Ex-VW-Sachsenchef: "Es ist Zeit aufzuwachen"

Frank Löschmann über Chancen und Herausforderungen für die Mobilität durch die Folgen der Coronakrise

Chemnitz.

Frank Löschmann, langjähriger VW-Manager, nutzte die monatelange Coronabedingte Aussperrung von Deutschland, um ein Buch zu schreiben. Im Gespräch mit Hubert Kemper hebt er die Chancen der Mobilitätswende für Sachsen hervor.

Freie Presse: Die Autoindustrie beklagt, beim Konjunkturpaket der Bundesregierung ausgeklammert worden zu sein. Teilen Sie die Kritik?

Frank Löschmann: Nein. Wer fehlende Kaufprämien kritisiert vergisst die erhebliche Förderung der Elektromobilität. Ich sehe darin eine sinnvolle Investition in die Zukunft, denn die liegt in einer umweltverträglichen Mobilität. Die können wir nicht mit dem Verbrennungsmotor erreichen, auch wenn der umweltfreundlich genannt wird.

Strom für das E-Auto aus der Braunkohle: Stimmt dann Ihr Plädoyer noch?

Selbstverständlich sollte der Strom möglichst aus regenerativer Energie hergestellt werden. In der Batterietechnik sehe ich noch viel Potenzial. So lässt sich die Feststoff-Batterie umweltfreundlicher als alle bisherigen Systeme herstellen.

Volkswagen setzt voll auf die Karte Batterie. Zu Recht?

Ja, der Kurs stimmt, ist aber zu einseitig ausgerichtet. Ich hätte mir gewünscht, dass VW die Brennstoffzelle stärker favorisiert. Doch auf dieses dritte System neben dem Verbrenner und dem Elektromotor zu setzen, wäre zu viel Herausforderung für das Unternehmen. Noch ist der Markt zu klein.

Andere Hersteller wie Toyota sind da mutiger.

Ja, die Japaner haben schon vor einigen Jahren ihre Patente für den Wasserstoffantrieb freigegeben. Und unsere Industrie hat die Kompetenz, um das vorhandene Know-how weiter zu entwickeln. Das Brennstoffzellen-System ist um die Hälfte leichter als Batterie-Antriebssysteme. Wasserstoff könnte regenerativ in sonnenreichen Regionen erzeugt und zukünftig mit gewöhnlichen Tanktransporten zum Beispiel aus Nordafrika befördert werden.

Wo liegt das größte Potenzial?

Eindeutig im Transporter- und Bussegment mit rund 500.000 Fahrzeugen im Jahr. Der Grund für den Vorrang von Transportern gegenüber Pkw ist das relativ hohe Gewicht und entsprechend lange Fahrstrecken. Sachsen könnte von der Entwicklung und Produktion samt Zulieferkette profitieren. Ich gehe von 20.000 Einheiten im Jahr aus. Die TU Chemnitz kann auf diesem Gebiet mit Professor Thomas von Unwerth viel Kompetenz einbringen.

Der VW-Einstieg in die E-Mobilität wirkt holprig. Ist der Vorsprung von Tesla uneinholbar?

Volkswagen ist ein komplexes Unternehmen, das nicht über Nacht umgesteuert werden kann. Tesla kennt Digitalisierung seit vielen Jahren und hat das Auto in die digitale Welt gedrückt. VW versucht nun die Digitalisierung in das Auto zu drücken. Das kann gelingen, weil das Unternehmen eine riesige Marktmacht hat.

Sie trainieren jetzt als Berater junge Unternehmen oder bringen diese ins Geschäft. Was ist Ihre Botschaft in der Nach-Coronazeit?

Ich war, weil Spanien von heute auf morgen seine Grenzen geschlossen hatte, nahezu drei Monate aus Deutschland ausgesperrt. Den Zeitgewinn habe ich genutzt, um das Manuskript für ein Buch zu schreiben, das sich vor allem an Entscheidungsträger in der Industrie wendet. Es soll den anspruchsvollen Titel "Weltklasse durch Ziele 2020 - 2030" tragen.

Als Reverenz an die Vergangenheit?

Nein, als Anspruch für die Zukunft. Noch nie war die Chance für überfällige Veränderungen so groß wie nach dieser Krise. Aber noch nie drängte die Zeit so sehr. Wenn wir jetzt nicht lieb gewordene Strukturen im Denken und Handeln aufbrechen, werden wir von der Zukunft überholt. Oder ersetzen Sie Zukunft durch China.

Verschlafen wir unsere Zukunft?

Ja, es ist Zeit aufzuwachen. Gerade die rasante Entwicklung in China ist mir durch meine berufliche Tätigkeit vertraut. Unser Wirtschaftssystem ist von der Nachkriegszeit geprägt, ebenso von einem starken Sicherheitsgefühl und die Gewohnheit traditioneller Erfolge.

Dann kritisieren Sie sicher auch die massiven Rettungspakete unserer Regierung?

In vielen Fällen wird leider nur Sterbehilfe geleistet. Statt schlingernde Konzerne in alten Industrien durchzupäppeln, wäre das Geld zukunftsträchtiger in neue Technologien und Start-Ups angelegt. So bleibt es, fürchte ich, bei der Gewohnheit, dass große Unternehmen lieber ein junges kaufen, bevor man es sich selbst entfalten lässt.

Fürchten Sie nicht als Oberlehrer abgestempelt zu werden?

Die Lage ist zu ernst, um den Kopf einzuziehen und alte Erfolge schön zu reden. Made in Germany war stets ein Synonym für Weltklasse. Das zu erhalten, lohnt ungeschminkte Anstöße zu geben.

Sie haben in der Corona-Zeit den Nutzen von Bildschirm-Konferenzen erfahren. Wird das die Zukunft sein?

Ich glaube, dass menschliche Begegnungen nicht durch Video-Schaltungen zu ersetzen sind. Warten wir ab: In zwei Jahren kommunizieren und konferieren wir wieder wie früher.

Frank Löschmann

Der 56-jährige Manager stand von 2005 bis 2010 an der Spitze von Volkswagen Sachsen. Anschließend verantwortete er das Konzerngeschäft in Indien. Seine Diplomarbeit schrieb er 1988 als Gast in Chemnitz über die vom damaligen VW-Chef Carl Hahn initiierte Verlagerung des Golf-4-Takt-Motors von Hannover nach Chemnitz. Mit seiner Firma Sisteam widmet sich der promovierte Ingenieur seit 2012 als Unternehmensentwickler und Coach. (hk)

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