Schuld und Schulden

Stephan Lorenz über den Gauck-Besuch in Griechenland

Der Staatsbesuch des Bundespräsidenten in Griechenland erfordert Taktgefühl und diplomatisches Geschick. Der frühere Pfarrer Joachim Gauck ist dafür der richtige Mann. Seit der europäischen Finanzkrise und dem empfindlichen Spardiktat für die griechischen Staatsfinanzen ist das zuvor so freundschaftliche Verhältnis beider Länder getrübt. Weil Berlin als der Zuchtmeister Europas angesehen wird, ist das Bild vom hässlichen Deutschen in Griechenland allgegenwärtig. Mit dazu beigetragen haben dürfte die Begleitmusik aus Deutschland, die mit den europäischen Milliardenhilfen einherging. Von faulen und chaotischen Griechen war zu lesen, die an ihrem Staatsbankrott selber schuld seien. Wenn sich jetzt in Umfragen über 70 Prozent der Deutschen für Milliardenhilfen an die notleidende Ukraine aussprechen, um das Land im Namen von Demokratie und Freiheit aus den Klauen Putins zu befreien, dürften die Griechen die unterschiedlichen Befindlichkeiten mit Befremden zur Kenntnis nehmen.

Gestern hat Gauck in Lingiades wegen der Verbrechen der Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg um Vergebung gebeten. Vorher hat das noch kein deutscher Staatsmann gesagt. Es ist nicht mehr als eine symbolische Geste, aber sie wird in Griechenland honoriert werden. Auch im Umgang mit den Massakern der deutschen Wehrmacht während der Besatzung wurden die Griechen allenfalls zweitrangig behandelt. Der ökonomisch messbare Gesamtschaden, den das Land durch die deutsche Besetzung erlitten hat, liegt aber nach den Ergebnissen unabhängiger Historiker umgerechnet auf die Bevölkerungszahl an vierter Stelle nach Polen, der Sowjetunion und Jugoslawien. Die griechischen Reparationsforderungen wird Berlin nicht mal im Ansatz erfüllen, schon um keinen Präzedenzfall für weitere Ansprüche zu schaffen. Es wäre in der Tat auch unsinnig, deutsche Nettozahlungen im Rahmen europäischer Vereinbarungen mit Forderungen aus der Zeit des Weltkrieges zu verrechnen. Zudem hat Athen 1990 das völkerrechtlich bindende "Zwei-plus-Vier"-Abkommen für Deutschland anerkannt. Damit war die Frage der Reparationen ad acta gelegt worden. Athen sollte das derzeit schwierige deutsch-griechische Verhältnis nicht weiter wegen innenpolitischer Motive belasten.

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