Vom Hauer bis zur Kantinenfrau: Wismut-Zeitzeugen sollen erzählen

Zu den Hinterlassenschaften gehören nicht nur Halden, Schächte, Bohrhämmer, Foto-Archiv und Kunstsammlung. Auch die Zeitzeugen sind ein Schatz. Der soll gehoben werden.

Chemnitz.

Die Mitarbeiter des Deutschen Bergbaumuseums Bochum mahnen zur Eile. Es gebe nicht mehr viele der einstmals 500.000 Beschäftigen im Uranbergbau der Wismut, gleich gar nicht aus den Anfangsjahren nach 1945. Nur sie können aber hautnah berichten, welche Faszination die Wismut auf sie ausgeübt hat, warum sie sich als sozialistischer Musterbetrieb verstand, wie sie als "Staat im Staat" wirkte, warum ein Hauer stolz darauf war, Uran für den Weltfrieden zu fördern und dafür sogar seine Gesundheit opferte.

Die Bochumer Wissenschaftler schlagen ein Zeitzeugenprojekt vor, bei dem vom Hauer bis zum Direktor, von der Kantinenfrau bis zum Betriebsarzt, einstige Wismut-Beschäftigte nach einem gleichen Schema interviewt werden sollen. Die Berichte sollen aufgezeichnet und so der Nachwelt erhalten werden. Das Zeitzeugenprojekt wird durch die Sächsische Akademie der Wissenschaften umgesetzt. Laut Projektleiterin Ute Ecker stehe man in den Startlöchern. Insgesamt sollen 50 Zeitzeugen befragt werden.

Vor zwei Jahren hatten sich der Bund sowie Sachsen und Thüringen darauf verständigt, ein der Geschichte und der Bedeutung des Unternehmens als einstmals viertgrößter Uranproduzent der Welt angemessenes Erbe-Konzept zu entwickeln. Schließlich hat die Wismut in 45 Jahren Bergbautätigkeit und nunmehr fast 30 Jahren Sanierung die Landschaft und das Leben der Menschen mehr verändert, als 800 Jahre Bergbau zuvor.

Erarbeitet wurde das Konzept vom Deutschen Bergbaumuseum Bochum. Es hatte zusammen mit 25 weiteren Institutionen und Einrichtungen seinerzeit an einem Workshop in Bad Schlema teilgenommen. Die Wissenschaftler aus dem Ruhrgebiet hatten sich als einzige bereiterklärt, ein Konzept mit konkreten Handlungsempfehlungen zu entwickeln.

"Die Bochumer haben ein Mammutprojekt erstellt", sagt Wismut-Sprecher Frank Wolf zur jetzt vorliegenden und gerade an die Bürgermeister übermittelten Konzeption. Das 70-Seiten umfassenden Papier heißt schlicht "Umsetzungskonzept Wismut-Erbe". Für die Umsetzung werde man eine große Anzahl Mitwirkender benötigen. Die Finanzierung werde sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag belaufen, der anteilig vom Bund sowie den Ländern Sachsen und Thüringen getragen werden soll.

Voll des Lobes angesichts der Pläne ist der aus dem Erzgebirge stammende CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß. Vor allem weil das Konzept darauf ausgerichtet ist, das Wismut-Erbe in großer Vielschichtigkeit darzustellen, einschließlich der rücksichtslosen Umweltzerstörung und der gesundheitlichen Folgen für die Beschäftigten sowie der Sanierungserfolge.

Das Konzept empfiehlt, Ronneburg in Thüringen und Hartenstein/Bad Schlema in Sachsen für die Präsentation - als authentischste Orte mit sehr engagierten Akteuren. Dabei solle aber der Schacht 371 in Hartenstein nicht zu einem größeren Museum aufgerüstet, sondern innerhalb der gerade zum Welterbe geadelten Montanregion Erzgebirge als Einheit mit dem Uranbergbaumuseum in Bad Schlema verstanden werden. Ideal wäre, das Kulturhaus Aktivist mit einem Infozentrum Welterbe, runderneuertem Uranbergbaumuseum und bestehender Gastronomie zum zentralen Anlaufpunkt in der Welterbelandschaft Uranbergbau zu machen. Ähnliche Pläne verfolgt die Kommune bereits.

Besonderes Augenmerk wird in dem Papier auch der Kunstsammlung der Wismut gewidmet, die mit rund 4500 Objekten die größte Unternehmenssammlung der DDR repräsentiert. Sie könnte durch die Kunstsammlungen Chemnitz betreut werden, heißt es.

Wie Wismut-Sprecher Wolf sagt, soll unabhängig vom Sanierungsauftrag des Bundesunternehmens zur Umsetzung des Erbe-Konzepts eine GmbH gegründet werden - mit dem Bund und den beiden Freistaaten als Gesellschafter. In fünf bis zehn Jahren könnte diese GmbH in eine Stiftung überführt werden. Parallel dazu soll ein Wismut-Verein gegründet werden, in den sich alle anderen Akteure einbringen können: Bergbau- und Traditionsvereine, Bergwerksbetreiber, Privatpersonen, Historiker, Institute.

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