Kulturhauptstadt: Kreative fühlen sich beiseite geschoben

Seitdem klar ist, dass sich Chemnitz um den EU- Titel bewirbt, ist Bürgerbeteiligung gefragt. Doch Unterstützer des Projekts sind unzufrieden damit.

Von der Idee, dass Chemnitz Kulturhauptstadt werden soll, ist Nino Micklich von Anfang an begeistert. Darum war er auch stellvertretender Vorsitzender des Vereins Freundeskreis Chemnitz 2025. Dochüber den Bewerbungsprozess, wie er bisher läuft, ist Micklich unzufrieden. Seit über einem Jahr werde Bürgerbeteiligung eingefordert. Aber das Gefühl, dass die Chemnitzer tatsächlich mitgestalten können, habe er nicht. Wer Ideen beim Kulturhauptstadtbüro einreichte, hätte nie eine Rückmeldung erhalten. "Das hat viele verprellt, auch mich", sagt er. Den stellvertretenden Vorsitz hat er deshalb abgegeben. "Ich engagiere mich weiter, aber außerhalb der offiziellen Strukturen", sagt Micklich.

Auch unter den Mitgliedern des Programmrats, der 24 Sitze hat, macht sich Unzufriedenheit breit. Künstlerin und Designerin Mandy Knospe sagt, in der Beschreibung stehe, der Rat leiste die kreative Arbeit für die Bewerbung. "Das wird noch nicht genug umgesetzt", sagt sie. Sie wolle aktiv mitarbeiten, wisse aber nicht, ob das überhaupt gewünscht ist. Es müsse auch noch geklärt werden, was unter Bürgerbeteiligung zu verstehen ist. "Ist das nur Information, oder sollen die Leute mit einbezogen werden?" Bei den inhaltlichen Diskussionen vermisst Knospe Tiefe. Zum Beispiel sei die Debatte über einen Leitspruch sehr kurz ausgefallen. "Ich hatte den Eindruck, andere Ideen sollten gar nicht diskutiert werden, denn der Slogan stand schon fest." Allerdings glaube sie, dass Probleme ganz normal sind, "die bringen die Stadt voran".

Ebenfalls Kritik äußert Holm Krieger, der als Vertreter der Freien Kulturszene im Programmrat sitzt. Er glaube, das Gremium sei zu sehr auf die Mitglieder fokussiert, die hauptberuflich mit der Bewerbung zu tun haben. An mehrtägigen Workshops, die vormittags stattfinden, könnten die Ehrenamtler nicht teilnehmen. Sie würden dann nur unzureichend informiert, was dort besprochen wurde. Die Frage, wie die Zusammenarbeit zwischen Verwaltung und Kulturakteuren organisiert werden soll, sei nicht geklärt. "Aber sie wird entscheidend sein", sagt Krieger. Im Beirat werde zu viel Wert auf Struktur und zu wenig auf Inhalt gelegt. "Ich möchte aber den Titel nicht mit Struktur gewinnen, sondern ich will, dass Chemnitz wirklich eine Kulturhauptstadt wird", so Krieger. Bei all den Debatten über Strukturen und Zahlen sterbe die Inspiration. So sei das auch beim Slogan "Aufbrüche", den er zu erwartbar findet. "Ich kenne niemanden, den das begeistert", sagt er. Außerdem werde der Diskurs zu sehr von Personen bestimmt, die erst seit Kurzem in der Stadt sind. "Da wird am Chemnitzer Eigenverständnis vorbeigeredet."

Ebenfalls Mitglied im Programmrat ist Hanka Kliese, SPD-Landtagsabgeordnete. Chemnitz erfahre hohe Anerkennung für die Effektivität und Professionalität des bisherigen Bewerbungsprozesses. "Die Kollegen in Dresden staunen immer, wie weit wir schon sind", sagt sie. Aber Professionalität dürfe nicht zu Lasten der Ehrenamtler gehen, denn von ihnen lebe die Bewerbung. "Es müssen sich alle mitgenommen fühlen", sagt die Kulturpolitikerin. Aus der Freien Szene werde ihr zugetragen, dass das nicht der Fall ist.

Auf Nachfrage von "Freie Presse" an die Stadtverwaltung antwortet Sprecher Robert Gruner, die Probleme müssten im Programmrat diskutiert werden. "Dort darf, soll und muss gestritten werden", so Gruner. Die Bewerbung sei ein Prozess, bei dem sich ein Gremium wie der Programmrat erst finden müsse. Bezüglich des Slogans "Aufbrüche: Opening Minds. Creating Spaces" antwortete Gruner, er sei ein Ergebnis des bisherigen Prozesses, das durch die Ideen und Vorschläge des Programmrates und der Chemnitzer entstanden ist. Die Ideen, die Bürger an das Kulturhauptstadtbüro schicken, würden nach bewerbungsrelevanten Themen geordnet. Die Kritik, dass Einsender keine Rückmeldung erhalten, "ist berechtigt", so Gruner. "Zukünftig erhalten alle Einsender auch eine Rückmeldung", verspricht er.


Kommentar: Engagement zulassen!

Chemnitz hat mit Ferenc Csák als Leiter des Projekts Kulturhauptstadt 2025 und Christoph Thoma als selbstständigen Berater zwei Experten, die wissen, wie man gewinnt. Aber sie müssen sich an das halten, was sie selbst immer predigen: Den Titel Kulturhauptstadt bekommt nur derjenige Bewerber, bei dem die Ideen aus der Mitte der Stadt gewachsen sind. Natürlich kann man nicht jeden Bürger fragen. Aber wenn schon Bürgerbeteiligung eingefordert ist, dann müssen die, die sich engagieren, auch ernst genommen werden. Wenn das schon nicht in einem Gremium gelingt, das offiziell die kreative Arbeit macht, wie soll der Funke dann auf die Chemnitzer überspringen? Viele in der Stadt stehen hinter dem Projekt. Genau jetzt ist der Zeitpunkt, sie weiter zu motivieren, statt zu verprellen.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 4 Bewertungen
1Kommentare
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  • 0
    0
    bürgerenergie
    21.07.2018

    Dass an die Stadt gerichtete Anfragen von deren Pressestelle nicht beantwortet werden, das betrifft keinesfalls "nur" das Thema Kulturhauptstadt.
    Auch scheint das Wirken der Pressestelle - unter Leitung von Robert Gruner - selektiv. Wie ist es - nur als ein Beispiel - sonst zu erklären, dass zu solch wesentlichem Ereignis, wie der Einweihung des Rüdiger-Alberti-Parkes auf dem Sonnenberg die Presse offenbar nicht informiert und folglich fast durchweg abwesend war? Der Sonnenberg hätte mit seinen vielen Engagierten diese positive Aufmerksamkeit sehr wohl verdient!
    Aber wie gesagt, das ist nur ein einzelner Fall ... der sich mit anderen ergänzen ließe ...



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