Mathe-Asse gesucht

Sie gehören zur Championsklasse: die fast 200 Schülerinnen und Schüler aus ganz Deutschland, die sich zur Mathe-Olympiade in Chemnitz treffen. Rechnen ist ihre Leidenschaft, die aber auch ein wenig einsam machen kann.

Chemnitz.

Hand aufs Herz, wer kann folgende Rechenaufgabe lösen? Zwei Bäuerinnen haben zusammen 100 Eier. Die erste sagt: "Wenn ich die Anzahl meiner Eier immer zu je 8 abzähle, so bleiben 7 übrig." Die zweite sagt: "Wenn ich die Anzahl meiner Eier immer zu je 10 abzähle, so bleiben mir auch 7 übrig." Wie viele Eier also hat jede der beiden Frauen? Und ist die Aufgabe so überhaupt eindeutig lösbar?

Obwohl dies eine Aufgabe für Achtklässler ist, sollte sich niemand grämen, wenn die Lösung Probleme bereitet. Denn es handelte sich um eine Aufgabe für die Teilnehmer der 45. Mathematikolympiade von 2005 - quasi gemacht für die Championsklasse. Der Träger des Wettbewerbs, der Verein Mathematik-Olympiaden mit Sitz in Lübeck, hatte das Eierzählen für die erste Ausscheidungsrunde ausgewählt - daher gehört es noch zu den einfacheren Aufgaben, für die es übrigens gleich mehrere richtige Lösungen gibt.

Deutlich komplexer und schwieriger dürften die Aufgaben für die 197 Teilnehmer der 58. Bundesrunde der Mathe-Olympiade ausfallen, die es von Montag bis Mittwoch im Chemnitzer Kepler-Gymnasium geben wird. In zwei viereinhalbstündigen Klausuren müssen Schüler und Schülerinnen aus ganz Deutschland kniffligste Aufgaben lösen.

Erfolgreiche Olympioniken qualifizieren sich für den Auswahlwettbewerb zur Internationalen Mathematikolympiade in Russland 2020. Die 197 Acht- bis Zwölftklässler haben sich zuvor in den vorangegangenen Schul-, Regional- und Landesrunden gegen etwa 200.000 Konkurrenten durchgesetzt. Von den Teilnehmern kommen 13 aus Sachsen.

Doch was zeichnet die Olympiadeteilnehmer im Besonderen aus, die sicher zu den besten Matheschülern Deutschlands gehören? "Der normale Schulunterricht reicht nicht aus, um die Aufgaben dort zu lösen", sagt Norman Bitterlich, Koordinator im Organisationsteam der Olympiade. Denn bei den Aufgaben komme es auch weniger auf Kopfrechnen oder die Wiedergabe eingeprägter Formeln an.

"Die Teilnehmer müssen selber Lösungswege konstruieren und diese sauber und gedanklich nachvollziehbar aufschreiben", erklärt Bitterlich, der selbst Mathematik studiert und in seiner Jugend an mehreren Olympiaden teilgenommen hat. Eine dieser ehemaligen Teilnehmerinnen ist auch Laura Lippert, die derzeit Mathematik an der Technischen Universität Chemnitz studiert. Als Neunt- und Zehntklässlerin konnte die heute 22-Jährige sich jeweils zweimal für die Bundesrunde der Mathe-Olympiade qualifizieren. "Mathe ist wie Sport", sagt Lippert, die seit dem Kindergarten Tennis spielt. Ein "bisschen Talent" brauche es natürlich, um als Mathe-Ass so weit zu kommen. Das meiste sei jedoch harte Arbeit und Training - eben wie beim Sport.

Schon in der Grundschule habe Laura Lippert gemerkt, dass ihr die Mathematik viel mehr Spaß bereitete, als ihren Mitschülern. Dabei ging es auch ihr weniger um das Rechnen an sich. "Die Beweisführungen, das abstrakte Denken und besonders Streitfälle bei komplexen Problemstellungen haben mich schon immer fasziniert."

