Fahrrad statt Auto - Forscher nehmen Schulwege ins Visier

Vor dem Andrégymnasium bildet sich jeden Morgen ein Stau, weil Eltern ihre Kinder bis vor den Eingang bringen. Zusammen mit der TU wird nach Alternativen gesucht. Einige Schüler machen schon vor, wie es gehen könnte.

Kaßberg.

Clara Helmerts Reißzwecke fällt sofort ins Auge. Nicht wegen ihrer Farbe; grüne Reißzwecken gibt es auf dem Chemnitzer Stadtplan einige. Sondern wegen ihrer Position - es ist die einzige grüne im Umkreis von mehreren Zentimetern. Dort, wo sich auf dem Plan der Chemnitzer Westen erstreckt, befinden sich sonst nur weiße Reißzwecken. Das bedeutet, dass Schüler, die etwa in Rabenstein zu Hause sind, mit dem Bus zum Andrégymnasium auf dem Kaßberg fahren oder von ihren Eltern im Auto gebracht werden. Claras grüne Reißzwecke drückt hingegen aus, dass sie das Fahrrad nimmt - obwohl sie in Siegmar wohnt und pro Weg etwa fünf Kilometer zurücklegen muss. "Wenn ich morgens an der Schule ankomme, bin ich richtig wach", sagt die 13-Jährige und lacht.

Mit der Art der Mobilität auf dem Schulweg werden sich Clara und etwa 20 ihrer Mitschüler aus dem achten Jahrgang, die das sportliche Profil gewählt haben, bis 2020 genauer beschäftigen. So lange läuft ein Forschungsprojekt, das das Andrégymnasium, die TU Chemnitz, die Universität Hamburg und eine dortige weiterführende Schule gemeinsam durchführen. Auf diese Weise soll untersucht werden, wie Jugendliche zu aktiver Mobilität animiert werden können - dass sie sich also nicht von ihren Eltern fahren lassen, sondern die Wege zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit dem Skateboard oder einem ähnlichen Fortbewegungsmittel zurücklegen.

Der Anlass für das Vorhaben, das von der Robert-Bosch-Stiftung mit etwa 45.000 Euro unterstützt wird, ist kein neues Phänomen. Schon seit Jahren ist von sogenannten Helikopter-Eltern die Rede, die ihre Kinder umkreisen und sie so behütet wie möglich aufwachsen sehen wollen. Das drückt sich unter anderem darin aus, dass Mütter und Väter ihre Sprösslinge auch über kurze Strecken kutschieren, damit diesen ja nichts zustößt. Wie sich das auswirkt, kann Tobias Reuther jeden Morgen beobachten. "Zwischen 7und 7.30 Uhr geht vor der Schule gar nichts mehr", sagt der stellvertretende Leiter des Andrégymnasiums. Das Klischee von Eltern, die ihre Kinder mit einem SUV, einer Geländelimousine mit Allradantrieb, direkt bis vor den Eingang fahren, treffe zumindest auf einige Familien zu. Reuther verweist darauf, dass die Henriettenstraße, an der das Gymnasium liegt, relativ schmal ist. Zum Glück habe es noch keine Unfälle mit Verletzten gegeben. "Aber Spiegel wurden schon abgefahren." Der stellvertretende Schulleiter hat die Einführung des sportlichen Profils maßgeblich vorangetrieben und arbeitet mit verschiedenen Angeboten darauf hin, dass die Schüler mehr Bewegung in ihren Alltag integrieren. So hat er gemeinsam mit 40 Schülern im September beim Firmenlauf teilgenommen. Zudem soll auf dem Schulgelände eine Kletterwand installiert werden.

Die Beteiligten des Forschungsprojektes wollen herausfinden, welche Bedingungen dazu geeignet sind, aktive Mobilität zu fördern. Dabei dienen die Schüler nicht nur als Probanden. "Das Projekt hat Workshop-Charakter. "Wir wollen mit den Schülern forschen", sagt Anne Reimers, Juniorprofessorin für Sportpädagogik an der TU Chemnitz. Am Ende könne eine Art Leitfaden entstehen. Vielleicht ergeben sich nach Reimers Angaben Erkenntnisse, auf denen etwa die Stadt bei der Planung von Verkehrsräumen aufbauen kann. Das Forschungsprojekt soll nicht nur während der regulären Unterrichtsstunden im Sportprofil vorangetrieben werden. Auch zwei Workshops mit den Hamburger Schülern sind geplant - einer in der Hansestadt, einer in Chemnitz.

Zum Auftakt am Dienstag füllten die Gymnasiasten zunächst einen Fragebogen aus. Sie sollten unter anderem darüber Auskunft geben, wie sie ihren Schulweg bewältigen. Anschließend wurden sie mit Schrittzählern ausgestattet und sollten im benachbarten Andrépark spazieren gehen. Eine Aufgabe lautete, binnen fünf Minuten so viele Schritte wie möglich zu machen. "Die Kinder sollen ihr Verhalten reflektieren", sagt Reimers.

Bei mehreren Schülern scheint dieses Ziel schon erreicht worden zu sein. Joey Schwalbe wohnt in Röhrsdorf und fährt meist mit dem Bus zur Schule. Einmal hat der 13-Jährige bislang das Fahrrad genommen. "Das hat 45 Minuten gedauert", berichtet der Achtklässler. Er überlegt, zumindest im Sommer häufiger in die Pedale zu treten, und freut sich auf das Forschungsprojekt. "Es wird viel diskutiert über Erderwärmung. Deshalb ist es wichtig, dass wir darüber sprechen."

Auch Clara Helmert findet es wichtig, die Anzahl der Autofahrten zu verringern, damit weniger Abgase entstehen. Aber nicht nur deshalb fährt sie mit dem Fahrrad zur Schule. "Wenn ich den Bus nehme, muss ich umsteigen. Mit dem Fahrrad geht es schneller."

Bewertung des Artikels: Ø 4.5 Sterne bei 4 Bewertungen
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...