Vom Versuch, die Welt zu verbessern

Am Montag wurde in Leipzig das 62. Dok-Festival eröffnet. Es ist weiblicher als in der Vergangenheit - und öffentlicher.

Leipzig.

Noch bevor das Dok Leipzig überhaupt eröffnet ist, wird schon der erste Preis verliehen. Die sächsische Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD) überreicht ihn bei der Eröffnungsfeier des Dokumentarfilmfestivals an Godisamang Khunou für ihr Projekt "Black Women & Sex". Der mit 5000 Euro dotierte Preis nennt sich ganz sachlich "Preis der Kunstministerin" und ist ein konkretes Beispiel dafür, wie es Festivalleiterin Leena Pasanen in ihrer nur fünf Jahre dauernden Amtszeit geschafft hat, weibliche Regisseurinnen zu unterstützen.

Dass es deutlich weniger Frauen auf den Regiestühlen gibt als Männer, war ihr großes Thema, im letzten Jahr führte sie eine Frauenquote von 40 Prozent für den deutschen Wettbewerb ein. "Wir sind stolz darauf, dass mittlerweile rund 45 Prozent unserer gesamten Einreichungen von Regisseurinnen kommen - das sind fünf Prozentpunkte mehr als in den vergangenen Jahren", betont Pasanen. "Regisseurinnen scheinen mehr Zutrauen zu entwickeln, ihre Filme einzureichen. Die Kluft zwischen den Geschlechtern wird stetig kleiner."

Dieses Festival ist Pasanens letztes in Leipzig. Und es war nicht immer einfach für sie und mit ihr. Ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschwerten sich über ihren Stil, unter anderem darüber, dass sie nur Englisch sprach und selten da war. Andere Kritikpunkte waren ein Minus in der Finanzierung und die Vernachlässigung der Defa- und Osteuropa-Tradition. Die Finanzierung hat sich inzwischen stabilisiert, auch wenn Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke (Linke) an die Ministerin appellierte, auch nach der neuen Regierungsfindung in Sachsen an der Förderung festzuhalten, so wie auch die Stadt Leipzig das Festival fördere. Dass es in der Stadt immer sichtbarer wird, ist eines von Pasanens Verdiensten. Am auffälligsten ist wohl ihre Idee, einige Filme während des Festivals auch in der großen Halle des Leipziger Hauptbahnhofs kostenlos zu zeigen.

Dort war es auch gleich wieder sehr voll, wie der Filmemacher Marcus Vetter erzählt. Mit seinem Film "Das Forum" wurde das Dok Leipzig im Bahnhof noch vor der offiziellen Eröffnungsfeier eröffnet. Die Filmemacher waren das erste unabhängige Filmteam, das jenseits der tagesaktuellen Medienberichterstattung hinter den Kulissen des Weltwirtschaftsforums filmen durfte und so auch berühmte Persönlichkeiten wie Donald Trump und Angela Merkel, Greta Thunberg und den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro vor die Kamera bekam. Doch vor allem sieht man Professor Klaus Schwab, der das Treffen der Weltenlenker vor 50 Jahren ins Leben rief, mit der Vorstellung, dass, wenn man nur die richtigen Leute zusammenbrächte, sie die Welt ein bisschen besser machen würden - denn die einen haben das Geld, die anderen die Macht. Der Film zeigt, dass das an einigen Stellen auch funktioniert - wie zum Beispiel bei einem geförderten Start-up in Ruanda, das mit Drohnen Blutkonserven in mit dem Auto schwer erreichbare Gegenden schickt und so viele Menschenleben rettet. Oft funktioniert der Anspruch des Weltverbesserns aber nicht. Es gibt zwar viele warme Worte - selbst von Politikern wie Bolsonaro und Trump - aber verbessert wurde wenig, wenn man auf aktuelle Themen wie Klimawandel oder die Schere zwischen Arm und Reich schaut. Auch der Film weiß dafür natürlich keine Lösungen, er vermittelt aber ein gutes Bild, wie das Weltwirtschaftstreffen abläuft und wie Schwab versucht, die Leute zusammenzubringen. Aber in den wirklich wichtigen Hinterzimmergesprächen muss auch die Kamera draußen bleiben.

Obwohl "Das Forum" von der Ästhetik her wie ein Fernsehformat herkommt, passt der Film zum Auftakt ganz gut, denn die Anliegen des Forums sind ähnliche wie die des Dok Leipzig: Andere Sichtweisen entdecken, Meinungen und Lebensrealitäten aus anderen Ecken der Welt hören, interessante Persönlichkeiten kennenlernen. Das wird auch bei diesem Dok Leipzig wieder möglich sein. Neben den Wettbewerbsfilmen, deren Themen von Robotermenschen über ein iranisches Familienporträt bis zu einem armenischen Dorf voller Frauen reichen, und dem großen Programm gibt es dieses Jahr die Retrospektive BRDDR, die Wechselblicke auf 40 Jahre Doppelstaatlichkeit werfen und Dokumentarfilme aus beiden Staaten zeigen und vergleichen will. "Man redete gern und viel von Propaganda, wenn es um die Bilder und Töne vom jeweils Anderen ging, ungern jedoch davon, dass vieles von dem, was da zur Sprache kam, einfach der Wahrheit entsprach", erklären die Kuratoren Ralph Eue und Olaf Möller. So möge "KgU - Kampftruppe der Unmenschlichkeit" (1955) des Defa-Dokumentaristen Joachim Hadaschik grell wirken, das ändere aber nichts daran, dass die BRD ja tatsächlich einen (kalten) Krieg gegen die DDR führte und umgekehrt.

Ein anderer Höhepunkt des Festivals, das ja nicht nur eines für Dokumentar-, sondern auch für Animatonsfilme ist, ist der Besuch der Brothers Quay. Die als Meister der Objekt- und Puppenanimation geltenden Künstler werden vor Publikum persönlich Einblicke in ihr kreatives Schaffen gewähren, aber natürlich auch ihre sowie von ihnen ausgewählte Filme zeigen.

Wer neben der ersten Preisträgerin Godisamang Khunou noch Preise mit nach Hause nehmen darf, entscheidet sich am Samstagabend, wenn die goldenen und silbernen Tauben verliehen werden. Khunous Preisrede dürfte aber zu den kürzesten gehören: "Hallo, ich weiß das sehr zu schätzen. Vielen Dank!"


Programmhöhepunkte 

BRDDR. Wechselblicke auf 40 Jahre Doppelstaatlichkeit: zehn verschiedene Vorführungen bis 2. November.

Nussschalenepik. Hommage Tan Pin Pin: vier verschiedene Vorführungen bis 1. November.

Potentiae Marterialis. Hommage Brothers Quay: drei verschiedene Vorführungen bis zum 31. Oktober.

Länderfokus: Transitional divers. Kroatische Verhältnisse: vier verschiedene Vorführungen bis 31. Oktober.

www.dok-leipzig.de

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