Dass es sich bei den Teilnehmern der Olympiade um Ausnahmetalente handelt, ist Laura Lippert bewusst. "Die meisten erhalten eine Förderung." Das junge Mathe-Ass stört es aber, dass viele ihrer ehemaligen Mitschüler nur wenig Interesse am Fach zeigten. "Die Aussage: 'In Mathe bin ich schlecht', sie ist in Deutschland leider allzu gesellschaftsfähig geworden." In der Schule habe Laura Lippert daher der Austausch mit Gleichgesinnten gefehlt.

Für diejenigen, die in Mathe hoch hinaus möchten, sei dieser jedoch besonders wichtig. Stephan Lamm ist Rektor des Kepler-Gymnasiums und selbst Mathelehrer. Die Schule, in der ab Montag die Bundesolympiade stattfinden wird, legt ihren Fokus auf Mathematik und Naturwissenschaften. "Die jungen Mathebegabten brauchen einen Ansprechpartner, jemand, der sie für die intellektuelle Herausforderung begeistert. Alles funktioniert über die Beziehung zu einer Person", sagt Lamm. Wenn die anderen Schüler das mitbekämen, gelinge es zumeist auch, diese mitzuziehen.

Doch nicht nur die besonders Begabten bräuchten Förderung. "Wer nicht ausreichend Mathe beherrscht, hat in Zukunft Schwierigkeiten, an gute Jobs zu kommen", sagt Koordinator Norman Bitterlich, der selbst als Mathematiker für ein Medizin-Service-Unternehmen in Chemnitz-Rabenstein arbeitet. "Mathe-Absolventen haben eine goldene Zukunft auf dem Arbeitsmarkt", bescheinigt Oliver Ernst, Dekan der Mathematik-Fakultät an der TU Chemnitz. Das treffe auch auf Maschinenbauer, Informatiker oder Ingenieure, bei denen der sichere Umgang mit Zahlen eine Grundlage sei.

Glaubt man jedoch den Experten, gibt es ein Problem. "Seit 2010 erleben wir durch die Bank eine spürbare Verschlechterung der mathematischen Fähigkeiten bei sächsischen Abiturienten", sagt Oliver Ernst. An dessen Lehrstuhl werden nicht nur Mathematikstudenten ausgebildet, sondern auch Physikern, Informatikern und Elektrotechnikern die mathematischen Grundlagen gelehrt. Die Schwächen vieler Studieninteressierter zeigten sich bei Vorkursen und anonymen Eignungstests. "Selbst Grundlagen wie Bruchrechnung bereiten vielen Probleme", sagt Oliver Ernst. Der Arbeitskreis Schulmathematik, an dem alle vier sächsischen Universitäten beteiligt sind, bestätigt den Abwärtstrend.

An den Abinoten könne man das nicht erkennen. Die haben sich laut Sächsischem Kultusministerium im Freistaat seit dem Schuljahr 2007/2008 im Schnitt von 2,5 auf 2,2 gebessert. "Man trainiert an der Schule, die Abituraufgaben zu lösen", erklärt TU-Mathematikprofessor Daniel Potts. Die Krux sei: "Schulmathematik und die Anforderungen in den mathematischen Lehrveranstaltungen bewegen sich immer weiter auseinander."

Gründe für das Auseinanderdriften, aber auch für mangelndes Interesse am Schulfach Mathe, sieht Christoph Helmberg im Unterricht. "Die Schüler lernen dort, vorgefertigte Lösungswege - ohne viel Verständnis, schnell und effizient - am Taschenrechner durchzuführen." Der ehemalige Dekan der Fakultät für Mathematik an der TU Chemnitz hält das nicht nur für "tot langweilig", sondern auch für sinnlos im späteren Leben.

Wichtiger wäre es, die Grundlagen dafür zu legen, neue Aufgabenstellungen mathematisch zu formalisieren. "Das logische Begründen, die Suche nach gemeinsamen Strukturen und eleganten Lösungen, darauf kommt es an," sagt Helmberg, insbesondere bei der Entwicklung neuer digitaler Technologien. Und der programmierbare Taschenrechner? Der ist in der universitären Grundausbildung eh nicht erlaubt.

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