Analphabeten zum Schmökern bringen

Schwierigkeiten mit dem Lesen haben und in die Bibliothek gehen - das scheint ein Widerspruch zu sein. In Oelsnitz will man genau jene Menschen mit besonderen Angeboten ansprechen.

Oelsnitz.

Eine Krankenschwester, welche die Medizin der Patienten nach Form und Farbe setzt, weil sie die Aufschrift auf den Verpackungen nicht lesen kann. Eine Küchenhilfe, die sich absichtlich die Finger verbrüht, nachdem der Chef ihr aufgetragen hat, die Tafel mit den Tagesangeboten zu schreiben. Wenn Marie Sammler berichtet, wie geschickt Analphabeten ihre Lese- und Schreibschwäche vertuschen, klingt das eigentlich unglaublich. Doch solche Beispiele sind keine Einzelfälle. Wie aus der vom Bundbildungsministerium geförderten Level-One-Studie hervorgeht, gibt es in Deutschland 7,5 Millionen Menschen zwischen 18 und 65 Jahren, deren Lese- und Schreibkompetenz so gering ist, dass sie als Funktionale Analphabeten bezeichnet werden. Das heißt, dass sie maximal mit kurzen Sätzen umgehen können, an Texten aber scheitern. In Sachsen sind mehr als 200.000 Personen betroffen. Dabei geht es keineswegs um Erwerbslose. 60 Prozent der Betroffenen stehen in Lohn und Brot.

Die Koordinierungsstelle Alphabetisierung im Freistaat Sachsen (Koalpha) will den Betroffenen helfen. Am vergangenen Montag ist deshalb das Netzwerk "Grundbildung und Alphabetisierung im Erzgebirge" mit zunächst 13 Partnern gestartet. "Wir arbeiten unter anderem mit dem Jobcenter, mit dem Familienzentrum Annaberg, und dem Kompetenzzentrum für Gemeinwesenarbeit und Engagement Aue zusammen. Künftig sind vierteljährliche Treffen geplant", so Koalpha-Regionalverantwortliche Marie Sammler. Dazu sollen noch mehr Partner ins Boot geholt werden.

Jetzt war Sammler in der Oelsnitzer Bibliothek zu Gast, und sie betont, dass Funktionaler Analphabetismus und Bibliothek kein Widerspruch ist: "Es ist für mich eine Einrichtung, in der man eine Vertrauensperson finden und erfahren kann, wo man sich hinwendet. Als Betroffener, oder auch als Angehöriger." Ein Hauptproblem beim Thema Analphabetismus ist die Scham, denn es wird gesellschaftlich vorausgesetzt, dass ein Erwachsener über ausreichende Lese- und Schreibkompetenz verfügt. "Wichtig ist es, keine Vorurteile zu haben, Verständnis zu zeigen, sich Zeit zu nehmen und die Betroffenen an die Koordinierungsstelle zu vermitteln", so Sammler. Dort gibt es bereits jetzt Kursangebote, bei denen Erwachsene kostenlos Lesen und Schreiben lernen können. Doch diese Fähigkeiten verlernt man, wenn man sie nicht nutzt. Deshalb sollte eine Bibliothek auch Bücher haben, die man bei geringer Lesekompetenz mit Vergnügen liest.

"Bisher haben wir auf Bücher in Großdruck verwiesen, wenn jemand Schwierigkeiten hat", so Bibliothekarin Heidrun Dohle. Doch es gibt noch bessere Angebote. Sammler zeigt Bücher aus dem "Spaß am Lesen Verlag". Dieser hat sich auf Literatur für Funktionale Analphabeten spezialisiert: Große Schrift und kurze Sätze. Übersichtlicher, linksbündiger Satz. Logische Trennung langer Worte durch Binde-Striche und die Vermeidung von Fremdworten machen die Bücher zu einer leichteren Kost. Zwar gibt es nicht jeden Titel auch in leichter Sprache, doch das Angebot reicht von Klassikern wie Shakespeares "Romeo und Julia" bis zum Sherlock-Holmes-Krimi und dem Bestseller "Tschick" von Wolfgang Herrndorf.

Solche Bücher sollen künftig ihren Platz in der Bibliothek haben. Auch Informationsmaterial soll ausgelegt werden und Heidrun Dohle schaut voraus: "Ich könnte mir auch Kurse für Analphabeten in unseren Räumen vorstellen. Das würde den Betroffenen sicher die Ängste nehmen." Dass es fürs Lesenlernen nie zu spät ist, berichtet Marie Sammler: "Ich kenne eine Frau, die wollte mit 72 Jahren unbedingt noch lesen lernen. Sie wollte ihren Enkeln etwas vorlesen können." Bibliotheksmitarbeiterin Heidi Richter ist Feuer und Flamme: "Ja, wir wollen hier ein Anlaufpunkt sein. Es geht darum, die Liebe zum Lesen zu wecken, und das ganz ohne Zwang."

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