Das Wahlergebnis und die Folgen

Chemnitz hat gewählt - und das Ergebnis überrascht auch im Detail. Ein AfD-Mann holt die meisten Stimmen, die Linken haben ihre Hochburg in einem ländlichen Stadtteil und die CDU verliert ein prominentes Ratsmitglied.

Die meisten Stimmen für einzelne Kandidaten gingen an zwei AfD-Vertreter. Nico Köhler, der bei der Bundestagswahl im Herbst 2017 noch knapp an Mandatsinhaber Frank Heinrich (CDU) gescheitert war, konnte 6101 Stimmen für sich verbuchen. Volker Dringenberg, Rechtsanwalt und AfD-Chef in Chemnitz, kam auf 5443 Stimmen. Für die CDU holte die Landtagsabgeordnete Ines Saborowski das beste Ergebnis - 4720 Stimmen. Bei den Linken fuhr die Landtagsabgeordnete und bisherige Fraktions-Chefin im Stadtrat, Susanne Schaper, mit 4478 Stimmen das beste Resultat ein. Bundestagsmitglied und SPD-Fraktions-Chef Detlef Müller kam auf 3715 Stimmen - das war bei den Sozialdemokraten aber nur das zweitbeste Ergebnis. Knapp 100 Stimmen mehr als Müller konnte Jörg Vieweg für sich verbuchen. Bei den Grünen holte Volkmar Zschocke die meisten Stimmen - 3844. Zschocke war bereits bis 2014 Mitglied des Stadtrates und seinerzeit nicht wieder angetreten, weil er sich auf sein Landtagsmandat konzentrieren wollte. Nun kehrt er in den Stadtrat zurück.

Prominente Zugänge sind neben Volkmar Zschocke bei den Grünen auch bei anderen Parteien zu verzeichnen. Mit Rechtsanwalt Klaus Bartl zieht erstmals ein langjähriger Landtagsabgeordneter der Linken in den Chemnitzer Stadtrat ein. Ebenfalls neu im Stadtrat sind für die FDP Jens Kieselstein, Geschäftsführer des gleichnamigen Chemnitzer Werkzeugmaschinen-Herstellers, sowie Frank Müller-Rosentritt, der seit Herbst 2017 im Bundestag sitzt.


Einen prominenten Abgang gibt es bei den Christdemokraten: Hier hat es Sachsens CDU-Generalsekretär Alexander Dierks nicht geschafft, sein Stadtratsmandat zu verteidigen. Obwohl die Chemnitzer CDU bei den Kommunalwahlen in der Stadt stärkste politische Kraft geworden ist, hat Dierks den Wiedereinzug in den Rat verpasst. Der 31-Jährige war im Wahlkreis 2 (Hilbersdorf, Ebersdorf, Sonnenberg, Euba) angetreten, allerdings lediglich auf Listenplatz 4. Bereits im Vorfeld der Wahlen hatte er angekündigt, bei der Stadtratswahl Platz für andere CDU-Kandidaten machen zu wollen. Dierks ist neben seiner Funktion als Generalsekretär auch Landtagsabgeordneter der CDU.

Jüngstes und ältestes Mitglied des neuen Stadtrates kommen von den Linken sowie von der FDP. Mit 21 Jahren ist Studentin Carolin Juler künftig das jüngste Mitglied des Gremiums; Dieter Füsslein ist mit 78 Jahren der älteste aller 60 Stadträte.

Mögliche Mehrheiten sind im neuen Chemnitzer Stadtrat nicht mehr so leicht zu organisieren. Weder Rot-Rot-Grün noch Schwarz-Gelb oder Schwarz-Rot verfügen künftig über jene mindestens 31 Stimmen, die für eine Mehrheit nötig wären. Rein rechnerisch denkbar wären ein Bündnis aus CDU, AfD sowie wahlweise den Linken, der SPD oder den Grünen. Angesichts der inhaltlichen Abgrenzungen scheinen allerdings alle drei Möglichkeiten als ausgesprochen unrealistisch. Ansonsten braucht es mindestens vier Gruppierungen, um über eine Mehrheit zu verfügen. Eine solche Option wäre ein Bündnis aus CDU, SPD, Grünen und FDP, das dann über 31 der insgesamt 60 Stimmen im Rat verfügen könnte. Alle anderen Konstellationen erscheinen derzeit eher unwahrscheinlich. Die neuen Räte werden erst im Herbst zu ihrer ersten Sitzung zusammenkommen; im Juni findet noch eine Sitzung des alten Stadtrates statt.

