Wer war Thomas H.?

Während der CFC nach Verantwortlichen fürs Nazi-Gedenken im Stadion sucht, bereitet die Polizei den nächsten Einsatz vor. Der tote HooNaRa-Gründer war bis in Terrorkreise vernetzt.

Chemnitz.

Die Polizei ist in Bereitschaft. Den Hintergrund liefert jene Strafanzeige des Chemnitzer Fußballclubs, zu seinen Trauerbekundungen für einen rechtsextremen Fan am Samstag im Stadion genötigt worden zu sein. Beim CFC-Heimspiel hatte es ein anmoderiertes Gedenken für den in der Hooligan-Szene verwurzelten, in der Vorwoche einem Krebsleiden erlegenen Thomas H. gegeben, was für einen Eklat sorgte. Samt Trauerflor war auf der Anzeigetafel das Foto des 52-Jährigen gezeigt worden, der in den 90er-Jahren die gewaltbereite Fan-Gruppe HooNaRa (kurz für Hooligans, Nazis, Rassisten) gegründet hatte und bis 2007 mit einem von ihm gegründeten Security-Service im Stadion tätig gewesen war.

Der Verein hat angedeutet, vor dem Gedenken sei Druck ausgeübt worden. Von angedrohten massiven Ausschreitungen war die Rede. Daher hat die Chemnitzer Polizei auch die bevorstehende Beerdigung des Mannes im Blick, zu der Hooligans von außerhalb anreisen könnten. Immerhin hatte es auch in Cottbus von Fan-Seite Trauerbekundungen für Thomas H. gegeben. Im schweizerischen Zürich hielten Fans ebenfalls ein entsprechendes Banner hoch. Die unter Thomas H.s Patenschaft entstandenen rechten Chemnitzer Fangruppen "NS Boys" und "Kaotic" sollen im Sommer 2018 zur überregionalen Mobilisierung für die Ausschreitungen in Chemnitz beigetragen haben. Vor dieser Vernetzung der Hooligan-Szene hat Sachsens Verfassungsschutz jetzt erneut gewarnt. "Deshalb haben wir die Beisetzung im Blick", sagte Polizeisprecherin Jana Ulbricht der "Freien Presse". "Zwar ist noch nichts spruchreif, aber uns ist die Bedeutung des Mannes in der Szene klar und auch seine Reichweite", so die Polizeisprecherin.

Seine Bedeutung in der Szene beschrieb Thomas H. einst selbst. Unter dem geänderten Namen Thomas von Mühlstedt, für Eingeweihte aber erkennbar, gab er einem Fußball-Magazin ein Interview: "Wir sind Fußball-Leute, die in den 90ern Deutschland und Europa mal gezeigt haben, dass es Sachsen gibt." In Bussen seien Chemnitzer Hooligans zu jenen in der Szene etablierten Schlachten gefahren, die gemeinhin als dritte Halbzeit bezeichnet werden: verabredete Massenschlägereien. Aber eben außerhalb der Stadien, wie Thomas H. betonte. "Wo wir hingefahren sind, haben wir alle geschlagen. In den 90ern hatten wir pro Monat ein Ding." Auch zu seiner Funktion im Security-Bereich äußerte sich der Mann gegenüber dem Magazin "Rund": "Wenn wir nicht präsent wären, würden die Fans irgendwann sagen: 'Was willst du von mir, du Wichser.' Wenn der weiß, wer ich bin, wagt der das niemals. Die Leute müssen wissen: Der macht keinen Spaß. Der holt mich noch drei Wochen später ab, auch von Zuhause, auch vom Nachtschrank. Ich bin nicht irgendein Wichser, den man anlachen kann. Wir gehören zur Stadt. Wir gehören zum Verein."

