Auto, Fahrrad, Bus und Bahn: Wie soll die Stadt mobil bleiben?

Die zweite Runde des "Freie Presse"-Forums Chemnitz diskutiert widmete sich dem Thema Verkehr. Die Teilnehmer sprachen über Radwege, Haltestellen, breite Straßen - und über eine ungewöhnliche Idee.

Der überraschendste Vorschlag vielleicht gleich vorweg: Man müsse auch einmal etwas Außergewöhnliches wagen, hatte ein Teilnehmer beim "Freie Presse"-Forum Chemnitz diskutiert erklärt. Und dieses Außergewöhnliche könne auch ein Verkehrsprojekt sein, zum Beispiel eine Straßenbahn auf den Sonnenberg oder eine Seilbahn über den Schloßteich. Die Chemnitzer Grünen hatten ähnliche Ideen schon vor einem Jahr öffentlich gemacht. "Beim kreativen Denken darf es keine Schranken geben", hatten Vertreter der Partei damals erklärt.

Gedankliche Schranken gab es auch nicht beim "Freie Presse"-Forum im Business-Village an der Beckerstraße. Über drei Stunden wurde an insgesamt drei Tischen in Fünfer- bzw. Sechser-Gruppen diskutiert, woran es der Mobilität in Chemnitz mangelt. Unterstützt wurde die Diskussion durch vier Experten: Prof. Marlen Arnold, Inhaberin des Lehrstuhls Betriebliche Ökonomie und Nachhaltigkeit an der TU Chemnitz, Thomas Lörinczy vom Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs, Helmut Büschke vom ADAC Sachsen sowie Alexander Kirste vom städtischen Tiefbauamt.


Vor allem letzterer galt für die meisten der Teilnehmer als Adressat ihrer Vorschläge und Ideen, die das Vorankommen in Chemnitz - mit welchem Fortbewegungsmittel auch immer - besser machen könnten. Bemängelt von mehreren Teilnehmern wurde vor allem das lückenhafte Radwegenetz in der Stadt. Die Wege endeten häufig im Nichts, die Durchgängigkeit sei nicht gewährleistet, was es Radfahrern schwer mache. Neben der Topografie sei das der Hauptgrund, war man sich einig, dass der Anteil des Fahrrads an der Gesamtmobilität in der Stadt statistisch rückläufig sei. Dass es keine durchgehenden Radwege in der Stadt gibt, empfinde auch er als "unschön", wie es Alexander Kirste vom Tiefbauamt nannte. Die Behörden könnten Verkehrsanlagen aus Personal- und Geldmangel nur lückenhaft planen und bauen. "Wir können keinen großen Wurf machen; das tut mir als Planer auch weh", sagte er.

Dass das Auto in Chemnitz eine so vorrangige Rolle spiele, habe seine Ursache auch im Angebot, so ADAC-Experte Helmut Büschke. Es gebe gut ausgebaute, breite Straßen im gesamten Stadtgebiet, das sei so historisch gewachsen, sagte er. "Chemnitz ist eine autogerechte Stadt", so Büschke. Diskutiert wurde daher im "Freie Presse"-Forum auch, Straßenfläche zu reduzieren, auf der Brückenstraße oder der Zwickauer Straße sei es möglich, den Autos eine Fahrspur wegzunehmen und statt dessen einen breiten Radweg anzulegen. Ein positives Beispiel hierfür sei zum Beispiel die Annaberger Straße zwischen Innenstadtring und Treffurthstraße.

Insgesamt positiv bewertet wurde der Nahverkehr, obwohl es auch dort Möglichkeiten der Verbesserung gebe, wie einige Teilnehmer der drei Runden feststellten. Hauptkritikpunkte waren die häufig schlechte Anbindung der Stadtteile am Stadtrand sowie die oft umständlich anmutenden Routen einiger Buslinien, die den Nahverkehr im Vergleich zum Auto dann wieder ins Hintertreffen bringen.

Chemnitz diskutiert: Lesen Sie unter den folgenden Links den gesamten Gesprächsverlauf an Tisch 1, Tisch 2 und Tisch 3.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 4 Bewertungen
5Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    3
    Interessierte
    06.05.2019

    Die Teilnehmer sprachen über Radwege, Haltestellen, breite Straßen ...

    Da kam kürzlich ein Beitrag über DD , oder war es Leipzig ?
    Die waren ´sehr froh` über die breiten Straßen aus der Gründerzeit .....

