Gut aufgelegt!

Die Chemnitzerin Therese Morich zieht als Discjockey durch Europa. Nachts gibt es da eher wenig Schlaf. Trotzdem hat sie jetzt ihr Studium der Wirtschaftsmathematik zu Ende gebracht. Und ist putzmunter.

Sie lässt sich auf einen Stuhl fallen. Sie streckt die Beine aus. Sie pustet eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht. So also sieht die pure Entspannung aus. Therese Morich lacht. Schallend. "Hey, ich hatte nur ein paar Stunden Schlaf", sagt sie und reibt sich die Augen. Dunkle Ringe darunter? Fehlanzeige. Fahler Teint? Von wegen. Schlechte Laune? Ach, i wo!

Als sie sich auf den Stuhl fallen lässt, ist es gerade ein paar Stunden her, dass am Stausee im Chemnitzer Stadtteil Oberrabenstein Ruhe eingezogen ist. Beim Kosmonaut-Festival Ende Juni, organisiert vom städtischen Musikexportschlager Kraftklub, sind die Regler inzwischen runtergedreht. Vielleicht leiert einer der Bühnenarbeiter die letzten Schrauben aus der Bühnenkonstruktion. Vielleicht sammelt ein Räumtrupp verbliebene Getränkedosen auf. Tatsächlich sitzt Therese Morich auf ihrem Stuhl, beklagt zwar Müdigkeit, sieht dabei aber taufrisch aus. Und glücklich. "Ich habe bis morgens um drei Uhr aufgelegt. Es war supergut", sagt sie.

Therese Morich ist eine der erfolgreichsten Discjockeys Deutschlands. Wenn sie als "DJ Tereza" auf die Bühne springt, dann schauen sie mal 3000 Leute erwartungsvoll an, mal 150. Sie bringt Rhythmus auf riesige, sommerliche Festivals und in kleine, stickige Szeneklubs. Sie reist nach New York, auf die Insel Mallorca, nach Hamburg oder ins beschauliche Braunschweig. Und sie kommt aus Chemnitz. Sie könnte ihr keckes Näschen verwöhnt in den Himmel oder vor Kameras recken, mit Freundinnen Champagnerkorken knallen lassen, wahrscheinlich reihenweise reiche Schönlinge oder nicht so schöne Reiche aufreißen. Macht sie aber nicht. Therese Morich überlegt, ob sie gleich mal im Studentensekretariat der Chemnitzer Uni vorbeigeht. "Ich müsste mal mein Diplomzeugnis abholen", fällt ihr ein. "Das habe ich in den vergangenen Wochen nicht geschafft." Denn ständig hetzt sie von Berlin, ihrem Lebensmittelpunkt neben ihrer Heimatstadt Chemnitz, zu Auftritten, zu ihrer Familie, zu ihren Freunden. "Ich bin ständig unterwegs. Das ist anstrengend, aber auch schön", sagt sie.

Alles begann mit einem Kurs an der Musikschule im Chemnitzer Stadtteil Kaßberg. Dort gibt Discjockey Dirk Duske seit Jahren Unterricht. An die erste Begegnung mit seiner ehemaligen Schülerin erinnert sich der Musiker noch genau. "Sie hatte damals einen Bekannten, der aus der DJ-Szene kam. Sie wollte mehr über sein Handwerk wissen", sagt er. "Mich hatte Musik interessiert und ich wollte die Technik hinter dem Plattendrehen verstehen", sagt Therese Morich. Wie funktioniert ein Plattenspieler? Wie werden Songs miteinander verwoben, ineinander gemixt? Sie wollte alles wissen. "Den ganzen Urschleim", sagt Therese Morich und lässt wieder fröhlich die Haarsträhnen hüpfen. Dass da nicht nur ein blondes Mädchen mit Partyflausen im Kopf vor ihm steht, erkennt Dirk Duske damals gleich. "Ihr Potenzial offenbarte sich sofort", denkt er zurück. "Denn sie zeigte nicht nur ein wunderbares Gefühl für Rhythmik, ein feines Gespür für Technik. Sie erkannte schnell auch die Dramaturgie, die einem erfolgreichen Musikabend zugrunde liegt."