Nach diesen Äußerungen, besonders nach dem öffentlichen Bekenntnis zur bereits mit Stadionverbot belegten Gruppe HooNaRa, gehörte Thomas H. kurz darauf nicht mehr zum Verein - zumindest nicht als Security-Dienst. Der CFC trennte sich wegen "vereinsschädigender Äußerungen", wie es offiziell hieß. "Die haben uns ja als rechte Organisation eingestuft, fast als Terrorgruppe", bekannte Thomas H. im Interview mit Blick auf eine Beobachtung durch den Verfassungsschutz.

Thomas H.s eigener Name tauchte später tatsächlich im Zusammenhang mit einer Terrorgruppe auf, konkret bei den Ermittlungen zum "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU). Seine Kontaktdaten fand man in Handyspeichern und Adressbüchern mehrerer NSU-Unterstützer. Beim Chemnitzer Thomas S., geständiger Sprengstoffbeschaffer des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, stand HooNaRa-Gründer Thomas H. im Adressbuch. Kein Wunder, S., der beim Abtauchen des NSU-Trios in Chemnitz der Dreh-und-Angel-Punkt im Helfernetz war, stammte schließlich selbst aus der rechtsextremen Hooligan-Szene.

Auch beim später als V-Mann des Bundesverfassungsschutzes enttarnten Ralf Marschner tauchte HooNaRa-Gründer Thomas H. im Handyspeicher auf. Der Zwickauer Szeneshop-Betreiber Marschner steht im Verdacht, Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos im Untergrund in von ihm betriebenen Firmen beschäftigt zu haben - Mundlos und Böhnhardt in genau jenem Abriss-Unternehmen "Bauservice Marschner", in dem er laut NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags auch viele HooNaRa-Mitglieder beschäftigt hatte.

Auf einer Platte seiner Rechtsrockband "Westsachsengesocks" hatte Ralf Marschner der HooNaRa-Gruppe textlich Reverenz erwiesen - und nicht nur er. Die Chemnitzer Rechtsrockband "Blitzkrieg" widmete HooNaRa ein ganzes Lied. Drei Personen aus dem "Blitzkrieg"-Umfeld wohnten in eben jenen Plattenbauten an der Friedrich-Viertel-Straße im Heckertgebiet, in denen einer von ihnen dem abgetauchten NSU-Trio den ersten Chemnitzer Unterschlupf gewährte. Die HooNaRa-Verbindungen des abgetauchten NSU-Trios seien von BKA-Ermittlern so gut wie nicht ausgeleuchtet worden, hatte Rechtsanwalt Carsten Ilius 2016 gegenüber "Freie Presse" kritisiert. Im NSU-Prozess vertrat Ilius die Frau des Dortmunder NSU-Mord-Opfers Mehmet Kubasik.

In den Akten eines anderen Totschlagsfalls tauchte HooNaRa-Gründer Thomas H. zeitweise selbst als Beschuldigter auf. Als im Oktober 1999 in Oberlungwitz zwei Punks von rechten Schlägern aus dem HooNaRa-Umfeld niedergeknüppelt wurden und der 17-jährige Patrick T. dabei starb, machte das andere, das überlebende Opfer bei späterer Gegenüberstellung Thomas H. zunächst als Tatbeteiligten aus. Laut Aussage der später für die Tat Verurteilten war er jedoch - wenngleich bei vorangegangen Schlägereien des Abends sehr wohl zugegen - bei dieser Attacke nicht dabei gewesen. Sowohl gegen Thomas H. als auch dessen Zwickauer Kameraden Ralf Marschner wurde wegen Strafvereitelung zunächst weiter ermittelt, denn im Todesfall Patrick T. hatten mehrere Beteiligte einander gegenseitig zu falschen Alibis verholfen.

Bewertung des Artikels: Ø 3.9 Sterne bei 10 Bewertungen
6Kommentare
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  • 7
    6
    ArndtBremen
    17.03.2019

    Ist Thomas H. ein Straftäter, ein Verbrecher im Sinne unserer Gesetze? Oder geilt man sich hier lediglich an moralischen Verfehlungen auf?

