Schönheider wollen Gedenken auffrischen

Was sich vor 75 Jahren im Ort zugetragen hat, gerät langsam in Vergessenheit. Ein Denkmal, das an ermordete KZ-Häftlinge erinnert, war von Wildwuchs überwuchert und drohte einzustürzen. Jetzt soll sich an seinem Zustand etwas ändern.

Schönheide.

"Hier ruhen die von Nazihorden unschuldig Hingemordeten." So lautet die Inschrift auf einem Denkmal, das auf dem alten Schönheider Friedhof steht. Das in der Erde davor 30 KZ-Häftlinge beerdigt sind, wissen vielleicht nur wenige Dorfbewohner. Ganz alte haben vielleicht noch Erinnerungen daran, was sich vor 75 Jahren im Ort zutrug. Es gibt nur wenige historisch belegbare Fakten. Allerdings ist das Denkmal jetzt in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Zu verdanken ist das in erster Linie einer Schönheiderin. Ursula Völkel ist 79 Jahre alt, im Ort lebt sie seit 1975. Zur Welt kam sie in einem Ort in Schlesien. Ihre Familie wurde 1948 ins Erzgebirge umgesiedelt, weil der Vater Bergmann war und von den Russen als Arbeitskraft für die Wismut gebraucht wurde. "Der Familie wurde alles weggenommen, ich habe meine Heimat verloren und als Kind viele schreckliche Dinge auf dem Transport gesehen", sagt sie. Das sei auch der Grund dafür gewesen, dass sie der zunehmend verwilderte Zustand des Denkmals auf dem Friedhof berührte. Dorthin war sie regelmäßig gekommen, um das Grab einer Angehörigen zu pflegen. Über Jahre hatte sie ihr Anliegen, etwas für das Denkmal zu tun, bei Gemeinde und Kirche vorgetragen.

Aber erst jetzt ist Bewegung in die Sache gekommen. Das liegt auch daran, dass sich der Gemeinderat dazu entschlossen hat, in den aktuellen Haushalt 10.000 Euro für die Sanierung des Denkmals einzustellen. Wie so oft müssen davor aber noch bürokratische Hürden überwunden werden. Punkt 1: eine Art Gestattungsvertrag zwischen Gemeinde und Kirche. Der soll die Pflege durch die Gemeinde regeln. Dazu braucht es den Segen der Landeskirche. Punkt 2: Zu allem, was an Baumaßnahmen vorgesehen ist, muss das Landesamt für Denkmalpflege sein Okay geben. Denn der gesamte ehemalige Friedhof ist als Flächendenkmal registriert.

Udo Lorenz, Gebietsreferent für den Erzgebirgskreis, hat sich das Denkmal auf Einladung der Gemeinde angeschaut. Vorgesehen ist, das Denkmal zu reinigen, die Mauer, auf der es steht, in Stand zu setzen, und zwei Platten, die offenbar nachträglich angebracht wurden und nichts mit dem Anliegen zu tun haben, zu entfernen. In den Stein aus Rochlitzer Porphyrtuff war die Inschrift wahrscheinlich ursprünglich eingeschlagen. Jetzt ist eine Platte darüber, die entfernt werden muss. Das alles zählt Udo Lorenz auf. Er sieht auch, dass es bislang nur einen Weg zum Denkmal gibt, der zudem erneuert werden müsste. Lorenz' Idee: "Der alte Friedhof hat heute eher Parkcharakter. Wenn man dort ein neues Wegenetz anlegt, sollte man auch den Bereich mit dem Denkmal einbeziehen."

Christian Leistner vom Kirchenvorstand Schönheide, der sich seit Jahren maßgebend um den Friedhof, die dort liegenden Grüfte und die Kapelle kümmert, sieht noch weitere notwendige Schritte. Die mittlerweile zu groß gewachsenen Lebensbäume müssen weg, Wildwuchs am Hang hinter dem Denkmal muss beseitigt werden. Leistner kümmert sich zwar um den Friedhof insgesamt, würde sich aber über mehr Engagement fürs Denkmal freuen.

Amtsverweser Eberhard Mädler sieht mit dem 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges einen besonderen Anlass, sich als Gemeinde der Sache anzunehmen. Allerdings seien die Arbeiten nicht bis zum 8. Mai, dem Tag, an dem sich das Kriegsende jährt, zu schaffen. "In diesem Jahr wollen wir aber damit zum Ende kommen", sagt Mädler. Ebenso kann er sich ein Denkmal für die zwei Tage vor Kriegsende zu Tode gekommenen vier Schönheider Jungen vorstellen. Sie fielen einem Granatenbeschuss durch die US-Armee am 6. Mai zum Opfer.

Für das Schicksal der Häftlinge, die in Schönheide in einem Außenlager des KZ Flossenbürg untergebracht waren und hier auch arbeiteten, ist ein anderes Datum bedeutsam, der 13. April 1945. An diesem Tag wurden sie auf den Todesmarsch nach Karlsbad (Karlovy Vary) geschickt. Wie viele entkräftet zusammenbrachen und liegen gelassen oder von den SS-Wachmannschaften erschossen wurden, verliert sich im Nebel der letzten Kriegstage. Namen, die am Denkmal stehen könnten, gibt es nicht. Ursula Völkel ist es wichtig, dieses Kapitel ins Bewusstsein zurück zu rufen. "Es gehört sich einfach, so ein Denkmal zu pflegen", sagt die 79-Jährige.

Das Museum Schönheide, unterstützt von der Gemeindeverwaltung, gestaltet seine Jahresausstellung vom 11. April bis 18. Oktober zum Thema "Regional betrachtet - 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges". Die damaligen Ereignisse im Ort sollen dabei eine Rolle spielen. Dafür sucht der Heimatgeschichtsverein noch Zeitzeugenberichte.


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