Vielleicht sei sie ein Nerd, überlegt Therese Morich. Es ist das moderne Wort für Freak, für Sonderling. Sie ist ein Technik- und Zahlenmensch. "Ich hatte in der Schule schon die Leistungskurse Mathe und Chemie", erzählt sie. Deshalb beginnt sie nach dem Abitur an der Chemnitzer Universität jenes Studium der Wirtschaftsmathematik, welches sie jetzt zu Ende gebracht hat. Wenn sie denn mal Zeit findet, das Abschlusszeugnis abzuholen, wird sie darauf wohl die Gesamtnote Eins oder Zwei sehen. "Ich habe ein ziemlich gutes Gefühl", sagt Therese Morich.

Klingt, als wäre das anspruchsvolle Studium ein Zuckerschlecken gewesen, als sei das Jonglieren mit Zahlen und Formeln so leicht wie ein Sommerabend bei sanfter Elektromusik. War aber hartes Brot. "Zugegeben, zwischendurch kam mir auch mal der Gedanke, das Studium aufzugeben", so die Chemnitzerin. "Aber dann hat mich immer wieder der Ehrgeiz gepackt." Und so kombiniert sie ihre DJ-Karriere und die Paukerei an der Chemnitzer Uni eben ganz entspannt. "Das ging in den letzten Semestern ganz gut, da ich da nicht so eine hohe Präsenz an der Uni zeigen musste, sondern viel selbstständig erarbeiten konnte. Nun bin ich richtig froh, den Abschluss in der Tasche zu haben." Bewerbungen an die Mathematik-Institute dieser Welt schickt sie vorerst jedoch nicht ab. "Vielleicht komme ich später auf die Zahlenkunde zurück. Wenn ich das Gefühl habe, intellektuell nicht mehr genug gefordert zu sein."

Die Musikkarriere ist jetzt wichtiger. Inzwischen stehen auch die Radiosender bei ihr Schlange. Der Westdeutsche Rundfunk beispielsweise strahlt einmal im Monat eine Musiksendung im Sonderprogramm "Cosmo" mit ihr aus. Ihre Show läuft seit Juni dieses Jahres. "Tereza ist eine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Musiklandschaft", loben die Radiomacher vom WDR. Sie habe Skills, also Kompetenzen, an den Plattenspielern. Sie wisse alles über Hip-Hop und die originalen Soulklassiker der Samplekultur. Ihre Live-Clubreihe "Waters" wird in den Nachtläden Hamburgs, Stuttgarts, Kölns, Münchens und Berlins gehört. Zu den Gigs nimmt sie jedes Mal Nachwuchsdiscjockeys mit. Jetzt ist sie die Erfahrene, die junge Kollegen in die Szene bringt. Es sind vor allem Herren, die an den Platten drehen. Genaue Erhebungen über den Frauenanteil gibt es nicht, da die Discjockeys sich nicht verbandsmäßig organisieren. Dirk Duske, seit Jahrzehnten im Geschäft und Autor des mit weit mehr als 11.000 verkauften Exemplaren auflagenstärksten deutschen DJ-Fachbuchs "Gut aufgelegt", vermutet, dass die Frauenquote am Musikpult nur etwa 20 Prozent beträgt.

Eine Lady in der Männerdomäne - Therese Morich kennt das noch aus ihrer Studienzeit. In einem Interview mit Kommilitonen der Chemnitzer Universität wurde sie darauf schon angesprochen. Ihre Antwort: "Ich bin schon immer viel mit Männern befreundet gewesen, und auch bei dem Auflegen hab ich ja fast ausschließlich mit männlichen Kollegen zu tun. Das macht mir nichts aus." Sie glaubt, man muss einfach immer selbstbewusst auftreten. Nie Mäuschen sein. Nur so habe man als Mädchen auch die gleichen Chancen. Als DJane will sie deshalb gendermäßig korrekt aber nicht bezeichnet werden. "Ich kann mit dem Begriff nichts anfangen", winkt sie ab. "Da sehe ich vor meinem geistigen Auge nur halb nackte Girlies vor mir rumspringen."

Dieser Beitrag erschien in der Wochenend-Beilage der Freien Presse.

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