    Wer war denn dieser Teilnehmer für das "Außergewöhnliche" ???

  • 5
    1
    cn3boj00
    05.05.2019

    Als Nichtchemnitzer, der aber viel dort unterwegs ist, bin ich etwas verwundert über die Prioritäten der Diskussionen. Die Teilnehmer haben vor allem über Rad- und Autoverkehr diskutiert. Eine der wichtigsten Säulen, der ÖPNV, wurde nur 2mal gestreift, die fehlende Verbindung nach Adelsberg und die Idee, O-Busse einzusetzen.
    Was Radwege betrifft muss man natürlich ganz klar kritisieren, dass es mit Ausnahme des Chemnitztalradwegs quasi keine Anbindung des Umlandes an Chemnitz gibt. Von außerhalb nach Chemnitz zu radeln geht nur im Straßenverkehr. Null Punkte.
    Als Umlandbewohner finde ich auch den ÖPNV absolut unattraktiv. Das Straßenbahnnetz ist gegenüber früher extrem ausgedünnt, Chemnitz setzt auf Busse, auf Dieselbusse, die im Autoverkehr mitschwimmen. Auch O-Busse sind eben Busse, sie kommen nicht schneller voran als das Auto, das können nur Schienenfahrzeuge, die zusätzlich sauber sind. So interessant das Chemnitzer Modell auch ist, ein innerstädtischer Straßenbahnverkehr nach Reichenbrand/Grüna, Borna/Röhrsdorf, Sonnenberg/Zeisigwald, die Verlängerung vom Campus nach Reichenhain als Beispiele würden dafür sorgen, dass man von der Peripherie schnell im Zentrum ist, mit kostenlosem P+R an jeder Endstelle ideal für Einpendler. KEIN Mensch kommt doch auf die Idee, vom eigenen Auto in einen Bus umzusteigen!
    Und die Busse? Die Erdgasinitiative von vor 10 Jahren scheint vergessen. Dabei ist Erdgas zumindest von der Umweltbilanz viel besser als Diesel. Und viele Städte in Deutschland rüsten um auf E-Busse. Die Investition in eine Batterie ist doch vermutlich viel effektiver als in eine Oberleitung, zumal es in Chemnitz nie so etwas gab.
    Das Fazit, dass der Nahverkehr positiv bewertet wurde, löst bei mir absolutes Befremden aus. Da wundert es mich nicht, dass Chmnitz Autostadt ist und bleibt.

  • 2
    1
    Lesemuffel
    05.05.2019

    Natürlich Verderben viele Köche den Brei. Das kommt davon, weil man in der Stadt nicht fähig ist, einen Generalsverkehrsplan-Entwurf für Stadt und Umland vorzulegen. @haeker: Zur Trasse nach L. O. trifft das Dillema voll zu. Die Röhrsdorfer haben sich stark gegen eine Trassenführung durch den Ort gemacht, flugs gibt's einen dünnen Trostvorschlag auf der alten Reichsbahntrasse Oberfrohna-Wittgensdorf/Mitte. dh. fernab von den Nutzern. Nahverkehr sieht anders aus! Und falls diese Trasse so eines Tages kommen sollte, fordern dann die Röhrsdorfer eine Buslinie? Über einen Radweg von 4 km Länge von Limbach nach Rabenstein zu in einem der "reichsten Länder der Erde" zu diskutieren ist unbegreiflich. Wo leben wir eigentlich? Bauen und fertig, basta, so wie wir es früher konnten, als es noch nicht Massen von Verordnungen, Gesetze, Verbote und PC, digital vernetzt gegeben hatte.

