Multimedial unter Tage

Mit "Pochen" soll ein genreübergreifendes Festival die Chemnitzer Kultur bereichern. Zu Beginn schürft es tief in der Wismut-Geschichte.

Chemnitz.

"In diesem Augenblick begriff ich, dass hier unten ein jedes Tun und Lassen im Wirkungsfeld des Todes stand." Für den Schriftsteller Franz Fühmann (1922 - 1984) hatte der "Berg", der Bergbau etwas Mythisch-Archaisches. "Diese Arbeit war Kampf mit dem Element, mit dem Fels, mit dem Wasser, mit der Luft, mit dem Feuer, sie war noch Kampf mit der Natur, in dem der Mensch sein Menschsein gewonnen, und eben das machte sie in ihrer Härte zu einer menschlichen Arbeit."

Was Fühmann am Beispiel des Kupferbergbaus im Mansfelder Land zu DDR-Zeiten erlebte, gilt auch für den Uranbergbau der Wismut. Den hat sich ein gerade eröffnetes, neues Festival zum Thema gewählt - auf den ersten Blick etwas überraschend spielt "Pochen" auf die "Tage des Aufbruchs" der Wismut an, die die Region von Chemnitz bis ins Erzgebirge einst prägten. Vom Verein Spinnerei konzipiert, der unter anderem auch an kulturellen Aktivitäten wie der Fête de la Musique und Fuego a la isla beteiligt ist, soll "Pochen" Auftakt einer Biennale für multimediale Kunst sein, die alle zwei Jahre ein Thema, das eng mit der Stadt verbunden ist, in den Mittelpunkt stellt.

Dass es zu Beginn die Wismut ist, hatte sogar die Wismut AG selbst überrascht, wie deren Pressesprecher Frank Wolf zur Eröffnung des Festivals am Samstagabend im Staatlichen Museum für Archäologie Smac gestand. Doch das Engagement der Organisatoren um Benjamin Gruner vom Verein Spinnerei habe ihn überzeugt, so Wolf, auch Umfang und Vielfalt der Vermittlung seien beeindruckend. Sodass man "Pochen" als Zeichen des Aufbruchs - auch im übertragenen Sinne - gern unterstützt habe. Immerhin hätten 45 Jahre Wismut-Bergbau die Region mehr verändert als 800 Erzbergbau zuvor. Die Wismut, deren Sitz Anfang der 1950er-Jahre nach Chemnitz verlegt wurde, sei ein "Staat im Staate" gewesen, wurde von der übrigen Bevölkerung durchaus misstrauisch beobachtet.

Viele dieser Aspekte finden sich auch im Programm des Festivals wieder. Von einer Bühnenfassung des großartigen Romans "Rummelplatz" von Werner Bräunig im privaten Fritz-Theater über einen Vortrag von Mathias Lindner, Leiter der Neuen Sächsischen Galerie, zur Kunstsammlung der Wismut, eine Lesung mit Josef Haslinger aus dessen Roman "Jachymov" bis zu diversen Ausstellungen und Installationen in der Galerie Borssenanger, an der Galeria Kaufhof und anderswo.

Eine Installation sorgt schon bei der Ankunft mit dem Zug in Chemnitz für Bekanntschaft mit dem Festival. An der Fassade des Hauptbahnhofs leuchten "13 Millionen Zustände" in nicht ganz so vielen Farben auf. Bergbausymbole wechseln einander ab mit Farbflächen, die teilweise überraschende Bilder formen, wenn sie sich mit dem dunklen Nachthimmel darüber und dem hell erleuchteten Bahnhof darunter zu einer Art "Schwarz-Rot-Gold" verbinden, den Farben, die, erstmals so auf dem Hambacher Fest 1832 gezeigt, zum Symbol der deutschen Republik werden sollten. Gestaltet haben diese gelungene Intervention Antje Meichsner, Deborah Geppert und Simon Hillme von der Fachklasse Digitale Medien an der Hochschule für Bildende Künste Dresden, die der Chemnitzer Carsten Nicolai leitet. Ein Weggefährte von Nicolai, der Musiker und Grafiker Olaf Bender, war schon am Samstag mit einem dramaturgisch durchdachten, spannenden Set bei der Eröffnung im Smac zu hören. Dort, wo auch über die gesamte Festivalzeit eine Klanginstallation des Schweizers Zimoun zu sehen und zu hören ist, die das "Pochen" mittels Pappkartons hörbar macht. Insgesamt erwartet die Besucher ein abwechslungsreiches Programm, von dokumentarischen Formaten mit enger Bindung zum Thema Wismut bis zu künstlerischen Beiträgen, die sich sehr frei daran orientieren, was zur Identitätsstiftung der Region beitrug: "Ich bin Bergmann, wer ist mehr!"

Die Biennale"Pochen"findet noch bis zum 18. November an verschiedenen Orten in Chemnitz statt. Das gesamte Programm unter www.pochen.eu

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