Osterloh: "Die Politik hat keinen Masterplan zur Mobilität"

Betriebsratschefs von Volkswagen machen sich Sorgen um die Zukunft der Automobilindustrie in Deutschland

Zwickau.

Das Fahrzeugwerk von Volkswagen Sachsen wird zum europaweit größten Standort für den Bau von Elektroautos. Mit dem Chef des Volkswagen-Konzernbetriebsrates, Bernd Osterloh, und dem Vorsitzenden des Gesamtbetriebsrates von Volkswagen Sachsen, Jens Rothe, sprach Christoph Ulrich in einem Doppelinterview über die Herausforderungen der Autoindustrie. Aber auch die politische Stimmung in Sachsen war ein Thema.

In der Vergangenheit gab es bei Volkswagen schon mal Verzögerungen beim Produktionsstart eines Modells. Jetzt kommt mit dem ID.3 ja ein komplett neues Auto auf den Markt. Klappt der Zeitplan?

Bernd Osterloh: Nach dem, was ich aus dem Unternehmen höre, wird das neue Elektroauto wie angekündigt Mitte 2020 an die Kunden ausgeliefert. Daran gibt es bisher keinen Zweifel. Jens Rothe: Wir liegen in Zwickau voll im Zeitplan.

Wenn man Verantwortliche bei Volkswagen fragt, ob sie inzwischen die Softwareprobleme beim ID.3 im Griff haben, werden sie ganz schweigsam. Wie ist Ihre Sicht?

Osterloh: Bei einem Anlauf in der Automobilindustrie kommen viele neue Komponenten zusammen. Und die Software-Anteile wachsen enorm bei unseren neuen Modellen. Also ist es auch nicht verwunderlich, dass die Software neue Herausforderungen bei den Anläufen bringt. Aber auch solche Dinge werden Schritt für Schritt behoben, bis die Serienproduktion funktioniert.

Haben Sie eigentlich Zweifel, ob der Schwenk von Volkswagen in Richtung Elektromobilität richtig ist?

Osterloh: Grundsätzlich nicht. Der Klimawandel ist ein sehr ernst zu nehmendes Problem. Ich habe drei kleine Kinder, die sollen auch noch einen lebenswerten Planeten haben. Und gerade wir als Volumenhersteller müssen daher unseren CO-Abdruck spürbar senken, davon bin ich persönlich überzeugt. Aber man muss beim Schwenk zur E-Mobilität auch eines wissen: Die Politik lässt uns gar keine andere Wahl. Sie hat den durchschnittlichen Flottenverbrauch von 95 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer ab 2021 festgelegt. Zum Vergleich: Zuletzt lagen die CO-Emmissionen unserer konzernweiten Neuwagenflotte in Europa noch gut 20 Gramm vom Ziel entfernt. Zum 95-Gramm-Ziel kommt nach 2021 eine weitere Verschärfung von rund einem Drittel. Das ist nur mit Benzinern und Dieselfahrzeugen nicht zu schaffen - auch nicht mit gasbetriebenen, die wir weiter auf dem Schirm haben. Die Wasserstofftechnologie ist frühestens 2030 massentauglich. Also schafft man das Ziel nur mit Elektromobilität.

Voraussetzung für den Verkauf von Elektroautos ist ja eine ausreichende Ladeinfrastruktur. Reicht die aus?

Rothe: Man sieht ja, wie die Ladeinfrastruktur in unserer Region wächst, aber es geht nicht so schnell, wie wir uns das als Hersteller wünschen. Wir können nicht alles alleine stemmen. Der Konzern investiert schon jetzt 33 Milliarden Euro allein in die Elektromobilität. Osterloh: Ich verstehe, dass die Energiekonzerne erst schauen müssen, wie die Nachfrage nach Elektroautos läuft. Aber der Staat hat die 95 Gramm festgelegt, ohne an die Konsequenzen zu denken. Sind die richtigen Leitungen da? Wie funktioniert das in dichten Wohngebieten ohne eigene Parkplätze, Garagen und Carports? Wie speichere ich die notwendigen Strommengen? Wie wird der Strommix noch grüner?

Sie finden das Vorgehen also ziemlich chaotisch?

Osterloh: So richtig durchgeplant, wie ich das aus der Industrie kenne, ist das nicht. Die Politik hat keinen Masterplan zur Mobilität. Es wird viel gefordert, aber die Unterstützung fehlt. Und was mich echt sauer macht: Diese Erwartungshaltung an die Automobilindustrie formulieren Leute, die bequem in einem hippen Großstadtviertel sitzen und überall zu Fuß zum dicht getakteten ÖPNV kommen. Aber deren Wahrnehmung steht nun einmal nicht für Deutschland. Schauen Sie mal in den ländlichen Raum. Da fahren die Busse zweimal am Tag. Und die arbeitende Bevölkerung pendelt mit dem Diesel oder Benziner zur Arbeit. Volkswagen hat kein Tankstellennetz und jetzt werden wir gefragt, ob wir auch die Ladeinfrastruktur aufbauen.