  • 11
    3
    Haecker
    04.05.2019

    Obwohl in Chemnitz nur 4 % (?) des Stadtverkehrs mit dem Fahrrad zurückgelegt werden, sitzen in den Runden überwiegend passionierte Fahrradfahrer: Ein Teilnehmer legt 80 % seiner Wege mit dem Fahrrad zurück, den Rest mit Car-Sharing. ÖPNV? Nö. Einer legt 90 - 95 % mit dem Fahrrad zurück und rät Radfahrern, auf der rechten Fahrbahn in der Mitte zu fahren - Wie war das doch gleich mit "gegenseitiger Rücksichtnahme"? Haben nur Fahrradfahrer Anspruch darauf oder hat das Ausbremsen von Autos und Bussen etwas mit "Rücksichtnahme" zu tun? Außerdem provoziert ein solches Verhalten riskante Überholmanöver, auch mit zu geringem Seitenabstand.
    Dass Bewohner von Bernsdorf oder Gablenz den Chemnitzer ÖPNV loben, ist kein Wunder, denn dort fahren Straßenbahnen, montags - freitags im 10 min.-Takt. Auch der Kaßberg ist mit Bussen (die allerdings oft im Stau stecken [von der baustellenbedingten Umleitung über die Reichsstraße ganz abgesehen]) recht gut erschlossen.
    Nur 2 Teilnehmern ist es aufgefallen, dass es zu wenig Straßenbahnlinien gibt. Man muss als Vergleich aber nicht Prag bemühen, Halle tut's auch, und selbst Plauen ist vergleichsweise besser dran. Und diese 5 Linien befinden sich ja beiweitem nicht im gesamten Stadtgebiet, sondern nur in dessen Südhälfte. Aber auch in unserer Stadt gab es mal ein Straßenbahnnetz, das nahezu des gesamte Stadtgebiet erschloss. Ich kenne noch die Zeit, in der die Straßenbahn tagsüber alle 6 min. fuhr. Da waren Anschlüsse kein Problem. Dieses Netz wurde von 1972 bis 1988 Stück für Stück abgebaut. Das hatte z.T. technische Gründe (Schmalspurbahn), aber nicht nur. Leider ist auch nach 1990 da nicht viel passiert: Der schon in der DDR grundsätzlich vorgesehene Bau der Trasse Stollberger Straße begann erst 1998 und dauerte bis 2004 - über 5 Jahre! Die Trasse Reichenhainer Straße ging dann - angesichts der vorherigen Proteste wegen der erforderlichen Abholzungen - erstaunlich schnell voran, während die Weiterführung ins Zwönitztal wieder auf sich warten lässt. Mal sehen, ob ich die Strecke entlang der Leipziger Straße noch erlebe (bis zur Wittgensdorfer Straße könnte es vielleicht klappen).
    Was mich ärgert, sind die langen Planungs- und Bauzeiten bei Verkehrsbauten aller Art, nicht nur in Chemnitz und Sachsen. Das hat nicht nur etwas mit fehlendem Geld und fehlendem Personal zu tun. Übrigens werden dadurch auch die nun angedachten Rad-Schnellwege nicht so schnell kommen, auch nicht bei Kompromissbereitschaft seitens des ADFC (z.B. in Bezug auf Kreuzungsfreiheit) oder von BUND und Nabu. (Ich versuche mir vorzustellen, wo eine Trasse von Limbach-Oberfrohna nach Chemnitz verlaufen könnte. Da ist nicht nur die Autobahn zu queren.)
    Übrigens: Ich habe zwar kein Fahrrad, aber den Pkw benutze ich nur selten in der Stadt. Aber manchmal erfordert die ÖPNV-Nutzung aufgrund der Taktzeiten vieler Linien schon viel Zeit und engt oft auch ein; man will ja schließlich nicht nur ins Stadtzentrum fahren.

  • 11
    6
    christophdoerffel
    04.05.2019

    Am Geld für Radverkehrsinfrastruktur liegt es sicherlich nicht, eher an mangelenden Sachverstand und Willen.

    Bsp. 1: Beim Neubau der Reichenhainer Str., hätte man die Reichenhainer komplett vom Südbahnhof bis Sportforum als verkehrsberuhigte Zone oder Fahrradstr. ausschildern können. Da hätte man vermutlich sogar noch Geld für Ampeln und Tiefbauarbeiten gespart. Für den Kfz Verkehr gibt es ja die Fraunhoferstraße, die trotz Radweg für Fahrradfahrer unattraktiv (stark befahren, keine direkte Anbindung an Ziele) ist.

    Bsp 2. Stadlerplatz komplett neu gestaltet und in der Verkehrsführung völlig verwirrend und zeitfressend durch zig Ampeln für Radfahrer und Fußgänger.

    Bsp 3. Allein für die Planungen zur Weiterführung des Südrings (die nur zu noch mehr Verkehr auf der B174 etc. führen wird) sind ausreichend Mittel vorhanden. Für eine Planung zur Entschärfung kritischer Stellen im Radverkehrsnetz (Stadlerplatz, Falkeplatz, Südbahnhof...), die den innerstädtischen Kfz-Verkehr reduzieren könnte, fehlen angeblich die Mittel.



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