafür muss er ein bisschen basteln - und Platz machen im Kabel: Zwischen die digitalen Fernsehsender muss er das digitale Radio quetschen. Er schlägt den Ordner zu, tritt aus der Badzelle in die kalte Januarluft. Blickt am Mast hoch, der neben dem Häuschen steht. "Muss ich bald mal wieder hoch", brummt Gerd Anke. Denn im Frühjahr soll dort neuer Lack ran.

Bewertung des Artikels: Ø 2.5 Sterne bei 2 Bewertungen
5Kommentare
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  • 0
    3
    Interessierte
    16.01.2019

    Hier oben auf dem Berg steht die Augustusburg und unten liegt Hohenfichte ;-)

  • 1
    1
    Zeitungss
    15.01.2019

    Ich betreibe seit langer Zeit ein DAB+ Radio im Auto und möchte dieses auch nicht mehr missen. In der Wohnung ist der DAB-Empfang gleich Null. Das verwendete Gerät ist zwar auch internetfähig, den Anschluss für eine externe Antenne hat man vergessen und es handelt sich nicht um ein Billiggerät. Die Lösung ist Internetempfang, ein ordentlicher Zugang und ein vernünftiger Anbieter stellen jeden Kabelbetreiber ins Abseits. Abgesehen vom Empfang ist hier die FREIE Auswahl der PLUSPUNKT. SAT und Internet lassen die Kabelbetreiber in der Versenkung verschwinden, die Zeit bringt es mit sich, zumal sie in der heutigen Zeit außer abnormale Gebühren, inhaltlich NICHTS bieten.

  • 1
    0
    uwe1963
    14.01.2019

    Nun, in dem Artikel ging es aber eben um eine Antennengemeinschaft in einem Ortsteil von Chemnitz und nicht vorrangig im DAB+ Empfang im Vogtland.
    Weil wir aber gerade dabei sind, es hilft nichts, pauschal zu sagen, ich kann kein DAB+ empfangen. Da müsste man dann schon genau sagen wo und mit welchem Empfänger/Antenne. Eine gute Aussenantenne beim PKW kann schon einen gewaltigen Unterschied machen. Leider verbauen die Hersteller oft nur weniger geeignete Geräte für teures Geld in ihre Autos.

  • 2
    1
    FPLeser3008
    14.01.2019

    FPLeser3008

    "Würden sie abschalten, könnten die Hörer mit Glück noch ein paar wenige lokale Sender empfangen. Denn das digitale Signal schafft es bis zu den Antennen - aber nicht runter in die Täler."

    Nur wohnt nicht jeder im Raum Chemnitz. Im Vogtland haben wir bis heute nicht mal überall störungsfreien UKW-Empfang, dvbt funktionierte seinerzeit auch nicht. Mit unseren 3 DAB+ Geräten, einmal mobil, ist hier vor Ort kein Sender zu emp- fangen. Mit dem im PKW eingebauten Teil klapptes auf der A72/A4 bis auf wenige Funklöcher relativ gut.
    Aber wie oben schon festgestellt wurde: Solange der Sender nur hinter'm Berg steht, ist DAB für uns sinnlos und da hilft auch keine noch so schöne Werbung!

  • 7
    1
    uwe1963
    13.01.2019

    "Würden sie abschalten, könnten die Hörer mit Glück noch ein paar wenige lokale Sender empfangen. Denn das digitale Signal schafft es bis zu den Antennen - aber nicht runter in die Täler."

    Diese Aussage kann man so nicht stehen lassen.
    Zum Einen sind über DAB+, auch im Raum Chemnitz, derzeit mehr Programme als über UKW empfangbar, zum Anderen sind Radioprogramme digital und in bester Qualität über Satellit empfangbar und werden in Kabelanlagen eingespeist und genau das wird auch in der Antennengemeinschaft in Ebersdorf gemacht, so wie ich es aus deren Internetseite raus lese. Das sind u.a. alle ARD Radioprogramme, die Radioprogramme des ORF sowie einige Private, also nicht nur wenige lokale Sender. Wem das alles nicht reicht, der hat die Qual der Wahl aus weit über 10000 Radiosendern über das Internet.
    Zwar braucht man für den Empfang geeignete Geräte, aber die hat man auch schon gebraucht, wenn man UKW über Kabel empfing, denn der „Küchenbrüllwürfel“ war auch dazu mangels Antennenanschluss nicht geeignet.
    Im Übrigen werden nur 8 der derzeit 18 analog eingespeisten Radioprogramme via UKW empfangen und eingespeist. Der Rest wird digital über Sat empfangen und analog umgesetzt eingespeist, von den 8 Programmen sind 4, nämlich die MDR Programme, bereits im digitalen Kabelangebot der Anlage vorhanden. Es dreht sich also nur um 4 Programme, die dann nicht mehr empfangbar wären, allerdings mit einer Zimmerantenne empfangbar sind.
    Sollte der Anlagenbetreiber DAB+ Programme vom Ochsenkopf in Bayern empfangen und ins Netz einspeisen, so stehen ihm zusätzlich einige Regionalprogramme aus Bayern zur Verfügung.



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