Unfreiwillige Rückkehr

Abschiebungen belasten alle Beteiligten: die einen, die ein Land verlassen müssen, in dem sie bleiben wollen. Aber auch die Polizisten, die Abschiebeflüge begleiten. Bericht eines Mitflugs.

Kabul/Tiflis.

Hinter einem schweren blauen Gitter, wo normale Passagiere keinen Zutritt haben, fängt für 45 Männer ihre erzwungene Ausreise an. Polizeibeamte und Mitarbeiter von Ausländerbehörden haben sie an diesem schwülen Sommertag zum Flughafen Leipzig-Halle gefahren. Anfangs waren sie noch einer mehr - dann entschied ein bayerischer Richter im letzten Augenblick, dass dieser eine bis auf weiteres in Deutschland bleiben darf.

Sie hocken auf Stühlen, die am Eingang einer kleinen Halle stehen. Jeder Einzelne ist von Polizisten umringt. Die Bundesbeamten tragen gelbe Westen, auf denen "Escort" zu lesen ist oder "Backup Team" - Begleitperson oder Ersatz-Team. Neben ihnen steht ein Übersetzer, der den Männern in einer Art Einweisung erklärt, was folgt: Durchsuchung, Warten, dann ein Bus zum Flieger. 5000 Kilometer bis Kabul.

Das Durchsuchen, das hinter einer geschlossenen Tür passiert, sei für alle Beteiligten unangenehm, aber ohne gehe es nicht. Das sagt ein Bundespolizist aus Sachsen, der mehr als 3000 Menschen auf Abschiebungen begleitet hat. Die Abschiebepraxis der einzelnen Bundesländer nach Afghanistan ist unterschiedlich rigoros, auch wegen der angespannten Sicherheitslage in dem mittelasiatischen Land. Ein Schwerpunkt wird auf Straftäter und Gefährder gelegt, darüber hinaus auf alleinstehende Männer.

22 der 45 unfreiwilligen Passagiere des heutigen Fluges waren in Deutschland inhaftiert. Einer der ehemaligen Häftlinge war wegen Gewalt mit Todesfolge im sachsen-anhaltischen Köthen verurteilt worden. Damals, im September 2018, war ein 22-Jähriger nach Schlägen zu Boden gegangen. Der junge Deutsche starb an einem plötzlichen Herztod. Der Afghane, der Deutschland jetzt verlassen muss, war zum Tatzeitpunkt 17 Jahre alt. Die Polizisten aus jenen Bundesländern, die die Afghanen hierher zum Flughafen gebracht haben, tragen Waffen.

In einer zweiten, fensterlosen Halle sitzen später 74 Bundespolizisten an schweren Holztischen neben den Ausländern, die sie in den nächsten neun Stunden nicht aus den Augen lassen werden. Die Männer und Frauen der Bundespolizei, die mitfliegen von Sachsen nach Kabul, sind unbewaffnet. Wer von den Abzuschiebenden zur Toilette muss, der wird begleitet.

Es ist dunkel, als zwei Busse vor die Halle rollen. Eine kurze Fahrt zum Flieger. Dann wieder warten. Je zwei Polizisten haken einen Afghanen rechts und links unter. Einzeln werden die Männer die Flugzeugtreppe hochgeführt. Drinnen in der Maschine warten Flugbegleiterinnen einer Chartergesellschaft. Sie tragen braunkarierte Kleider und roten Lippenstift. Die Stewardessen lächeln professionell. Auch als zwei Männer ins Flugzeug gebracht werden, denen die Polizisten mit einem schwarzen Gurt die Arme am Rumpf festgemacht haben. "Body Cuff" nennen sich die Vorrichtungen, die sich locker oder fest anziehen lassen.

Wer sich vorhin in der Halle gewehrt hat, wer wiederholt aufstehen und hinausgehen wollte, wird im hinteren Teil der Boeing 767 platziert. Im Polizeijargon heißt es: "Das sind die Schwererziehbaren."

In der Maschine ist es ruhig. Niemand spricht laut. Nachdem das Flugzeug abgehoben hat, wird es noch stiller. Nur ein Mann trägt noch den Fesselungsgurt. Er ist klein, muskulös, hat die Haare an den Seiten ausrasiert und in der Mitte mit Gel nach hinten gekämmt. Er redet viel, isst viel, schließlich sinkt sein Kopf auf das weiße Kissen, das ihm die Stewardess gebracht hat. Viele der Afghanen schlafen jetzt. Einige ziehen sich eine Decke über den Kopf, als Schutz gegen das grelle Flugzeug-Licht.

Wenn einem der Bundespolizisten mit den gelben Westen die Augen zufallen, kommt jemand aus dem Ersatz-Team. Für die Polizisten ist es ein relativ entspannter Flug. Fesseln und Spuckschutz-Hauben, die sie eingepackt haben, kommen nicht zum Einsatz.

Für die Ausländerbehörden sind 45 "Rückzuführende" an Bord eine Erfolgszahl. Beim Kabul-Flug Mitte Juni waren von Dutzenden abgelehnter Asylbewerber, die auf der Liste standen, nur elf eingestiegen. Manchmal kommt auf den letzten Metern ein Gerichtsbeschluss. Oder jemand wird krank. Einer der Hauptgründe für das Nichterscheinen lautet "Wurde nicht angetroffen." Ein strengeres Gesetz soll das jetzt ändern.

Jede Sammelabschiebung ist eine aufwendige, teure Operation. Von den bundesweit rund 1500 Polizisten, die als "Personenbegleiter Luft" geschult wurden, müssen genügend verfügbar sein. In Berlin wurde 2017 ein Behördenzentrum eröffnet, das die Bundesländer bei Rückführungen unterstützt. Im selben Jahr wurden bei der europäischen Grenzschutzagentur Frontex sogenannte "Return Pools" installiert, die aus hunderten Spezialisten der Mitgliedsländer bestehen. Frontex leistet Assistenz und zahlt häufig die Flugzeugkosten.