Gefährdet das den Automobilstandort Deutschland?

Osterloh: Die Autoindustrie insgesamt ist gefährdet. Auch viele Zulieferer kämpfen mit den Strukturveränderungen. Ich befürchte, das wird viele Arbeitsplätze kosten. Rothe: Laut Berechnungen von IG Metall, Automobilindustrie und Fraunhofer-Fachleuten stehen hierzulande Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel. Diesen Negativtrend sehen praktisch alle Experten. Nur bei der Einschätzung, wie schnell es wie hart kommt, da gibt es noch unterschiedliche Meinungen.

Nach dem Dieselskandal war bei Volkswagen viel von Kulturwandel die Rede. Ist das überhaupt noch ein Thema in Wolfsburg?

Osterloh: Unsere Unternehmenskultur unter den Kolleginnen und Kollegen in der Produktion oder in den Büros war noch nie schlecht. Für unsere Führungskultur aber kann ich das so uneingeschränkt nicht sagen. Wissen Sie, in einem Konzern mit 660.000 Mitarbeitern ist Demokratie und den Mitarbeitern zuzuhören wichtig, aber letztendlich entscheiden Vorstand und Aufsichtsrat. Wichtig ist, dass die Zusammenarbeit über die Vorstandsbereiche verbessert wird. Das läuft immer noch nicht perfekt. Wir müssen aber unser Denken in Silos endlich beenden. Die Beschäftigten sind da oft schon weiter als manche Vorstände.

Machen Sie sich eigentlich mit Blick auf die Landtagswahl Sorgen? Schließlich ist Sachsen für Volkswagen ein wichtiger Standort?

Osterloh: Ich blicke ja nur von außen nach Sachsen. Aber die Umfragewerte erschrecken mich schon. Zustimmung für Politiker mit menschenverachtenden Positionen geht mir echt gegen den Strich. Wenn Sie mich fragen, warum das so ist - ich kann auch nicht in die Köpfe der Menschen reinschauen. Aber über die Auswirkungen mache ich mir ernsthaft Gedanken: Ich mache mir Sorgen, wie wir Deutschen künftig in der Welt gesehen werden. Wir wollen schließlich in großer Stückzahl ein völlig neues Auto aus Zwickau weltweit verkaufen. Da ist auch das Image der Region wichtig. Auch vom Golf aus Zwickau gingen schon drei Viertel in den Export. Aber es geht mir dabei nicht nur ums Wirtschaftliche. Die Atmosphäre hier in Sachsen wirkt arg angespannt, es gärt. Das ist alles andere als ein Vorteil für den Standort. Rothe: Auch ich mache mir echt Sorgen, wie die Stimmung um uns herum grummelt. Wir hätten für unseren Umbau zur Elektrofabrik eine Menge guter Fachkräfte aus dem Ausland gebrauchen können. Einige sind nicht gekommen, weil sie Angst davor hatten, dass ihre Familien hier nicht friedlich leben können. Wenn das Schule macht, kriegen wir einen Imageknick und nehmen uns selber aus dem Rennen.

Aber hat nicht der Dieselskandal das Image von Volkswagen viel stärker kaputt gemacht?

Osterloh: Ja, das haben wir auch schmerzhaft gemerkt. Darum arbeiten wir seit 2015 auch hart daran, das Vertrauen zurückzugewinnen. Dieselgate und die politische Situation in Sachsen lassen sich nur schwer vergleichen. Aber ich denke, politische Auseinandersetzungen mit zum Teil menschenverachtenden Äußerungen haben eine andere, nachhaltigere Wirkung. Im Ausland sprechen mich viele Leute auf die Vorgänge in Sachsen an. Ich weiß nicht, wie das auf Fuhrparkmanager wirkt, die heute über 40 bis 50 Prozent unseres Absatzes entscheiden. Wenn Menschen Angst haben, in eine Gegend zu kommen, die für VW längst Heimat ist, dann passt das einfach nicht zu den Werten unseres Unternehmens, die uns bisher so erfolgreich gemacht haben.

Jens Rothe 

Der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrates und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende wurde 1970 in Zittau (Ostsachsen) geboren. Im Mai 1990 begann er als Montagewerker am Standort Mosel. Seit 1996 ist das IG-Metall-Mitglied Vorsitzender des Betriebsrates. Rothe ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Bernd Osterloh 

Der 1956 in Braunschweig geborene Vorsitzendes des Konzernbetriebsrates ist auch Mitglied im Präsidium des Aufsichtsrates der Volkswagen AG. Er übernahm das Amt von Klaus Volkerts, der wegen eines Korruptionsskandals zurücktreten musste. Osterloh ist Mitglied in der IG Metall und in der SPD

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