In den Stadtteilen zeigt sich ein äußerst unterschiedliches Bild. Die AfD zum Beispiel hat ihr bestes Ergebnis mit 29,7 Prozent in Einsiedel geholt - was angesichts der monatelangen Proteste gegen die mittlerweile geschlossene Asylbewerbereinrichtung in dem Ortsteil nicht überraschen dürfte. Am schlechtesten schnitt die asylkritische Partei im Stadtteil Kaßberg ab - dort gewann sie 11,1 Prozent der Stimmen. Der Kaßberg ist hingegen die Grünen-Hochburg von Chemnitz: Die Öko-Partei holte dort 19,0 Prozent und ist damit Spitzenreiter im größten Chemnitzer Stadtteil. Die SPD hat ihre Hochburg mit 17,5 Prozent im Stadtteil Helbersdorf, während die Linken mit 26,8 Prozent im eher ländlich geprägten Röhrsdorf dominieren - dort holte die Partei bei der Stadtratswahl ihr bestes Wahlergebnis in einem Stadtteil. Pro Chemnitz ist mit 14,3 Prozent am stärksten am südlichen Stadtrand - in Hutholz; und die FDP-Hochburg befindet sich in Glösa-Draisdorf, wo die Liberalen auf 15,3 Prozent der Stimmen kamen.


Die Mitglieder des neugewählten Chemnitzer Stadtrates

CDU (13 Sitze): Renzo Di Leo, Jutta Verena Neugebauer-Zeidler, Michael Specht, Ines Saborowski, Jürgen Leistner, Kai Andreas Hähner, Tino Jürgen Fritzsche, Falk Ulbrich, Michael Walter, Solveig Kempe, Andreas Marschner, Almut Friederike Patt, Rebecca Marie Thielemann

AfD (11 Sitze): Sven Bader, Lars Kuppi, Volker Götz Dringenberg, Ronald Preuß, Falk Müller, Harald Steffen Wegert, Otto Günter Boden, Nico Köhler, Torsten Lars Franke, Diana Rabe, Paul Günter Steuer

Linke (10 Sitze): Hans-Joachim Siegel, Sandra Zabel, Susanne Schaper, Heiko Alfred Schinkitz, Walter Dietmar Berger, Carolin Juler, Klaus Helmut Paul Bartl, Sabine Pester, Hubert Herbert Gintschel, Thomas Günter Scherzberg

SPD (7 Sitze): Jürgen Dietrich Renz, Jacqueline Drechsler, Julia Bombien, Detlef Müller, Steffen Jörg Vieweg, Wilma Ines Meyer, Maik Otto

Grüne (7 Sitze): Christin Furtenbacher, Katharina Gisela Ursula Weyandt, Manuela Tschök-Engelhardt, Kathleen Kuhfuß, Bernhard Herrmann, Mathias Volkmar Zschocke, Susann Mäder

Pro Chemnitz (5 Sitze): Bernd Arnold, Robert Andres, Karl Martin Kohlmann, Armin Reiner Drechsel, Karl Walther Kohlmann

FDP (4 Sitze): Jürgen Gordon Tillmann, Jens Kieselstein, Walter Horst Dieter Füßlein, Frank Müller-Rosentritt

Liste Volkssolidarität (Vosi, 1 Sitz): Andreas Wolf-Kather

Liste Chemnitz für alle (1 Sitz): Toni Rotter

Die Partei (1 Sitz): Sebastian Cedel

 

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3Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    4
    DTRFC2005
    29.05.2019

    @cn3boj00: Ich schätze mal der hohe Stimmenanteil liegt vorallem darin begründet, das ca. 2800 Wähler jeweil 3 Kreuzchen bei Herrn Köhler gesetzt haben. Das ist bei 15730 gültigen Stimmzettel und 45.998 gültigen nicht viel. Das ist etwa ein fünftel der im WK 1 befindlichen Wähler. Ob das zum OB reicht? Sicher sind da noch die anderen Stadtteile, aber 82 Prozent von Chemnitz hat eben nicht AFD gewählt.

  • 8
    5
    cn3boj00
    28.05.2019

    Die meisten Stimmen für Nico Köhler! Der will jetzt sogar OB werden! Ich hab mal gegoogelt.
    Seine FB-Seite ist inhaltsleer, da beschreibt er nur, wie er gerade Flyer verteilt oder so was, und verlinkt in typischer Populistenmanier irgendwelche Beiträge was wo anders so los ist.
    Auf der Seite https://www.afd.de/person/nico-koehler/ kann man lesen, dass er 2017 auf Listenplatz 14 für den Bundestag antritt.
    Auf einer weiteren Seite https://www.nico-köhler.de/ stehen wenigstens sein Ziele für Chemnitz:
    Reinigung der Fußwege, Parklatzsituation verbessern, Nahversorgung in den Stadtteilen sichern.

    Ich denke, das ist ganz schön kreativ und wird Chemnitz ganz toll voranbringen. Also freut euch auf diesen OB, 6000 Chemnitzer tun das schon.

  • 12
    6
    Pixelghost
    28.05.2019

    Da wird ja jetzt ganz sicher ganz viel, in ganz kurzer Zeit, geschafft werden.

    Sarkasmus aus



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