Die Vergewaltigungen, die es nie gab

Zwei Sexualverbrechen an einem Wochenende - das sorgte im Frühjahr für Aufsehen. Nun liegen die Ermittlungsergebnisse vor.

Der Aufschrei vor allem in den sozialen Netzwerken, aber auch unter einigen Politikern war immens: Zwei Vergewaltigungen innerhalb weniger Stunden sollten sich an einem Samstag Ende Mai im Stadtzentrum von Chemnitz ereignet haben. In dem einen Fall war nach ersten Erkenntnissen ein 46-Jähriger hinter dem Büro-Komplex an der Brückenstraße über eine 23-Jährige hergefallen, in dem anderen eine 15-Jährige von einem drei Jahre Älteren in einem Keller im Reitbahnviertel missbraucht worden. Da es sich bei ihm um einen jungen Syrer handelte, erfuhr der Vorfall besondere Beachtung - weit über Chemnitz hinaus.

Nun, gut fünf Monate später, steht fest: In beiden Fällen hat es keine Vergewaltigung gegeben. Die Vorwürfe sind in vollem Umfang fallen gelassen worden, das letzte Ermittlungsverfahren wurde Mitte dieses Monats eingestellt. Der junge Syrer hat laut einer Justizsprecherin nun sogar Anspruch auf Entschädigung, weil er mehrere Wochen in Untersuchungshaft saß, ohne dass er sich etwas hatte zuschulden kommen lassen.

Dem Mann war vorgeworfen worden, die 15-Jährige - eine flüchtige Bekannte - gegen deren Willen in ein Mehrfamilienhaus gezogen und dort in einem Keller gewaltsam zum Verkehr gezwungen zu haben. Dabei habe er sie unter anderem missbraucht, als sie wegen eines Sturzes auf den Hinterkopf vorübergehend bewusstlos gewesen sei, hieß es. Allerdings fanden Mediziner keinerlei Verletzungen am Kopf des Mädchens und auch keine Spuren, die darauf hindeuten, dass sie mit Gewalt zum Sex gezwungen wurde oder sich gewehrt habe. Während der junge Mann laut den Ermittlern die gegen ihn erhobenen Vorwürfe von Beginn an bestritten und betont hatte, der Sex sei einvernehmlich gewesen, soll auch die 15-Jährige später im Laufe mehrerer Befragungen immer weiter von ihrer ursprünglichen Darstellung abgerückt sein.

Noch klarer scheinen die Dinge beim Vorfall an der Brückenstraße zu liegen - soweit überhaupt von einem solchen die Rede sein kann. Unstrittig ist laut Staatsanwaltschaft, dass der Mann und die deutlich jüngere Frau sich an jenem Tag in einem Lokal näherkamen, Zärtlichkeiten austauschten und sich schließlich gegen 23 Uhr gemeinsam in Richtung Theaterplatz auf den Weg machten. An der Ecke Brückenstraße/Straße der Nationen soll die Frau dann weggegangen sein. Der 46-Jährige meinte, sie komme wieder, und wartete vor Ort. Doch statt der jungen Dame, die unter erheblichem Alkoholeinfluss gestanden haben soll, erschienen Polizeibeamte, die ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung konfrontierten. Der fußte auf ersten Angaben der Frau, die zur angeblichen Tat allerdings auch später keine detaillierten Angaben machen konnte. Dass sie in der Abwesenheit des Mannes von einem Dritten missbraucht worden sei, kommt aus Sicht der Staatsanwaltschaft nicht in Betracht. Weder gebe es entsprechende Spuren, noch Zeugenhinweise, heißt es.

In beiden Fällen ist nach Angaben der Polizei nicht ausgeschlossen, dass es neue Ermittlungen gibt. Diesmal wegen falscher Verdächtigung oder Vortäuschens einer Straftat.


Kommentar: Statistikund Realität

Die angeblichen Vergewaltigungen, sie zeigen einmal mehr: Zwischen dem ersten Tatvorwurf, so abstoßend er auch sein mag, und einem späteren Ermittlungsergebnis liegen oft nicht nur Monate, sondern mitunter Welten. Weniger weil eine "Kuscheljustiz" zu lasch mit Straftätern umgeht, wie es oft heißt. Sondern weil sich im Zuge der Untersuchungen schlicht herausstellt, dass am Ende alles ganz anders war, als es anfangs schien. Das Paradoxe ist nur: In die Kriminalstatistik für 2018 werden laut Polizei beide Delikte dennoch einfließen - als Sexualstraftaten; so, als hätten sie sich tatsächlich ereignet. Sie zählen als "Fall", weil die Polizei ermittelt und ihre Ergebnisse der Staatsanwaltschaft zur Entscheidung vorgelegt hat. Zu welchem Ergebnis die Untersuchungen gekommen sind, ist dabei zweitrangig.

Auch diese Eigenart der Polizeistatistik sollte man im Hinterkopf behalten, wenn die Sicherheitslage in der Stadt mal wieder Thema ist.

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 10 Bewertungen
8Kommentare
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  • 7
    2
    cn3boj00
    31.10.2018

    Wie man sieht sind Statistiken leicht zu manipulieren. Je nachdem, welche Sachverhalte man in einer Statistik erfasst sagt sie irgendwas aus. Die Polizeistatistik ist also gar keine Statistik, welche die Zahl der Verbrechen angibt, sondern nur die Zahl der Ermittlungen. Aber man kann mit dieser Statistik natürlich hervorragend beweisen, was auch immer man will. Und selbst wenn die (Lügen)Presse ganz vorsichtig formuliert: in Fakebook & Co finden diese Vorfälle ganz schnell Verbreitung und verselbständigen sich als die alleinige Wahrheit. Und als solche bleiben sie in den Sphären des www in alle Ewigkeit erhalten.
    Und die einen müssen deshalb freitags auf die Straße, um es den Nichtwahrhabenwollern zu zeigen, und die anderen widmen sich wichtigeren Dingen.

