Wo das Große Mausohr abhängt

Das Hetzdorfer Viadukt wird saniert. Dabei sollen sich Bauarbeiter und die Bewohner des Denkmals nicht ins Gehege kommen. Dafür gibt es Vermittler, die keine Mühe scheuen.

Falkenau.

Das Hetzdorfer Viadukt ist ein eindrucksvolles steinernes Wahrzeichen. 43 Meter hoch erhebt sich die Eisenbahnbrücke aus dem Flöhatal, und seit der Stilllegung 1992 ist sie als Ausflugsziel und Wanderweg beliebt. Doch während sich auf der Brücke die Wanderfreunde tummeln, bieten die massigen Pfeiler und Bögen zahlreichen Tieren Unterschlupf. Allen voran sind es Fledermäuse, die in den Hohlräumen ihr Quartier haben. Stockenten brüten in luftiger Höhe, Falken, Mauersegler sowie unzählige Singvögel und ein Waldkauz leben in Ritzen, auf Mauervorsprüngen oder nutzen gezielt angebrachte Nisthilfen. Sechs verschiedene Fledermausarten zählt Reimund Francke auf. Alle hat er in der Hand gehabt oder selbst im Viadukt gesehen.

Der 61-jährige Chemnitzer ist Fledermausfreund. Zusammen mit seiner Frau Elke und den Forscher-kollegen Joachim Frömert und Volkmar Kuschka aus Flöha erstellt er Gutachten oder begleitet Baumaßnahmen. Seinen Broterwerb hat Francke in der Stadtverwaltung Chemnitz. Die Fledermäuse sind seine Leidenschaft. Er hat sich viel Wissen angeeignet, Daten und Erfahrungen gesammelt und sich Spezialausrüstung zugelegt. Gemeinsam mit seiner Frau kriecht Reimund Francke in Höhlen und Gewölbe, durchforstet Gebäude. Manchmal jagt er den nachtaktiven Jägern, die mit winzigen Sendern bestückt sind, mit einem speziellen Empfänger hinterher, um ihren Aktionsradius zu bestimmen. Er zählt und erfasst die Tiere. Die Deutsche Bahn hat die Gruppe beauftragt, die Sanierung des Hetzdorfer Viadukts fachlich zu begleiten. Ziel dieser Zusammenarbeit ist, dass sich Bauarbeiter und Fledermäuse nicht ins Gehege kommen. Etwa zwei Dutzend Male war Francke mit seiner Frau und Forscherkollegen im Viadukt unterwegs. Fledermäuse wurden gezählt und beringt. Zuletzt waren die Hobbyforscher Mitte Juli vier Stunden lang in den Pfeilern und Bögen zugange. Es gibt mittlerweile ein ziemlich exaktes Bild von der Fledermaus-Kolonie im Hetzdorfer Viadukt, die bis zu 120 Tiere zählt.

Das Viadukt ist eine sogenannte Wochenstubenkolonie für das Große Mausohr. Das heißt, die Tiere sind hier ganzjährig, paaren sich, bekommen Mitte Juni ihre Jungen und ziehen die groß. Dank der beringten Tiere gibt es nachweislich Verbindungen zu den Mausohr-Kolonien im Bahrmühlenviadukt über der A4, im Steinaer Viadukt, in der Oederaner Stadtkirche sowie im Kalkwerk Lengefeld, sagt Reimund Francke. Die anderen Fledermausarten wie das Braune Langohr, die Wasserfledermaus, die Fransenfledermaus, die Mopsfledermaus oder die Breitflügelfledermaus nutzen das Hetzdorfer Viadukt nur zeitweise als Unterschlupf. Die Fledermaus ist das einzige fliegende Säugetier, das sich vor allem von Insekten ernährt und im Schnitt drei bis vier Jahre alt wird. Im Winter senken die Fledermäuse ihre Körpertemperatur ab, die dann drei Grad über der Umgebungstemperatur liegt, fallen in einen Winterschlaf und zehren von ihren Reserven. Die Tiere gelten als sehr sozial, bilden zur Jungenaufzucht Kolonien. In frostfreien Quartieren verbringen die streng geschützten Tiere den Winter. Deshalb werden bei Bauarbeiten an möglichen Unterschlupfen Gutachten und manchmal auch eine Baubegleitung verlangt.

20 Fledermausarten gibt es in Sachsen. Einige sind gut erforscht, andere weniger. "Wir wissen zum Beispiel nicht, warum es in Sachsen während des Sommers etwa 30.000 Mausohren gibt und im Winter nur rund 3000. Wo die Tiere bleiben, ist bislang ein Rätsel", sagt Reimund Francke.

Voraussichtlich bis zum Jahr 2020 wird das 150 Jahre alte Hetzdorfer Viadukt eine Baustelle sein. Mehrere Pfeiler werden abschnittweise saniert, der Pflasterbelag auf der Brücke wird ausgetauscht und durch Asphalt ersetzt. Während dieser Zeit werden die Hobbyforscher sicherlich noch mehrmals in die hohen Pfeiler kriechen, Tiere zählen und markieren. Und vielleicht dabei noch das eine oder andere Fledermaus-Rätsel lösen.

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