Wegen Wölfen: Hobbyschäfer rüstet auf

Mehrere in Mittelsachsen überfahrene Raubtiere sorgen für Unruhe unter Züchtern. Nun hat Landwirt Oliver Seidel seine Konsequenzen gezogen.

Altgeringswalde.

Seit ein Wolf zwei Schafe in Carsdorf bei Rochlitz gerissen hatte, ist es vorbei mit der Ruhe von Oliver Seidel. Das war Ende November und ist Monate her, doch noch immer treibt den Hobbyschäfer aus Altgeringswalde der Zwischenfall um. Denn er hat Angst um seine Tiere. Der 50-Jährige lebt mit einer Herde von 14 Mutterschafen und drei Böcken seit fünf Jahren auf einem Vierseithof. Bis jetzt war das für ihn Idylle pur. "Inzwischen sehe ich aber die Gegend hier als Wolfserwartungsland. Ich muss aufrüsten", bringt es der gebürtige Bremer auf den Punkt.

Was ihn umtreibt, sind immer mehr Vorfälle mit Wölfen in Mittelsachsen. Die rund drei Hektar Land, die der gelernte Automechaniker bewirtschaftet und in großen Teilen zu Streuobstwiesen kultiviert, sind inzwischen mit 90 Zentimeter hohen elektrifizierten Weidezaunnetzen auf etwa einem Kilometer Länge umfriedet, noch höher an Randbereichen des Grundstücks. Um seine Tiere mit Futter zu versorgen, versetzt er die Weide regelmäßig. "Das bedeutet im Schnitt zusätzlich sechs Stunden Arbeit gegenüber früher, als diese Wolfsbastionen noch nicht nötig waren."

Woran sich Seidel stößt: "Fördermittel zu bekommen, ist schwierig und umständlich. Und wer kleine Herden hält, hat gar keine Chance. Uns fehlt die Lobby, und damit fallen wir komplett durchs Raster." Denn soweit er wisse, würde Förderung erst ab einer Herdengröße von 50 Tieren ausgereicht. "Das ist böse, was hier in Sachen Strukturwandel passiert."

Sprecherin Karin Bernhardt vom Sächsischen Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, bei dem die Fachstelle Wolf angesiedelt ist, weiß um die teils schwer zu überblickenden Prämissen bei der Vergabe von Zuschüssen. Zunächst müsse unterschieden werden zwischen einer Förderung, die auf Prävention ausgerichtet ist. "Mobile Elektrozäune, Flatterband als Übersprungschutz, Herdenschutzhunde und Unterwühlschutz sind förderfähig", verdeutlicht Karin Bernhardt. Die Kosten für Investitionen würden voll erstattet. Hintergrund für die Ausweitung des Fördergebietes auf den gesamten Freistaat sei die zu erwartende weitere Ausbreitung von Wölfen in Regionen, die bislang nicht dauerhaft betroffen waren.

"Wir geben bei der Beantragung in jeglicher Hinsicht Unterstützung", versichert die Sprecherin. Geld für Präventionsschutz könnten Hobbyzüchter und Betriebe beantragen, die Schaf- oder Ziegenhaltung im Haupt- beziehungsweise Nebenerwerb betrieben.

Neben der Finanzierung des präventiven Herdenschutzes können, wie Bernhardt sagte, Halter mit mindestens 50 Tieren über die Förderrichtlinie Schaf- und Ziegenhaltung des Sächsischen Staatsministeriums für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft bezuschusst werden. Das Förderprogramm ziele auf die nachhaltige Bewirtschaftung durch Beweidung ab.

Dass sich Züchter um ihre Herden sorgen, hat Gründe. So registrierte die Fachstelle Wolf am 24. Februar vergangenen Jahres einen toten Wolf auf der Autobahn 14, Höhe Redemitz bei Großweitzschen. Zudem wurden im Herbst zwei weitere verendete Wölfe bei Gertitzsch und Köttern gefunden. Insgesamt gab es nach Angaben der Fachbehörde im Jahr 2019 im Landkreis Mittelsachsen sechs Meldungen von gerissenen Nutztieren, die begutachtet wurden. In zwei Fällen konnte der Wolf mit hinreichender Sicherheit als Verursacher festgestellt werden.

Wie die Fachstelle weiter mitteilt, werden im Rahmen des Wolfsmonitorings alle erhobenen Daten einmal jährlich ausgewertet. Grundlage ist das sogenannte biologische Wolfsjahr (von der Geburt der Welpen bis zum Ende ihres ersten Lebensjahres). So spricht die Statistik für 2017/2018 von 19 Rudeln und 6 Paaren. In 19 Rudeln wurden Geburten nachgewiesen, insgesamt wurden 68 Welpen bestätigt.

Im Zeitraum 2018/2019 wurden 22 Rudel, 4 Paare und ein Einzeltier erfasst. In 21 Rudeln wurde Nachwuchs nachgewiesen, insgesamt wurden 85 Welpen bestätigt. Hobbyzüchter Oliver Seidel ist unverständlich, weshalb der Wolf hier nicht bejagt wird. "Wieso maßen wir uns an, so viele Raubtiere zuzulassen?" Schäferei sei eine uralte Kultur. Nur seien die kleinen Betriebe von der Politik offenbar nicht gewollt. Indes kommt beim Thema Wolf etwas in Bewegung. So stimmte der Bundesrat einer neuen Regelung zu, dass Wölfe bei Angriffen auf Nutztiere künftig leichter abgeschossen werden können.


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2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 4
    0
    GrauerWolf
    23.02.2020

    Anmaßung
    Bei allem Verständnis für die Sorgen dieses Weidetierhalters, die Forderung eine Wildtierart für das Wohl der eigenen Tiere abzuschießen ist die eigentliche Anmaßung! Übrigens wenn die Schäferei eine uralte Kultur ist, wie alt ist das Wirken des Wolfes im ökologischen Kreislauf der Natur, ur- ur- ur- ur- ur- alt? Naturkundliche Bildung muss auch von einem Hobbyschäfer abverlangt werden und die Forderungen nach einer gewaltsamen Lösung, in diesem Fall mit dem Jagdgewehr die eigenen finanzielle Forderungen durchzusetzen, absolut bildungsfern, anmaßend und frech gegenüber dem Allgemeinwohl und dessen berechtigtem Interesse für eine intakte Natur.
    Nur Herdenschutz ist nach den anerkannten Regeln der Technik fachmännisch gut ausgeführt der wirksamer Schutz, um Weidetiere vor Übergriffen durch den Wolf zu schützen und eine der Grundvoraussetzungen für den legalen Abschuss eines Wolfes, denn die nun vom Bundesrat durchgewunkene Änderung des Bundesnaturschutzgesetzes dürfte, wie sie zu erkennen gab, tatsächlich in maßgeblichen Teilen EU-Recht widersprechen...
    Meint Ihr Grauer Wolf

  • 2
    1
    Tauchsieder
    23.02.2020

    Vielleicht sollte er sich ein anderes Hobby suchen. Bei etwa 15 Tieren ist es doch eher die Freud am Spaß.
    Ich persönlich stehe auf Elefanten. Ziel ist nicht umsetzbar, da dafür keine Fördermittel.