"Schüler müssen heute in das Messbarkeitsdenken von Pisa hineinpassen"

Christoph Helmberg ist Mathematik-Professor an der TU Chemnitz. Mit ihm sprach Stephan Lorenz über die Ergebnisse der neuesten Pisa-Studie.

Freie Presse: Wie bewerten Sie die Pisa-Studie als langjähriger Mathematik-Professor?

Christoph Helmberg: Allgemein sehen wir kritisch, dass das Interesse allein auf die Pisa-Punktewertung ausgerichtet ist und nicht auf das, was für die Hochschulen wichtig ist.

Das wäre?

Für die Universitäten ist wichtiger, dass die Studierenden Verständnis mitbringen, dass sie logisch denken können und ein gutes Grundlagenwissen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik aufweisen. Das ist aber offenbar nicht das, was in der Pisa-Studie an vorderster Stelle steht. Die ist wohl mehr auf die gesellschaftliche Breite ausgelegt. Die Pisa-Studie stellt fest, dass die Schlechteren besser werden, aber die etwas Besseren schwächer, und letzteres beobachten wir auch an den Universitäten. Ein Grund dafür dürfte sein, dass politisch und gesellschaftlich mehr auf gute Test-Ergebnisse wert gelegt wird als auf das logische Verständnis. Für Pisa scheinen die Schüler stärker dahingehend unterrichtet zu werden, dass sie in das Messbarkeitsdenken hineinpassen.

Wie meinen Sie das?

Viele Tests zielen darauf ab, ob die Schüler geschickt mit Taschenrechnern und Hilfsmitteln umgehen, aber sie wissen eigentlich nicht, was sie da tun. Die Bruchrechnung zum Beispiel wird von vielen nicht mehr wirklich verstanden oder die Term-Umformung kaum mehr beherrscht. Das geometrische Vorstellungsvermögen leidet. Solides Argumentieren und Beweisen ist die Ausnahme. An den Schulen muss wieder stärker die fachliche Stoffvermittlung in den Vordergrund rücken. Wenn die Leute selber denken können, braucht man ihnen etwa in der politischen Bildung nicht beizubringen, was sie denken dürfen.

Deutschland liegt bei Pisa im OECD-Mittelfeld. Zufrieden?

Ein Hochtechnologieland lebt davon, dass es Menschen gibt, die gerne technische Wissenschaften studieren. Da können wir mit einem Platz im Mittelfeld - weit hinter den Asiaten - nicht zufrieden sein, zumal es mit einem Abstieg bei den Hochqualifizierten einhergeht. Man sollte da einen deutlich höheren Anspruch erheben.

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