Inzwischen fällt Tageslicht in das Flugzeug herein. Beklommene Blicke aus dem Fenster. Unten Bergkämme, Hochtäler, rotbraun und kahl. Nach der Landung geht alles ganz schnell. Vier Polizisten ziehen Schutzwesten an. Sie steigen aus, um das Flugzeug zu sichern. Der letzte größere Bombenanschlag in der afghanischen Hauptstadt liegt wenige Tage zurück. Zügig steigen die Abgeschobenen die Flugzeugtreppe hinunter, begrüßen afghanische Polizisten mit Handschlag.

Dann geht es per Bus zum Terminal. Da eine Glasschiebetür klemmt, werden die Angekommenen durch einen Nebeneingang ins Gebäude gebracht - zur Passkontrolle. Jeder Neuankömmling muss seine Papiere vorzeigen. In einem Nebenraum gibt es Geld, rund 150 Euro von einer UN-Behörde. Das reicht, um einige Tage in einer billigen Unterkunft zu schlafen und zu essen.

Im Flugzeug haben die Polizisten ihre Westen ausgezogen. Einige tauschen das Hemd gegen ein bequemes T-Shirt. Die Anspannung ist verflogen. Wo eben noch Konzentration herrschte, dominiert jetzt Müdigkeit. Nach einer Nacht ohne Schlaf setzen viele Kopfhörer auf, hören Musik oder machen sich lang auf den Sitzen. Stephan, groß, schwer, kurze Haare, kann nicht schlafen. Er sagt: "Ich versuche immer, einen Draht zu demjenigen zu finden, den ich begleite - Vertrauen zu schaffen. Das klappt meistens, aber nicht immer." Es belaste ihn nicht sonderlich, was er bei Abschiebungen erlebe, sagt er. Viel schlimmer sei es für ihn gewesen, am Düsseldorfer Hauptbahnhof über Jahre den Verfall von zwei drogensüchtigen Mädchen mitzuerleben.

Der Rheinländer wird, wenn er zu Hause ankommt, fünf Tage unterwegs gewesen sein. Denn von Kabul geht es zunächst nach Taschkent. In der Hauptstadt Usbekistans wird das Flugzeug betankt. Eine neue Crew kommt an Bord. Dann fliegen die übermüdeten Polizisten nach Tiflis. Als sie mit dem Bus durch die georgische Hauptstadt fahren, spricht niemand mehr über die vergangenen Stunden. Endlich mal duschen, einen ordentlichen Kaffee, ein Glas Bier. Jeder hat andere Prioritäten.

Matthias, 54 und aus Brandenburg, arbeitet regulär als Bundespolizist am Flughafen. Der ehemalige DDR-Bürger hat sich 1992 freiwillig gemeldet, um Abschiebungen zu begleiten, auch weil er mehr von der Welt sehen wollte. Nicht nur die dreiwöchige Zusatzausbildung zum "Personenbegleiter Luft" ist für die Bundespolizisten freiwillig, sondern auch die Teilnahme an jedem einzelnen Einsatz. Es gibt Beamte, die nicht nach Kabul fliegen wollen. Etwa weil sie oder Angehörige Angst haben vor einem Angriff auf das Flugzeug. Andere sind sind nicht sicher, ob es richtig ist, Menschen dorthin abzuschieben. In den Sicherheitshinweisen des Auswärtigen Amtes heißt es, die Sicherheitslage in großen Teilen des Landes sei unübersichtlich und unvorhersehbar. Seit Jahresbeginn sind mehr als 200 Männer nach Afghanistan abgeschoben worden.

Für manche, die gegen Abschiebungen demonstrieren, sind die Polizisten Vollstrecker des Bösen. Die Beamten selbst sehen ihre Rolle anders. Matthias sagt, in Afrika spielten zu viele Menschen mit dem Gedanken, sich nach Europa aufzumachen. Dass das nicht aufgehen könne, müsse jedem einleuchten. Dennoch erzählen einige im Bekanntenkreis nicht, was es mit ihren Dienstreisen auf sich hat.

Zurück am Flughafen Leipzig-Halle, rund 48 Stunden nach dem Beginn der Operation, hält die Einsatzleiterin eine kurze Ansprache. Dann geht's nach Hause. Und viele wissen, dass sie einige aus der Gruppe schon bald wiedersehen werden - bei der nächsten Abschiebung. dpa

Blick hinter die Kulissen

An Bord von Sammelabschiebungen sind Journalisten üblicherweise unerwünscht. Über Sammelabschiebungen berichten die Behörden in der Regel erst hinterher. "Rückführungen sind in mehrfacher Hinsicht sensible Maßnahmen und erfolgen deshalb unter Ausschluss der Öffentlichkeit", erläutert ein Sprecher des Innenressorts. "Da sie zugleich häufig Gegenstand von zum Teil unberechtigter, schwerwiegender Kritik sind, wurde nach intensiver Abwägung auf Leitungsebene im Bundesinnenministerium entschieden, um hier mehr Transparenz zu schaffen, ausnahmsweise einem Medium mit großer Reichweite die Begleitung zu ermöglichen."

Eine Reporterin und ein Fotograf der Deutschen Presseagentur (dpa) haben daher einen Abschiebeflug nach Kabul begleitet. Eine Voraussetzung war, dass die Polizeibeamten nicht mit Gesichtern und Familiennamen in den Medien auftauchen. (dpa)

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