Warum in Chemnitz nachts nur schwer ein Taxi zu bekommen ist

Fahrgäste, Gastronomen und Politiker fordern mehr verfügbare Autos. Laut Taxigewerbe und Rathaus fehlt es an etwas anderem.

Bis dahin war es eine ausgelassene Jugendweihefeier. Doch als die Festgesellschaft an dem frühen Sonntagmorgen gegen 1 Uhr zum Taxistand neben der Zentralhaltestelle kam, änderte sich die Stimmung: Kein Taxi wartete auf Fahrgäste. "Und telefonisch gab es bei der Taxigenossenschaft eher unfreundlich die Auskunft: ,Keine Chance, kein Auto frei in nächster Zeit'", erzählt René König noch Tage später verärgert.

Notgedrungen hätten sich Familie und Gäste zu Fuß auf den etwa vier Kilometer langen Weg nach Siegmar gemacht, darunter ein sechsjähriges Kind, das König fast die gesamte Strecke habe tragen müssen. "Das ist für mich kein Service", sagt der Unternehmer. Ein Taxi mehrere Stunden im Voraus zu bestellen, sei schwierig, findet er: "Ich weiß doch um 20 Uhr noch nicht, ob ich wirklich 23 Uhr nach Hause will." Leidtragende seien nicht nur Familien, sondern auch Unternehmer, die beispielsweise Geschäftspartner einladen wollen.


Kritisiert wird der zeitweise Mangel an Taxis auch von Gastronomen: "Ich kann doch meinen Laden auch nicht nur noch zu wirtschaftlich attraktiven Zeiten öffnen", sagt Eiscafé-Betreiber und CDU-Stadtrat Andreas Marschner. Und Gastronom André Gruhle erklärt: "Gastronomen und Taxigewerbe wären gut beraten, eine einvernehmliche Lösung zu finden." Denn Konkurrenz in Form des US-amerikanischen Fahrdienstes Uber stehe schon in den Startlöchern, warnt Gruhle. Die CDU-Stadtratsfraktion sieht vor allem die Taxigenossenschaft als größten Anbieter in der Pflicht. Die Aufgaben der Unternehmen der Branche seien in der städtischen Taxiordnung eindeutig geregelt, erinnert Stadtrat Tino Fritzsche.

Klagen über nicht schnell genug verfügbare Fahrzeuge erreichen auch die Taxigenossenschaft, deren Mitgliedern etwa 160 der insgesamt mehr als 200 zugelassenen Taxis in Chemnitz gehören. "Es wird immer schlimmer", bestätigt Vorstandsmitglied Ulrich Raabe. Das Problem habe sich vor allem in den vergangenen zwei Jahren schrittweise aufgebaut. Ursache seien nicht zu wenig Autos, sondern fehlende Fahrer. Die familienunfreundlichen Arbeitszeiten mit Nacht- und Wochenenddiensten schreckten viele ab. "Den Job möchte keiner mehr machen", so das Vorstandsmitglied. Habe die Genossenschaft bis 2016 noch vier bis sechs angehende Taxifahrer pro Monat geschult, so seien es 2019 erst zwei im gesamten bisherigen Jahr gewesen, berichtet Raabe. Um ein Taxi auszulasten, seien zwei Fahrer erforderlich. Weil das nicht mehr zu gewährleisten sei, hätten einige Taxiunternehmer schon Konzessionen an die Stadt zurückgegeben.

Seit Einführung des gesetzlichen Mindestlohnes müsse zudem strenger auf die Einhaltung der Arbeitszeiten der Taxifahrer geachtet werden. "Deswegen ist für viele samstags und sonntags 2 Uhr Schluss", erklärt Raabe. Und noch ein Umstand erschwere das Geschäft in Chemnitz: Während in Dresden und Leipzig gern Studenten auf 450-Euro-Basis Taxis fahren würden, sei die Resonanz auf entsprechende Aufrufe im Internet und Aushänge an der Universität in Chemnitz gleich null gewesen, so Raabe.

Laut Stadtverwaltung nimmt die Anzahl der zurückgegebenen Taxi-Konzessionen seit etwa zwei Jahren deutlich zu. Während von 2011 bis 2016 von bis dahin rund 200 solchen Genehmigungen insgesamt fünf zurückgegeben worden seien, habe die zuständige Behörde allein 2017 zehn Konzessionen zurückerhalten. Begründet worden sei das mit der wirtschaftlichen Situation und akutem Personalmangel, zum Teil auch mit Gesundheitsproblemen oder dem Eintritt in den Ruhestand. Die Vergabe zusätzlicher Konzessionen ist aus Rathaus-Sicht keine Lösung. Denn diese könnten das gesamte Taxigewerbe gefährden.

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 11
    1
    MuellerF
    14.06.2019

    @Haecker: ich gebe Taxifahrern grundsätzlich Trinkgeld, selten unter 5 Euro bei einem reinen Fahrpreis von ca. 20 Euro (längere Strecken fahre ich eigtl. nie per Taxi). Das Trinkgeld sollte aber nicht voraus gesetzt werden, damit die Fahrer genug verdienen. Die Kalkulation der Preise im Taxigewerbe ist nicht "auf Kante genäht", der Boom von "Uber" beweist das! (Wobei deren Fahrer noch schlechter bezahlt werden.) Zum Chemnitzer ÖPNV: ja, er ist isgesamt besser geworden & wird wohl auch zukünftig noch besser werden. Chemnitzer Modell & Ausbau des Tramnetzes begrüße ich ausdrücklich. Aber es gibt im Tag- & Nachtnetz auch Gegenden, die (fast) komplett abgehängt sind, und solche, auf denen die Versorgung sogar schon mal besser war als jetzt.

  • 13
    1
    Haecker
    14.06.2019

    Die Probleme des Taxi-Gewerbes sind die eine Sache. Wer allerdings meint, es müsste einfach besser bezahlt werden, sollte sich mal überlegen: wovon? Das geht hier ja wohl nur über die Fahrpreise. Sind Sie, @MuellerF, bereit, deutlich mehr für eine Taxifahrt zu bezahlen? Sie können ja schließlich dem Fahrer auch etwas Trinkgeld geben.
    Für Herrn König hält sich mein Bedauern aber sehr in Grenzen: Ich habe viel am ÖPNV in Chemnitz zu kritisieren. Aber immerhin, es gibt ein Nachtliniennetz. Ab Zentralhaltestelle von 23.45 Uhr bis 3.45 Uhr stündlich, auch entlang der Zwickauer Straße bis Kirche Reichenbrand und dann zum Rabenstein-Center. Gewiss fährt der Bus nicht bis zur Haustür von Herrn König, aber immer noch besser, als vom Stadtzentrum aus zu laufen. Natürlich, man muss sich vorher informieren und pünktlich an der Haltestelle sein.

  • 16
    3
    MuellerF
    14.06.2019

    Auf das Naheliegendste, nämlich dass der Mangel an Fahrer_innen hauptsächlich an der spärlichen Entlohnung liegt, die Nachteile wie Nacht- & Wochenenddienste natürlich nicht aufwiegen kann, kommt scheinbar keiner. In Leipzig & Dresden haben viele Studierende gar keine andere Wahl, als solche unterbezahlten Jobs zu machen, damit sie sich ihre Wuchermieten leisten können. Wobei man dort eigentlich kaum Taxis bräuchte, da deren ÖPNV vergleichsweise komfortabel & rund um die Uhr läuft.



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