Debatte um Konzert am Kopp: Ist diese Band zu provokant?

Das Duo SXTN spielt in der Veranstaltungsreihe am Marx-Kopf kostenlos in der Innenstadt. Kritiker fürchten um den Jugendschutz. Ihnen sind die Texte zu krass.

Ihre Konzerte sind meistens ausverkauft, manche darf aber nur besuchen, wer volljährig ist. Das Duo SXTN hat 275.000 Abonnenten auf Instagram, seinen Youtube-Kanal haben fast 370.000 Menschen abonniert. Die zwei jungen Frauen aus Berlin setzen auf Provokation. Sie bezeichnen sich selbst als "Fotzen", rappen Zeilen wie "Ich ficke deine Mutter ohne Schwanz" und "Du hältst mir die Haare, ich rieche meine eigene Fahne". Der Berliner Tagesspiegel nennt das "menschenverachtende Provokation", ein Kritiker von rap.de lobt es als "authentisches Bekenntnis zum Exzess, zur Eskalation, zur Grenzüberschreitung".

Am 4. August ist SXTN ab 15 Uhr bei der Reihe "Am Kopp" am Marx-Kopf zu erleben. Davon wenig begeistert ist Maik Müller. Der Sozialpädagoge einer Chemnitzer Schule hat einen Brief an das Bürgerbüro der Stadt und an die "Freie Presse" geschickt. Er bezweifelt, dass sich die Verantwortlichen, die die Band gebucht haben, mit deren Texten auseinandersetzten. Er komme täglich mit Jugendlichen in Kontakt, die die SXTN-Musik hören. Sie würden sich damit identifizieren, was man an ihren Zielen und Einstellungen spüre. Dass die Texte vielleicht ironisch gemeint sind, das verstünden die Jugendlichen nicht. Bei ihnen kämen nur die Schimpfworte und Obszönitäten an. Er könne nicht verstehen, dass die Band auch für Kinder zugänglich an einem Samstagnachmittag in der Innenstadt spielt. Das Konzert müsste in einem abgeschlossenen Raum stattfinden, wo am Eingang der Ausweis kontrolliert wird, meint Müller, denn selbst bei Youtube gebe es eine Altersbegrenzung für einige Lieder. "Auch eine Stadt Chemnitz hat Erziehungsverantwortung und Verantwortung gegenüber dem, was unsere personelle Zukunft konsumiert und vor die Ohren und Augen gesetzt bekommt", so der 37-Jährige.

"Die Texte sind nicht ohne", sagt auch Robert Schuster, der als DJ Shusta seit rund 20 Jahren Hip-Hop auflegt. Allerdings, so Schuster, sei Hip-Hop immer provokant, das gehöre nun einmal dazu. Die Reihe "Am Kopp" sei gut für die Stadt. Aber in Bezug auf das Konzert von SXTN könne er die Bedenken verstehen, da der Zugang nicht reglementiert ist. Schließlich könnten auch kleine Kinder vorbeikommen.

Absolut überrascht von der Kritik zeigt sich Jan Kummer. Er und das Team vom Klub Atomino sind für den musikalischen Teil der "Am Kopp"-Reihe zuständig. Die Kritik lasse ihn an die 1950er-Jahre denken. Er habe bisher bei SXTN nichts entdeckt, was ihn stören würde. Kein Lied des Duos sei verboten, die zwei Frauen würden über ihre Welt und ihre Beziehung dazu rappen. Auf Facebook haben über 1200 Nutzer angezeigt, dass sie zum Konzert kommen wollen, fast 6000 interessieren sich dafür. Für diese Menschen sei das Konzert gedacht, nicht für die Besorgten, die für andere Leute mitdenken, so Kummer.

Eine Anfrage an Sören Uhle, Leiter der Chemnitzer Wirtschaftsförderungsgesellschaft CWE, die Veranstalter der Reihe "Am Kopp" ist, blieb bis gestern unbeantwortet.


Pro und Kontra

Der Auftritt von SXTN wird kein familienfreundliches Konzert für Jung und Alt. Trotzdem findet Redakteur Benjamin Schaller, dass die Gruppe "Am Kopp" gut aufgehoben ist.

Die Texte der Gruppe SXTN sind streitbar und provokant. Was sie aber nicht sind: verboten. Keines ihrer Lieder steht auf dem Index. Die beiden Rapperinnen persiflieren Rassismus, Homophobie und Frauenfeindlichkeit und entziehen solchen Gesinnungen damit den Nährboden. Dabei bedienen sie sich einer genre- typisch dreckigen Sprache und des Hangs zur Übertreibung. Sie beschreiben den Exzess und präsentieren sich als selbstbewusste Frauen, die sich nicht den Mund verbieten lassen. Nicht jeder kann damit etwas anfangen, und im Radio würden sie ohnehin nicht laufen. Aber gerade das macht "Am Kopp" doch aus: Dass auch Gruppen auftreten, die fernab des Radio-Einheitsbreis, der keinem wehtun will, stattfinden.

Schonungslos Explizites über Drogen, Sex und Alkohol auf einem Konzert, das Werbung fürChemnitz machen will? Dafür gibt es andere Bühnen, meint Redakteur Michael Müller.

Kunst darf hierzulande (fast) alles, und das ist gut und richtig so. Doch ist jedeBühne zu jeder Uhrzeit auch fürjede Art von Kunst geeignet? Wohl kaum. Und im Falle von SXTN darf man sich schon fragen, ob sich alle an der Organisation der Reihe "Am Kopp" Beteiligten im Klaren darüber waren, wen sie sich hier eingeladen haben. Ein Duo mit dem offensichtlichen Anspruch, so krass wie die Krassesten zu sein, mit Texten nahezu durchweg aus der Abteilung P 18. Das alles mag sauguter Hip-Hop sein und eine große Party in Klubs, Konzerthallen und auf Festivals. Nur für ein für jedermann und jedes Kind offenes Konzert am Samstagnachmittag im Herzen der Stadt scheint mir dies dann doch eine Note zu speziell.Da passt der Inhalt nicht zur Form.

 

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 8 Bewertungen
1Kommentare
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  • 4
    11
    Hinterfragt
    27.07.2018

    Gleiches Recht für alle!
    Eine "linksra... Truppe" darf ja auch ihre Mitteilungen in die Masse schmettern ...



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