  • 22
    3
    saxon1965
    13.03.2019

    @ fschindl: Ich schrieb nicht davon, dass es nur in Chemnitz anscheinend Seilschaften gäbe.
    Das auch anderswo "Fans" große Probleme machen und damit ganze Vereine und die Mehrheit der übrigen Fans in Misskredit bringen, stimmt natürlich.
    Für mich gehören, bei allem Verständnis für Erzrivalitäten, traditionellen Fangesängen oder provokanten Choreografien, Dinge wie Gewalt, Rechts- oder Linksextremismus, Rassismus, Wandalismus und der Gleichen nicht zum Fußball. Ich schäme mich fremd und ärgere mich jedes Mal über entsprechende Geldstrafen, die dann der Verein zahlen muss, wenn zum Beispiel auch bei der SG Dynamo die Ultras Fußball mit Revolution verwechseln. Damit meine ich nicht Themen wie zum Beispiel die DFB-Politik-Machenschaften.
    Fußball ist Bestandteil unserer Gesellschaft und das deshalb die Grenzen mitunter verschwimmen können ist auch klar. Wichtig ist nur, dass man auch in Chemnitz konsequent erkennt, dass es rote Linien gibt, die im Sport nicht überschritten werden sollten. Auf beiden Seiten dieser Linien!

  • 29
    7
    fschindl
    13.03.2019

    @saxon1965 als wäre das nur in Chemnitz so...schau dir mal die Fanszene speziell der Ultras von anderen Clubs an.

    überhaupt ist diese ganze gespielte Fassungslosigkeit und wirres Rauskegeln von Personen und Sponsoren eine Farce schlechthin...und Chemnitz taumelt wiedermal ratlos und im vollstem Rampenlicht.

  • 28
    3
    saxon1965
    13.03.2019

    Danke für diesen aufklärenden Artikel.
    Es scheint in Chemnitz Seilschaften zu geben, die es möglich machten, dass an dieser Security-Firma kaum ein Weg vorbei ging. So wurde mir das jedenfalls aus dem Gaststättengewerbe so erzählt.

  • 33
    5
    DTRFC2005
    13.03.2019

    Es ist mir ebenfalls ein Rätsel, wie man sich hinstellen kann und als Ausrede, ausgeübten Druck angibt. Das nennt man allgemein eine Erpressung. Erpressbar ist aber nur, wer selbst Dreck am Stecken hat. Hier hilft nur, mal ganz gründlich mit dem Datenrechen durch zu gehen. Und das ohne irgendwelche Befindlichkeiten, Vereitelungen und ohne Ansehen der Person. Der Sumpf lässt sich sonst nicht trocken legen.

  • 37
    9
    SimpleMan
    13.03.2019

    Mit diesem Wissen, dass sehr wahrscheinlich auch die Verantwortlichen des CFC hatten, ist es unglaublich, dass diese "Ehrung" als verdienten Fan des CFC im Stadion stattgefunden hat. Man hat die Fans und Besucher des Fußballspiels, die T. Haller nicht kannten, als Kulisse für eine Trauerzeremonie der rechtsextremen Szene benutzt. Es ist mir nur sehr schwer vorstellbar, dass man das nur mit Naivität erklären kann. Es müssen mehr Personen beim CFC involviert gewesen sein, als die Personen, die bis jetzt zurückgetreten sind. Wobei Herr Kadner wohl mehr eine ausführende Person gewesen ist. Absolut unglaubwürdig ist, dass man rätselt, welche Fans an diesem unwürdigen Spektakel beteiligt waren. Die Gruppierungen sind bekannt.

    Mich persönlich interessiert auch sehr, wie es dazu kam, dass die Firma Haller Security bei dem Chemnitzer Stadtfest (2009) als Sicherheitsdienst tätig war?



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