Die Deutschlehrerin vom anderen Ende der Welt

In Chemnitz unterrichtet eine 31-Jährige, deren Heimat 12.000 Kilometer von Deutschland entfernt liegt. Sie könnte sich vorstellen, länger zu bleiben.

Grundschule Reichenhain, Deutschstunde in einer 3. Klasse. Das Thema: Geschichten spannend erzählen. "Was brauchen wir dazu?", will Lehrerin Valeria Soto von ihren Schützlingen wissen. Einen Beginn, der neugierig macht; abwechslungsreiche Satzanfänge, hier und da eine wörtliche Rede - die Arme der Kinder schnellen in die Höhe.

Man mag es kaum glauben, dass die junge Frau da vorn an der Tafel keine gewöhnliche Deutschlehrerin ist, sondern vom anderen Ende der Welt stammt. Die deutsche Sprache, so scheint es, beherrscht sie nahezu perfekt, gleichwohl es nicht ihre Muttersprache ist. Mustergültig die Schönschrift, mit der die 31-Jährige - gelocktes Haar, Jeans-Look, gewinnendes Lachen - wichtige Begriffe an die Tafel schreibt; kaum wahrnehmbar der sanfte Akzent in der eher leisen Stimme, mit der sie die Aufmerksamkeit der Schüler zusätzlich auf sich fokussiert.

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Valeria Soto ist eine von knapp 30 Lehrerinnen und Lehrern aus aller Welt, die derzeit in Deutschland zu Gast sind, um ein Jahr lang an einer hiesigen Schule zu unterrichten - fünf von ihnen allein in Sachsen. Vermittelt vom Pädagogischen Austauschdienst - einer gemeinsamen Einrichtung der für die Schulen zuständigen Ministerien der einzelnen Bundesländer - bilden sie sich auf diese Weise weiter. Die Integration in den ganz normalen Schulbetrieb ermöglicht es ihnen, sprachliche Fähigkeiten weiter auszubauen und das deutsche Schulsystem besser zu verstehen.

Meist handele es sich um Lehrer von Schulen, die im Ausland deutsche Abschlüsse vergeben, erläutert Heike Paul, Referentin beim Landesamt für Schule und Bildung in Chemnitz. Die meisten dieser Lehrkräfte seien sprachlich bereits auf einem sehr guten Niveau. "Wenn es gut läuft, ist ihre Tätigkeit ein Gewinn für beide Seiten", so Paul.

An der Schule in Reichenhain ist sogar von einem "echten Glücksfall" die Rede. Valeria Soto stammt aus Südamerika; aus der Gegend um Valparaíso, einer Hafenstadt in Chile mit ähnlich vielen Einwohnern wie Chemnitz und einem dicht besiedelten Umland. Sie und ihr Bruder besuchten dort die 1857 gegründete Deutsche Schule; eine von mehr als 20, die es in Chile gibt. "Unser Vater wollte das so, weil auch er schon an dieser Schule gelernt hat", erzählt die junge Frau. Später studierte sie an der Hauptstadt Santiago, bis sie vor acht Jahren als ausgebildete Grundschullehrerin an ihre frühere Schule zurückkehrte.

Als sie nun vor einigen Monaten für ein Jahr nach Sachsen kam, kannte sie bereits Dresden von früheren Besuchen in Deutschland. Chemnitz sei ihr zunächst kein Begriff gewesen, gibt Valeria Soto zu. Doch das änderte sich wenige Tage, bevor sie ihre Zusage erhielt - als der Name der Stadt plötzlich auch in Südamerika überall in den Nachrichten und Zeitungen auftauchte. "Ich hatte mich aber bereits übers Internet informiert und mitbekommen, dass hier nicht alle Leute so sind, wie berichtet wurde."

Tatsächlich sei sie bislang überall mit offenen Armen empfangen worden, so Valeria Soto. Kontakte zu Chemnitzern sind längst geknüpft - auch dank der Unterstützung von Kolleginnen wie Katrin Günther, ihrer Mentorin an der Schule, die in ihrer Freizeit hin und wieder etwas gemeinsam mit ihr unternehmen.

Nach Friedenstag, Hexenfeuer und einer Fotosafari im Stadtgebiet ging Valeria Soto kürzlich bei einem großen Zehn-Kilometer-Lauf in der Innenstadt an den Start. Ihre Begeisterung für Sport ließ sie zudem auf einen Kreis in Chemnitz lebender Chilenen stoßen - die Chefin des Fitnessstudios, in dem sie sich angemeldet hat, stammt ebenfalls von dort.

An der Grundschule in Reichenhain sind sie derweil des Lobes voll über ihre neue Kollegin, die in erster Linie Mathematik und Deutsch unterrichtet. Skepsis und Berührungsängste, soweit sie es überhaupt gab, seien schnell verflogen, bestätigt Schulleiterin Yvonne Neumann. Die Chemie stimme; sowohl Lehrer als auch Schüler und Eltern empfänden die Tätigkeit der Südamerikanerin rundum als Bereicherung. Ein eigens eingerichtetes Ganztagsangebot zu grundlegenden Vokabeln und Redewendungen im Spanischen sei schnell ausgebucht gewesen. Nun gibt es Wartelisten für ganze Klassenstufen - und zum Trost zu Beginn mancher Unterrichtsstunde eine kleine Spanisch-Lektion statt des üblichen gemeinsamen Singens.

"Die Schüler in Deutschland sind selbstständiger als bei uns", hat Valeria Soto beobachtet. "Sie wissen, was von ihnen erwartet wird." Zudem gebe es an den Schulen in Chile selbst innerhalb eines Jahrgangs Unterschiede bei den Regeln im Unterricht. Auch das sei in Deutschland wohl etwas anders. Darüber hinaus aber hielten sich die Unterschiede in Grenzen.

Heimweh hat die 31-Jährige nach eigenem Bekunden noch nicht verspürt. Dafür sei sie viel zu viel unterwegs - in der Stadt, aber auch bis nach Wien, Prag oder Krakau. Ob sie sich angesichts des chronischen Lehrermangels in Sachsen vorstellen könne, auch mehr als ein Jahr hier zu bleiben? "Wenn man mich möchte - warum nicht?", antwortet Valeria Soto. Zwölf Monate seien ihrer Ansicht nach ohnehin zu kurz, um Land und Leute wirklich kennenzulernen.

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