WG-Küche statt Hörsaal

Schon gehört?
Sie können sich Ihre Nachrichten jetzt auch vorlesen lassen. Klicken Sie dazu einfach auf das Play-Symbol in einem beliebigen Artikel oder fügen Sie den Beitrag über das Plus-Symbol Ihrer persönlichen Wiedergabeliste hinzu und hören Sie ihn später an.
Artikel anhören:

"Freie Presse" erzählt Geschichten von Menschen im Lockdown. Sophie Scheurer-Clark studiert an der Uni, aber hauptsächlich in ihrem Zimmer.

Seit Oktober vorigen Jahres studiert Sophie Scheurer-Clark an der Technischen Universität (TU) Chemnitz. Einen Hörsaal von innen gesehen hat sie seit Semesterbeginn genau ein Mal. In ihrer ersten Woche als Studentin fand eine Vorlesung vor Ort statt. Inmitten anderer Studierender, doch mit großem Abstand zueinander und Maske. Danach begannen die Corona-Fallzahlen wieder zu steigen. Vorlesungen, Seminare und Übungen finden seitdem nur digital statt.

Wegen der pandemiebedingten Einschränkungen in der Lehre wurde die Regelstudienzeit für alle sächsischen Studenten kürzlich verlängert. Die Uni-Neulinge befinden sich also gewissermaßen im nullten Semester. Insgesamt 2009 Studierende haben sich zum laufenden Wintersemester neu an der Chemnitzer TU eingeschrieben. Im Vorjahr waren es sieben Prozent mehr.

Noch ein Jahr zu warten, um dann vielleicht unter normalen Umständen studieren zu können, war für Sophie Scheurer-Clark aber keine Option. Die Uni ist für sie eigentlich nur der Plan B: Nach ihrem Abi 2019 und einem Freiwilligen Sozialen Jahr wollte sie Polizistin werden. Wegen gesundheitlicher Beschwerden verpasste sie einen nötigen Sporttest, wodurch ihr dieser Weg kurzfristig versperrt wurde. Dennoch sah sie die Zeit gekommen, zuhause auszuziehen. Der Münchner Vorort, in dem sie aufwuchs, habe sich wie "eine Mischung aus Großstadt und ultrareligiösem Kaff" angefühlt. Sie entfloh diesen aufeinanderprallenden Extremen und fand für sich in Chemnitz eine gesunde Mitte. "Chemnitz ist nicht so riesig, trotzdem ist kulturell etwas los", sagt sie. Zudem habe sie das interdisziplinäre Konzept ihres Studienganges "Informatik und Kommunikationswissenschaft" überzeugt. Dass die TU eine eher kleine Uni sei, bewertet sie als weiteren Pluspunkt. "Mein Vater ist Dozent an der TU München. Dort gibt es so viele Studenten, da können sie gar nicht den Überblick über alle behalten."

Studentin zu sein, bedeutet für die 19-Jährige nun vor allem: Viel Zeit in ihrem Zimmer oder in der WG-Küche vor ihrem Laptop zu verbringen. Die digitale Lehre habe aber auch Vorteile. Sie kann sich die Vorlesungen in bequemen Klamotten ansehen, muss außerdem in den Pausen nicht von Hörsaal zu Hörsaal hetzen, sondern kann die Zeit sinnvoll nutzen. "Was den Lernmodus angeht, komme ich klar. Aber ich bin ein kontaktfreudiger Mensch. Es fällt schwer, mit so wenigen Menschen auszukommen. Manchmal fühlt man sich dann schon einsam."

Dabei habe sie in ihrer kurzen Zeit in Chemnitz viele Kontakte geknüpft: Sie engagiert sich in der Grünen Hochschulgruppe, mit der sie digitale Spieleabende organisiert hat. Zudem hat sie sich für das TU-Volleyball-Team eingeschrieben - dessen Training aber nach zwei Einheiten coronabedingt eingestellt wurde. Ihre Kommilitonen kennt sie bisher vor allem als Nummern oder Namen aus einer Whatsapp-Gruppe. Dort motiviert man sich, klagt sich gegenseitig sein Leid oder fragt mal, wie es den anderen geht. Einmal wurde Sophie Scheurer-Clark während einer Busfahrt angesprochen. Eine Mitstudentin hatte sie durch ihr Whatsapp-Profilbild erkannt. Seitdem lernen die beiden hin und wieder gemeinsam Mathe.

Inzwischen neigt sich ihr erstes Semester als Studentin dem Ende entgegen. Demnächst stehen Prüfungen an - die ebenfalls digital stattfinden, mit durchgehend angeschalteter Webcam, um Betrugsversuche zu erkennen. Dass im kommenden Semester Normalität zurückkehrt, glaubt sie nicht. "Wir Studenten werden wahrscheinlich als allerletzte geimpft", vermutet sie. Ohnehin fände sie es in Ordnung, wenn es noch eine Weile mit der digitalen Lehre weitergeht. Aber endlich wieder mit der Volleyball-Mannschaft auf dem Feld stehen, um die anderen richtig kennenzulernen und einen Ausgleich zum Lernen zu haben - diesen Teil ihres Studentenlebens wünscht sie sich so schnell wie möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

00 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.