  • 14
    3
    Blackadder
    31.10.2018

    @Lesemuffel: Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Polizei in beiden Fällen mit gleicher Intensität ermittelt. Wieso zweifeln Sie daran?

  • 6
    10
    Lesemuffel
    31.10.2018

    Gute Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft. Nun kann mit gleicher Intensität an die Aufklärung des Tötungsverbrechens von Ende August während des Stadtfest es herangegangen werden.

  • 1
    15
    CPärchen
    30.10.2018

    Hmmm... interessant finde ich, dass es bis jetzt die einzigen Vergewaltigungen waren, an die ich mich erinnern kann. Alle anderen Vorfälle waren "lediglich" Belästigungen. Beruhigt mich echt sehr, dass das falsche Anschuldigungen waren, vor allem weil ich in der Karl-Immermann-Straße wohnte

  • 22
    7
    Hankman
    30.10.2018

    @HHCL: Soweit ich aus Ihrem Kommentar Kritik an den Medien herauslese, muss ich widersprechen. Ich glaube, jenen Medien, die sachlich und mit der gebotenen Zurückhaltung über die beiden Fälle berichtet haben, kann man keinen Vorwurf machen. Die Polizei hat ja in beiden Fällen ernsthaft ermittelt und darüber auch informiert. Wenn eine Zeitung, ein Radio- oder TV-Sender über solch einen Fall nicht berichtet, sondern erst mal das Ermittlungsergebnis abwartet, wird ja sofort der Vorwurf des Verschweigens und Vertuschens laut.

    Auch die Polizei will sich diesem Vorwurf nicht mehr aussetzen. Dass sie heute viel mehr und viel früher über Kriminalfälle berichtet, ist eine Konsequenz der Kölner Silvesternacht 2015/16. Damals war nicht nur der Polizeieinsatz, sondern auch die Öffentlichkeitsarbeit dazu eine Katastrophe. Das soll sich nicht wiederholen, und das ist gut so.

    Sachlichkeit und Zurückhaltung sollten bei Berichten über Kriminalität oberstes Gebot sein. Das ist aber schwierig, wenn Teile des Publikums von einer Pogromstimmung in die nächste torkeln. Wenn eine Zeitung sachlich richtig schreibt "mutmaßlicher Vergewaltiger", "soll ...vergewaltigt haben", wird dies von einem sehr lauten Teil der Leserkommentatoren gleich als Verharmlosung und Bagatellisierung gegeißelt. Diese Leute fragen nicht nach Fakten, sondern rufen sofort "abschieben!" (Was ja immer passt, denn zu gleichartigen Straftaten von Deutschen äußern sie sich gewöhnlich nicht.) Die Kritik sollte also die richtigen treffen. Medienschelte ist mir zu billig.

  • 13
    8
    DTRFC2005
    30.10.2018

    @Hankman: Ich fürchte das wird nicht passieren. Eher wird es Kommentare bzw. Hinweise hageln, auf z.B Köln, Freiburg o.a.

  • 38
    9
    Hankman
    30.10.2018

    Ich erinnere mich gut an die vernichtenden Kommentare hier und bei Facebook, die beide Fälle nach ihrem Bekanntwerden ausgelöst haben. Und wer zur Besonnenheit mahnte, wurde gern mal als Relativierer und "Teddywerfer" beschimpft. Fälle wie diese zeigen, wie wichtig es ist, besonnen zu bleiben und sich bei der Bewertung nicht von Emotionen mitreißen zu lassen. Denn manchmal stellen sich die Fakten später anders dar, wenn man abwartet, bis die Polizei ihre Arbeit gemacht hat. Es gibt natürlich auch andere Fälle. Aber zu einem objektiven Gesamtbild gehören eben auch die, in denen sich ein anfänglicher dringender Verdacht nicht bestätigt.

    Ich würde mir jetzt wünschen, dass alle, die beim Bekanntwerden der Fälle wütende Kommentare gepostet und Merkel mal wieder für alles verantwortlich gemacht haben, jetzt hier posten: Mea culpa, in diesem Fall habe ich mich geirrt. Die beiden angeblichen Opfer sollten dafür bestraft werden, dass sie falsche Beschuldigungen erhoben haben. Viel wird ihnen nicht passieren, trotzdem wäre das Signal wichtig. Über den eigentlichen "Fall" hinaus haben sie viel dazu beigetragen, das Klima in der Stadt weiter zu vergiften. Für die beiden zu Unrecht beschuldigten Männer muss das im Übrigen ein ziemlicher Albtraum gewesen sein ...

  • 23
    8
    HHCL
    30.10.2018

    So ist das eben in einer Gesellschaft, in der es ausschließlich um die mediale Deutungshoheit geht. Hauptsache man hat die meisten Klicks und die meisten Follower, bzw. man löst, wie in diesem Fall, einen medialen Aufschrei aus.

    Verbrechen und Probleme werden nur noch zur eigenen Präsentation und Mobilmachung missbraucht, die Folgen für das Zusammenleben sind egal.



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