Aufständische zwischen Laugengebäck und Buchhandlung

Auf dem Hauptbahnhof wurde in ungewöhnlicher Form an ein Ereignis erinnert, das vor 100 Jahren auch Chemnitz bewegte.

Zentrum.

Punkt 13 Uhr übertönt ein kurzes Schalmeiensignal die anderen Geräusche auf dem Hauptbahnhof. Es lenkt die Aufmerksamkeit der Passanten auf eine Gruppe von etwa 20 vorwiegend jungen Leuten, die sich in der Halle zwischen einem Laugengebäck-Stand und der Buchhandlung versammelt haben. Sie tragen rote Armbinden und zum Teil nostalgische Kleidung, einer hat eine historische Matrosenuniform an. Banner, auf denen "Freie Wahlen" und "Nieder mit dem Krieg" steht, werden hochgehalten, Reden verlesen und zum Abschluss nach etwa zehn Minuten laut "Die Internationale" gesungen.

Mit dieser Aktion, die im Internet als Flashmob unter dem Titel "Die Revolution rollt" angekündigt war, ist am Donnerstag auch in Chemnitz an die deutsche Novemberrevolution von 1918 erinnert worden. Initiator ist der Verein Weimarer Republik aus der Klassikerstadt in Thüringen. Seit 3. November touren Mitglieder, Schauspieler und Komparsen aus ganz Deutschland in mehreren Gruppen mit der Bahn durch die Bundesrepublik, um auf insgesamt 47 Bahnhöfen die Ereignisse vor 100 Jahren nachzustellen. So verliest Stephan Zänker, der Geschäftsführer des Vereins, in einer Uniform der Kaiserlichen Kriegsmarine die Rede eines revolutionären Matrosen an die Chemnitzer.

Unterstützt werden die Darsteller der Aufständischen auf dem Hauptbahnhof von Beteiligten am Chemnitzer Projekt "14-18 war was", das die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg mit Kunstaktionen wach- halten will. Sie haben Bariton Jörg Kersten vom Opernchor und den Aufruf des in der Nacht zum 9. November 1918 gegründeten Chemnitzer Arbeiter- und Soldatenrates mitgebracht. Darin gaben unter anderen der Kommunist Fritz Heckert und der Sozialdemokrat Max Müller die Übernahme der politischen Macht bekannt. Auch dieser Aufruf wird unter Beifallsbekundungen der Mitwirkenden in der Bahnhofshalle verlesen.

Doch die meisten Reisenden laufen anscheinend desinteressiert an der Darbietung vorbei. Nur wenige junge Leute bleiben stehen. "Wir haben von der Veranstaltung gehört und halten die Erinnerung an die Novemberrevolution für wichtig, mit der der Erste Weltkrieg und das Kaiserreich endeten und ein erster Schritt zur Demokratie gemacht wurde", sagt Politikstudent Lucas Heimbach. Ulrike Brummert, Kulturprofessorin an der TU Chemnitz und Initiatorin des Projektes "14-18 war was", zeigt sich mit der Resonanz zufrieden. Dagegen wünschte sich Stephan Zänker generell mehr Aufmerksamkeit für die Ereignisse vor 100 Jahren, gerade auch in Sachsen, das damals Freistaat wurde.

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