Vom Gymnasium in den Hörsaal

Landärztin in spe: Die Anzahl der unbesetzten Hausarztstellen im Raum Annaberg steigt seit Jahren kontinuierlich. Dagegen will Anna Köhler aus Wiesa etwas tun. "Freie Presse" begleitet sie auf diesem Weg.

Wiesa.

Bei der Festwoche anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Evangelischen Schulgemeinschaft Erzgebirge in der vorigen Woche war sie noch dabei. Als frisch gebackene 1,0-Abiturientin hat sie das musikalische Großprojekt "Carmina Burana" mitgestaltet. In dieser Woche nun sitzt Anna Köhler aus Wiesa bereits in Dresden an der Universität und startet ihr Medizinstudium. Wobei der "scharfe Start" erst für Montag angekündigt ist. In der derzeit laufenden "Erstiwoche" werden alle Studienanfänger erst einmal in das Leben als Medizinstudent eingeführt. Und da gehören Festakte und Organisatorisches genauso dazu wie die erste Kneipentour, hat die junge Wiesaerin schon mal in Erfahrung gebracht.

Dabei hat die junge Frau ein besonderes Studienziel: Sie will als Allgemeinmedizinerin wieder in das Erzgebirge zurückkehren. Deshalb hat sie sich auch für eines der 20 Hausarztstipendien beworben, die auch in diesem Studiengang wieder vom Sächsischen Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz ausgelobt sind. Die Entscheidung darüber steht noch aus. Den Stundenplan für ihr erstes Semester hat sie aber schon in der Tasche. Physik, Biologie, Chemie, Terminologie und Anatomie stehen da hauptsächlich. Dazu kommt ein vierwöchiges Physikpraktikum. Ein Zeitplan, der dem Naturell des Energiebündels entspricht. Denn Zeit vergeuden, ist nicht ihr Ding. So hat sie die zurückliegenden Wochen - einschließlich Sommerferien - genutzt, um ihr dreiwöchiges Pflegepraktikum im Erzgebirgsklinikum in Annaberg-Buchholz zu absolvieren. Das muss jeder Medizinstudent spätestens bei der Anmeldung zur 1. Ärztlichen Prüfung nachweisen. Drei Monate, in denen sie nicht nur Patienten gewaschen und ihnen Essen gereicht, Betten gemacht und Vitalwerte gemessen hat. Drei Monate, in denen sie vor allem viele Erfahrungen gesammelt hat - "und dabei besonders viel Hochachtung vor den anstrengenden, aber so enorm wichtigen Aufgaben einer Schwester" bekommen hat. "Ich habe gelernt, mehr auf Menschen zu achten und zu sehen, was sie gerade gebrauchen könnten - ob es nun eine Flasche Wasser, eine Zeitung oder einfach Zeit zum Zuhören ist", resümiert sie ihren Einsatz auf Station 4. Dort liegen Patienten, die einen Schlaganfall hatten oder überwacht werden müssen - aber nicht mehr auf der Intensivstation. Auch Barrieren hinsichtlich körperlicher Dinge seien bei ihr im Laufe der Zeit gefallen - zum Beispiel beim Waschen der Patienten. Schwierig sei es gewesen, mit anzusehen, wie es Patienten immer schlechter ging. Auch einige Todesfälle habe es gegeben. "Manchmal musste man mit ansehen, wie Patienten langsam über Tage sterben." In Erinnerung bleiben aber auch "die netten und herzlichen Schwestern und Ärzte auf Station, die dafür gesorgt haben, dass ich mich so wohlgefühlt habe".


Nun also ein ganz neues Abenteuer. Und das wird nicht nur vom Studium geprägt, sondern auch von der ersten eigenen Wohnung. "Ich habe eine von einer bekannten Medizinstudentin übernommen und damit einen Glückstreffer gelandet", freut sich Anna Köhler. Denn die Wohnung liege nicht weit weg von der Uni, nicht weit weg vom Elbufer und sei "wunderschön". Aufgeregt ist sie dennoch - "immerhin muss ich mich jetzt selbst bekochen", sagt sie. Dabei seien ihre Kochkünste momentan eher noch bescheiden. Aber auch sonst wird es nun viele Dinge geben, die in der ersten eigenen Wohnung neu bedacht werden müssen - angefangen vom Einkauf alltäglicher Notwendigkeiten wie Toilettenpapier zum Beispiel, bis hin zum Schlüssel, der nicht zu Hause vergessen werden darf. Aber die angehende Studentin ist zuversichtlich: "Eine solche Herausforderung wird mich sehr viel selbstständiger machen."

Und der Kontakt zur Familie und zum großen Hof im heimischen Wiesa bleibt ja auch - allein schon ihrer Bienen wegen. Denn die Imkerei wegen des Studiums aufzugeben, kommt für die nicht infrage. "Ich habe vor, jedes Wochenende mit dem Zug nach Hause zu kommen. Da dürften bestimmt ein paar Minuten für die Bienen abfallen", sagt sie. Zudem seien die Tiere pflegeleicht: "Man pflegt ein Volk eher zu Tode, als dass man es unterversorgt." Und winterfest hat sie ihre acht Völker ohnehin schon gemacht.


Hausarztstipendium

20 künftige Allgemeinmedizinerinnen beziehungsweise Allgemeinmediziner werden auch in diesem Studienjahrgang mit dem Sächsischen Hausarztstipendium unterstützt. Wichtigste Voraussetzung dafür ist, dass sie sich in Sachsen niederlassen. Sie werden nach Angaben des Sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz, welches auch für das Förderprogramm verantwortlich zeichnet, mit 1000 Euro monatlich ab dem ersten Semester für den gesamten Zeitraum der Regelstudienzeit unterstützt.

Westenlicher Bestandteil des Stipendienprogrammes ist eine Patenschaft mit einer hausärztlich tätigen Praxis im Bereich der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen für 24 Tage pro Förderjahr. Als Stipendiaten verpflichten sie sich, unmittelbar nach erfolgreichem Abschluss des Medizinstudiums eine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren und binnen sechs Monaten nach Abschluss für 6 Jahre, mindestens jedoch einem Jahr pro angefangenem Förderjahr, als Hausärztin beziehungsweise Hausarzt in einem zu diesem Zeitpunkt nicht bedarfsgerecht versorgten Gebiet in Sachsen zu arbeiten.

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