Historiker: In Chemnitz brannte erste Synagoge

Neue Ausstellung zu den Novemberpogromen 1938 im Archäologiemuseum

Schon wieder eine Ausstellung über die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus? Ja! Das Staatliche Museum für Archäologie Smac stellt sich der Herausforderung, diesem Thema, das weithin ausgeleuchtet zu sein scheint, neue Facetten abzugewinnen. Noch bis Ende des Monats ist im Foyer des Hauses erstmals die Ausstellung "Bruchstücke" zu sehen. Sie zeichnet die Ereignisse der nationalsozialistischen Pogrome vom November 1938 auf dem Gebiet des heutigen Sachsen nach.

"Lokal und regional ist bereits sehr viel dazu geforscht worden", räumt der Dresdner Historiker Daniel Ristau ein. Mit der Ausstellung habe er versucht, diese Erkenntnisse zusammenzuführen. "Bislang sind für Sachsen etwa fünfzig kleinere und größere Orte dokumentiert, an denen es zu antijüdischen Kundgebungen, Verhaftungen, Wohnungs- und Geschäftszerstörungen, Gewalttaten, Zurschaustellungen von Juden sowie Zerstörungen von Synagogen und Gemeindeeinrichtungen kam", erläutert Ristau.

Eine Erkenntnis: Chemnitz war wohl die erste Stadt in Sachsen, in der es damals zu antisemitischen Ausschreitungen kam und in der die örtliche Synagoge in Flammen aufging. "In den meisten anderen Orten war dies erst in der Nacht zum 10.November der Fall", verdeutlicht Ristau. Das jüdische Gotteshaus am Stephanplatz sei aber wahrscheinlich bereits am Abend des 9. November in Brand gesteckt worden. Zuvor hatten auf der Großkampfbahn (dem heutigen Hauptstadion des Sportforums) Tausende NS-Anhänger an einer Feier zum 15.Jahrestag des gescheiterten Hitler-Putsches von 1923 teilgenommen.

Solche Feiern hatten damals in ganz Deutschland stattgefunden. Sie standen nicht zuletzt unter dem Eindruck des Attentats auf einen ranghohen Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Paris zwei Tage zuvor. Ein 17-jähriger polnischer Jude hatte dort mehrere Schüsse abgefeuert. Die nach dem Tod des Beamten ausgelösten Pogrome wurden in der gleichgeschalteten Presse zumeist als Ausruck "spontanen Volkszorns" und "Rächen der Bluttat von Paris" beschrieben. Einige der Verfolgten erlebten derlei bereits zum zweiten Mal, nachdem sie vor antijüdischen Verfolgungen aus Osteuropa oder zuletzt Österreich nach Deutschland geflohen waren. Auch dies ist ein bislang wenig beachteter Aspekt, den die Ausstellung im Smac thematisiert.

Die Ausstellung ist noch bis 30. Oktober zu sehen. Internet: www.smac.sachsen.de

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